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Warum sich McLaren gezwungen sah, bei Ricciardo zu handeln

Teamchef Andreas Seidl bezeichnet das Ricciardo-Aus bei McLaren als "gemeinsames Versagen" und erklärt warum sich das Team für eine Vertragsauflösung entschied

(Motorsport-Total.com) - Die Entscheidung von McLaren, sich vom achtfachen Formel-1-Rennsieger Daniel Ricciardo vorzeitig zu trennen, ist bei den Formel-1-Fans nicht überall auf Gegenliebe gestoßen. Viele sind der Meinung, dass man Ricciardo, der einen festen Vertrag bis 2023 hatte, mehr Zeit hätte geben sollen, um die Geschwindigkeit zu entfalten, von der jeder weiß, dass sie in ihm steckt.

Andreas Seidl, Lando Norris, Daniel Ricciardo

McLaren sah sich gezwungen, Daniel Ricciardos Vertrag vorzeitig aufzulösen Zoom

Aber die Formel 1 ist kein Sport, in dem Nettigkeit eine Belohnung garantiert. Es ist eine brutale Arena, in der Erfolg und Misserfolg in Zehntelsekunden gemessen werden - und wenn irgendein Element des Pakets nicht funktioniert, dann muss es in Angriff genommen werden. Steht man einen Moment still, geht es rückwärts.

Im Fall von McLaren wurde im Laufe des Jahres 2022 mehr als deutlich, dass die Lücke zwischen Lando Norris und Ricciardo, die über weite Strecken der letzten Saison bestand, in diesem Jahr nicht wirklich geschlossen wurde.

Abstand für Mittelfeldteam zu groß

Ricciardo konnte immer noch nicht das Vertrauen in das McLaren-Konzept gewinnen, das nötig war, um die beste Leistung aus dem Auto herauszuholen, und so fehlten ihm oft ein paar Zehntel auf seinen Teamkollegen.

Hätte McLaren einen Puffer zur Konkurrenz, dann wäre ein solcher Abstand zwischen den beiden vielleicht nicht so alarmierend. Aber wenn man in einem intensiven Mittelfeldkampf gefangen ist, können drei Zehntel manchmal den Unterschied zwischen einem Q3-Heldeneinzug und dem Ausscheiden in Q1 ausmachen.

Und wenn man am Sonntag in den unteren Rängen der Startaufstellung festsitzt, ist es unglaublich schwer, Fortschritte zu machen und sich näher an die Spitze zu bringen.


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Wenn sich dieser Zustand zu oft wiederholt, kommt es zu der Art von Punktedifferenz, die McLaren zwischen seinen beiden Autos feststellen muss. Dem Management des Teams aus Woking ist nicht entgangen, dass Norris derzeit 76 Punkte hat, während Ricciardo nur 19 Zähler vorweisen kann.

Das ist eines der größten Defizite zwischen Teamkollegen im Formel-1-Feld, und bei einem so ehrgeizigen Team wie McLaren, das wieder an die Spitze zurückkehren will, gab es offensichtlich Bedenken, ob sich eine solche Schieflage im Jahr 2023 wiederholen könnte.

Seidl: Brauchen zwei Fahrer, die Maximum herausholen

Während man jetzt dank Ricciardos Punktebeitrag mit Alpine um den vierten Platz kämpft, bestand die Sorge, dass die mehr als 50 fehlenden Punkte im nächsten Jahr zwei oder drei Plätze in der Konstrukteursmeisterschaft bedeuten könnten.

Und das bedeutet weniger Geld für kommerzielle Rechte, weniger Interesse von Sponsoren und geringere Boni für die McLaren-Mitarbeiter. Teamchef Andreas Seidl macht keinen Hehl aus der Tatsache, dass die Aufgabe eines Teams darin besteht, eine Fahrerpaarung zu haben, die gleich gut zusammenpasst, um das Beste aus ihrem Auto herauszuholen, denn nur so kann das volle Potenzial entfaltet werden.

"Das Ziel ist klar: Jedes Team in der Startaufstellung möchte zwei Fahrer haben, die an jedem Rennwochenende in der Lage sind, das Maximum aus dem Paket herauszuholen, das sie haben", sagt er.

McLaren gesteht Teilschuld am Ricciardo-Versagen ein

"Natürlich war die Situation, in der wir uns jetzt mit Daniel befunden haben, nicht gut, da er mit unserem Auto zu kämpfen hatte. Gleichzeitig hatten wir aber auch einige gemeinsame Herausforderungen und tragen gemeinsam die Verantwortung dafür, dass es nicht funktioniert hat. Ich bin weit davon entfernt, Daniel die Schuld für die Positionen zu geben, die wir zum Beispiel in der Konstrukteurs-WM derzeit einnehmen", so Seidl.

Letztendlich war das Problem mit Ricciardo nicht, dass er nicht die Fähigkeiten und das Talent hat, um erfolgreich zu sein. Es war vielmehr so, dass etwas zwischen ihm und dem McLaren-Autokonzept nicht passte. Nur ein Jahr vor seinem Wechsel zu McLaren war Ricciardo mit Renault 2020 noch einer der herausragenden Fahrer der Saison mit zwei Podestplätzen und einem fünften Platz in der Fahrerwertung.

Der Australier sprach Anfang des Jahres davon, dass die Beziehung zwischen Fahrer und Auto wie die von Tanzpartnern sei: Sie müssen zu einer Einheit werden, wenn es funktionieren soll. Wenn sie aus dem Takt geraten, klappt es einfach nicht.

Seidl: "Haben uns viel Mühe gegeben"

Sowohl McLaren als auch Ricciardo bemühten sich sehr, herauszufinden, warum die Dinge nicht zusammenpassten, aber da es in den 18 Monaten ihrer Beziehung kaum Anzeichen für einen Fortschritt gab, kam ein Punkt, an dem beide vielleicht akzeptieren mussten, dass es nie eine Antwort geben würde.


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Seidl fügt hinzu: "Was die Leistung angeht, so habe ich schon früher gesagt, dass ein Formel-1-Fahrer, der seine Leistung abrufen will, natürlich völlig eins mit dem Auto sein muss, und wir erinnern uns an all die Kommentare, die Daniel über seine Herausforderungen gemacht hat."

"Wie ich bereits sagte, haben wir es gemeinsam einfach nicht geschafft, dass er sich im Auto so wohl fühlte wie Lando, vor allem, wenn es darum ging, das Auto an sein absolutes Limit zu bringen. Wir haben uns viel Mühe gegeben, viel Engagement von Seiten des Teams, um zu sehen, was wir am Auto tun können, um ihm zu helfen."

Seidl: Ricciardo und Norris über Schwächen des McLarens einig

"Er hat sich auch sehr angestrengt, mit Sitzungen mit den Ingenieuren und auch mit Simulationen, aber wir haben es nicht geschafft, die Prozente herauszuholen, die im Vergleich zu Lando ab und zu fehlten. Und leider konnten wir diese Situation nicht lösen."

Aber obwohl die Dinge zwischen McLaren und Ricciardo letztendlich nicht funktionierten - was für beide ebenso überraschend war wie für Außenstehende - hat das Team nichts als Lob für seinen Beitrag, der weit über den brillanten Sieg in Monza im vergangenen Jahr hinausging.

"Auf Daniels Seite und die Lehren daraus, beides wird, glaube ich, nie stillstehen", so Seidl weiter. "Wenn ich auf diese 18 Monate zurückblicke, war es nicht so, dass Daniel etwas ganz anderes vom Auto brauchte als Lando. Eigentlich waren sich beide ziemlich einig, was die Schwächen des Autos angeht."

Seidl: Haben dank Ricciardo den nächsten Schritt gemacht

"Ich möchte auch klarstellen, dass wir in der Zeit, die wir bisher zusammen verbracht haben, alles, was er mit seiner Erfahrung in das Team eingebracht hat, sehr zu schätzen wissen. Ich denke, das hat auch uns geholfen, den nächsten Schritt als Team zu machen."

"Er war immer großartig, auch an den Tagen, an denen er nicht das Auto von uns bekommen hat, das er verdient hätte. Er blieb immer positiv und half mir, das Team weiter nach vorne zu bringen."

"Wir haben zum Beispiel den schwierigen Start, den wir in diesem Jahr hatten, nicht vergessen. Und das war sehr wichtig und positiv zu sehen, das es nichts an dem Respekt geändert hat, den ich persönlich auch für ihn habe."

"Es ist nur leider eine Tatsache, dass wir es hier bei McLaren nicht gemeinsam geschafft haben. Und wie ich schon sagte, ist es am Ende eine Teamleistung zwischen dem Team und dem Fahrer und ich denke, wir haben eine gemeinsame Verantwortung dafür, dass es leider nicht funktioniert hat", resümiert der McLaren-Teamchef.

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