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Von wegen Superstrecke: Warum war Baku todlangweilig?

Hohe Crashgefahr, viele Safety-Cars und gelbe Flaggen: So hatte man sich das Baku-Rennen ausgemalt - Doch die Formel-1-Premiere verlief anders als erwartet

(Motorsport-Total.com) - Was war vor dem Großen Preis von Europa 2016 nicht alles spekuliert und prophezeit worden. Es könnte das spannendste Rennen der Saison werden, Ausgang völlig offen. Fahrer sagten Safety-Car-Phasen, gelbe, ja sogar rote Flaggen voraus. Bernd Mayländer hatte sich geistig schon darauf eingestellt, in sein Ersatzauto zu steigen, sollte der Sprit im ersten nicht reichen. Doch es kam anders: Mayländer konnte sich entspannt zurücklehnen, und auch die Streckenposten hatten recht wenig zu tun.

Waren die Freien Trainings und das Qualifying noch von zahlreichen Fahrfehlern und Ausflügen in die Notausgänge geprägt, verlief das Rennen erstaunlich unspektakulär und ohne größere Zwischenfälle. Jene, die ausfielen, crashten nicht etwa, sondern mussten wegen technischer Probleme aufgeben. Bis auf den Start, bei dem Haas-Pilot Esteban Gutierrez nach einem zu optimistischen Bremsmanöver Nico Hülkenberg im Force India touchierte, verhielt sich das Fahrerfeld in den engen Straßen von Baku überraschend diszipliniert.

Ein ähnliches Chaos wie in der GP2 am Samstag blieb bei der Formel-1-Premiere in der aserbaidschanischen Hauptstadt folglich aus. "Wir haben ihnen die Bilder der GP2 gezeigt", erklärt Mercedes-Teamchef Toto Wolff bei 'RTL' dazu. "Ich glaube, das hat sie dann einigermaßen traumatisiert, wie viele halbe Autos da auf der Strecke gelegen sind. Und dann war zu unserer aller Überraschung gar nichts." Nicht, dass man Crashs hätte sehen wollen. Aber ein bisschen mehr Action auf der Strecke hätte es schon sein dürfen.

Formel 1 in Baku: Konservative Reifenwahl, leichtes Überholen

Doch weder beim Ausgang noch der Strategie gab es große Überraschungen. Nico Rosberg fuhr ungefährdet zum Sieg, ohne auch nur einmal die Führung abzugeben. "Wie erwartet setzte der Sieger auf eine Einstoppstrategie mit langen Stints und wenig Reifenabbau, obwohl eine Runde hier sehr lang ist und mit hohem Topspeed gefahren wird", erklärt Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery. Doch die Temperaturen machten es möglich, mit Softreifen mitunter mehr als 40 Runden zu fahren.


Fotostrecke: F1 Backstage: Baku

So kamen die ersten Sechs mit nur einem Stopp ungefährdet ins Ziel. Der Rest des Fahrerfeldes hatte sich in der Mehrheit ebenfalls für die konservative Reifenwahl entschieden, beginnend auf Supersofts mit ein bis zwei Wechseln auf Softs. Viel Spielraum für Strategiespielchen oder Undercuts blieb da nicht. Einzig vier Piloten nutzten die Mediumreifen von Pirelli - und das nicht ganz freiwillig wie etwa bei Red Bull, die die weicheren Gummis wegen hohen Abbaus tauschen mussten.

Konservativ waren indes auch die Überholvorgänge in Baku. Der Streckenkonstruktion geschuldet fanden diese vornehmlich auf den langen Geraden des 6,003 Kilometer umfassenden Kurses statt. Und da gelbe Flaggen diesmal selten bis gar nicht störten, half das DRS. Weil es unter Gelb nicht erlaubt ist, hatte es so manchem Fahrer im Qualifying noch Positionen gekostet. Im Rennen spülte es insbesondere Autos mit Mercedes-Antrieb ohne große Mühe oder Risiko nach vorn.

Sergio Perez: "Spricht für die Qualität der Fahrer in der Formel 1"

Am Ende waren vom Verlauf die Fahrer selbst am meisten überrascht: "Wenn man bedenkt, wie schwierig die Strecke ist, bin ich sehr überrascht. Aber das spricht für die Qualität der Fahrer, die wir in der Formel 1 haben", sagt Sergio Perez (Force India), der in Baku Dritter wurde. "An jedem Bremspunkt spürst du, wie schnell du hier einen Fehler machen kannst. Und dafür ist einfach kein Platz", beschreibt er die Herausforderung auf der Mutstrecke aus langen Geraden und engen Kurven.

"Man kann jedem nur auf die Schulter klopfen, dass keine Fehler passiert sind", findet der Force-India-Pilot. WM-Spitzenreiter Nico Rosberg, der auf dem neuen Kurs seinen fünften Saisonsieg einfuhr, erklärt sich das vor allem so: "Ich denke, dass die Erfahrung da schon ein bisschen geholfen hat. Wir kennen die Strecke besser und sind in der Lage, solche Vorfälle besser zu vermeiden. Wir haben das Chaos in der GP2 gesehen und daraus ein Stück weit unsere Lehren gezogen. Dennoch ist es schon überraschend", gibt er zu.

Auch Sebastian Vettel (Ferrari) lobt die Qualität des Sports. Es sei viel über die Strecke, ihre Gefahren und Risiken gesprochen worden. Dabei habe er an ein Gespräch mit Sir Stirling Moss denken müssen. "Zu seiner Zeit war es überall gefährlich und für ihn war das einer der Hauptgründe, überhaupt ins Auto zu steigen. Sonst könnte es ja jeder tun", erzählt Vettel. Dennoch möge man sich in manchen Kurven von Baku gar nicht vorstellen, was alles passieren könnte, wenn etwas schiefläuft.


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"Es ist wenig Platz für Fehler, aber das macht dich wachsamer", weiß der Deutsche und versichert: "Natürlich versuchst du immer zu pushen, aber keiner nimmt das auf die leichte Schulter oder geht unnötige Risiken ein." Das hat der Große Preis von Europa eindrucksvoll gezeigt, auch wenn das Rennen dadurch ziemlich eintönig wurde. Ex-Formel-1-Fahrer Timo Glock befand nach dem Zielstrich dennoch: "Die Strecke hat Potenzial für eines der besten Rennen im Kalender." Vielleicht im nächsten Jahr.