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  • 28.05.2015 · 07:59

  • von Dieter Rencken (Haymarket)

Tost über Kundenautos: Rettung oder Untergang der Formel 1?

Können nur Kundenautos die Formel 1 retten? Einer, der es wissen muss, ist Franz Tost - Der Toro-Rosso-Teamchef, der beide Seiten kennt, spricht Klartext

(Motorsport-Total.com) - Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost hat schon viel miterlebt: In seiner Jugend fuhr er Formel Ford und Formel 3, später war er Instruktor und Teammanager bei Walter Lechners Racing School sowie dessen GT-Team, ein Eckpfeiler von Willi Webbers Managementfirma, die beide Schumacher-Brüder betreute, und Betriebsleiter bei BMW, als man 2000 als Motorenhersteller in die Formel 1 einstieg. Und seit 2006 ist er Teamchef bei Red Bulls B-Team.

Franz Tost

Tost weiß, wovon er spricht: Sein Team bezog in der Vergangenheit Kundenautos Zoom

Wenn der 59-jährige Sportwissenschafts- und BWL-Absolvent, der in Trins - also zehn Kilometer von der italienischen Grenze entfernt und damit näher bei Monza als bei seiner Hausstrtrecke Spielberg - geboren wurde, mit sanfter Stimme seinen Gedanken Luft macht, dann sollte man die Ohren spitzen.

Wir treffen ihn am Rennsonntag in Monaco auf der Terrasse des im Hafen des Fürstentums dümpelnden "Party-Schiffs" Energy Station, nachdem wir am Donnerstag bei Red Bulls Cocktail-Happy-Hour ein paar oberflächliche Gedanken über die Strategiegruppe ausgetauscht hatten. Ausgangspunkt war eine Diskussion bei der FIA-Pressekonferenz am gleichen Tag gewesen.

Privatteam in Strategiegruppe machtlos

"Es ist unerheblich, welches Team in der Konstrukteurs-WM Fünfter oder Sechster ist, denn es wird in der Strategiegruppe ohnehin von den anderen überstimmt." Franz Tost

Als klar wird, dass Tost eine klare Meinung zur Zukunft der Formel 1 hat, einigen wir uns auf einen Termin. Damit konfrontiert, dass Toro Rosso ohne die gut dokumentierten Renault-Probleme durchaus auf Platz sechs der Konstrukteurs-WM liegen könnte und damit 2016 einen Sitz in der Strategiegruppe innehätte, spricht er Klartext. Was würde er ändern wollen, wenn Toro Rosso mit Platz fünf sein Saisonziel erreicht?

"Ich habe es bereits öfter gesagt, und ich sage es bei den Meetings: 'Es ist unerheblich, welches Team Fünfter oder Sechster ist, denn es wird ohnehin von den anderen bei jeder Gelegenheit überstimmt werden. Die Top-Teams wollen gar nichts ändern, und sie können machen, was sie wollen, weil sie uns einfach überstimmen - es gibt keine Änderungen."

In Anbetracht dessen, dass das große Schwesterteam Red Bull eines der "vier" ist, handelt es sich um eine starke Aussage, die er im nächsten Satz sogar noch unterstreicht: "Die Strategiegruppe ergibt für mich keinen Sinn..."

Tost fordert: Teams sollen sich aus Reglement raushalten

Es handelt sich um einfache Logik: Tost ist der Ansicht, dass man das Regelwerk am besten den Regelhütern (die FIA) und dem Inhaber der kommerziellen Rechte (FOM) überlassen sollte. "In diesem Fall handelt es sich um Jean Todt und Bernie Ecclestone, die sich zusammensetzen sollten, um dann zu sagen: 'Das ist das Reglemement. Entweder ihr akzeptiert es oder ihr nehmt nicht teil, denn wenn Teams mitreden, dann wird es nie zu einer Lösung kommen'."

Bernie Ecclestone, Jean Todt

Laut Tost müssen Ecclestone und Todt wieder die Kontrolle erlangen Zoom

Damit konfrontiert, dass der Doppelpass zwischen Max Mosley und Ecclestone wegen ihrer Langzeit-Beziehung reibungsloser funktionierte, während einander Todt und der Formel-1-Boss nicht immer so grün sind, bleibt Tost eisern: "Das ist Aufgabe der FIA und von FOM, denn sie leiten den Sport. Wie ich gesagt habe, werden sich die Teams nie auf etwas einigen, weil sie ihren Vorteil nicht verlieren wollen."

Will Tost also, dass die Strategiegruppe aufgelöst wird? "Mir ist die Strategiegruppe egal", sagt er. "Es muss ein Gremium geben, das sich trifft, wo gewisse Dinge diskutiert werden. Ob es die Strategiegruppe weiterhin gibt oder nicht - sie müssen Entscheidungen treffen, was auch immer in irgendeinem Gremium besprochen wird. Bislang gibt es keine Entscheidungen, nur endlose Treffen. Wie gesagt: Wir müssen die Kosten senken. Wir geben zu viel Geld aus. Es zahlt sich nicht aus, so viel auszugeben."

Budgetobergrenze von 150 Millionen US-Dollar realistisch

Toro Rosso hat bereits bewiesen, dass man zu den Top 5 gehören kann, obwohl das Budget nicht einmal so groß ist wie die Einkünfte von Ferrari aus den FOM-Einnahmen. Die ungleiche Geldverteilungsstruktur der Formel 1 wurde hier kürzlich veröffentlicht.

"Es ist nicht nötig, bei jedem Rennen ein Update zu bringen." Franz Tost

Doch wo sollte man laut Tost das Budgetlimit ansetzen und was sollte es miteinbeziehen? "Das Budget sollte vielleicht 150 Millionen US-Dollar betragen", schlägt er vor. "150 Millionen sind viel Geld. Mit diesem Budget kann man ordentliche Arbeit leisten, aber es sollte nicht mehr sein."

Er ergänzt, dass die Mitarbeiterzahl 400 nicht überschreiten sollte: "Für ein Team wie unseres würden 300 Mitarbeiter reichen. 300 Leute für das Chassis und maximal 100 für den Motor." Geht es nach Tost, dann würde auch "die Windkanalzeit, die Nutzung von CFD, die Anzahl der Leute in den unterschiedlichen Abteilungen und die Anzahl der Updates reduziert werden. Es ist nicht nötig, bei jedem Rennen ein Update zu bringen. Vielleicht einmal im Jahr ein Frontflügel, ein Heckflügel, vielleicht etwas bei der Verkleidung - und das war's. Es sollte nicht erlaubt sein, dass für jedes Rennen etwas entwickelt wird."

Kundenauto-Debatte: Tost kennt beide Seiten

Toro Rosso entstand aus dem Minardi-Team, das Ende 2005 vom Energydrink-Giganten als B-Team von Red Bull übernommen wurde. Damals war es der Plan, das italienische Team als Red-Bull-Kundenteam zu betreiben. Als Mittel nutzte man Red Bull Technology - eine Tochterfirma, die genau zu diesem Zwecke gegründet worden war.

Sebastian Vettel

Die Sensation: Vettel triumphierte mit dem Toro-Rosso-Kundenauto 2008 in Monza Zoom

Dennoch sorgten die großen Teams für die Beibehaltung von aufgelisteten Teilen, alsodass Monocoques und weitere maßgebliche Teile geistiges Eigentum der Teams sein müssen. Toro Rosso wurde als gezwungen, seine Herstellungseinrichtungen aufzurüsten. Tost, der beide Seiten kennt, ist daher in der Lage, die Pläne der Formel 1, die zahlreichen Krisen mit der Einführung von Kundenautos zu lösen, zu beurteilen.

"Wie ja bekannt ist, hat Toro Rosso Erfahrung mit Kundenautos, schließlich haben wir von 2006 bis 2009 welche benutzt. Damals war Toro Rosso in seiner bisherigen Formel-1-Geschichte am effizientesten, denn wir erhielten die Autos oder die Zeichnungen und Teile von Red Bull Technology mit einer Motoranordnung von Ferrari."

Tost: Kundenauto-Modell für Toro Rosso uninteressant

"Wir hatten nie das gleiche, aber ein sehr ähnliches Auto, und wir haben damit gewonnen (2008 in Monza mit Sebastian Vettel; Anm. d. Red.). Wir waren auch ziemlich gut in der Konstrukteurs-WM (Sechster; Anm. d. Red.), aber unsere Gegner arbeiteten dagegen und meinten: 'Das entspricht nicht der DNS der Formel 1, das müssen wir ändern'."

"Sie veränderten das Reglement mit den aufgelisteten Teilen und so weiter. Ich habe gesagt: 'Es könnte die Zukunft der Formel 1 sein, dass wir sechs starke Hersteller und sechs Kundenteams haben.' Sie meinten aber, dass das der falsche Weg sei. Jetzt haben wir wieder die gleiche Diskussion, nur hat Toro Rosso jetzt die Infratruktur und alles, also ist das für uns jetzt nicht mehr interessant."

Man hat den Eindruck, dass Tost gegen Kundenautos ist, weil man für den Ausbau der Einrichtungen in Faenza 40 Millionen Pfund in das Team investieren musste. Toro Rosso ist nun in der Lage, ungefähr 80 Prozent des grundsätzlichen Autos im eigenen Haus herzustellen. Er nennt ein paar Zahlen, ehe er zugibt, dass nicht er ist, der das letzte Wort hat.

Kostenfalle Kundenauto: Trügt der Schein?

"Ich habe gehört, dass man an der Formel 1 mit einem Budget von 20 oder 30 Millionen Euro teilnehmen kann - das ist absoluter Unsinn, denn die Top-Teams und die, die Autos verkaufen wollen, arbeiten auf einem sehr hohen technischen und finanziellen Niveau. Dennoch ist es die Entscheidung von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz. Nur damit nicht der Eindruck entsteht, dass Red Bull Racing diese Entscheidung trifft, was eine logische, wenn auch falsche Vermutung wäre. Die Teams sollten aber nicht denken, dass Kundenautos sehr günstig sind."

"Ein Kundenauto von einem Top-Team kostet zwei Mal so viel wie wenn ein Mittelfeldteam sein eigenes Auto baut." Franz Tost

"Ein Auto von so einem Top-Team kostet zwei Mal so viel, wie ein Mittelfeldteam ein Auto kostet, wenn es dieses selbst herstellt. Daher will ich den Träumern da draußen nur sagen, dass die Formel 1 nicht günstig ist, selbst mit Kundenteams."

Zumindest so viel ist hinsichtlich der Kosten von Toro Rosso aus den Kundenauto-Jahren bekannt: Die Saison 2008, als man ein Rennen gewann und Sechster in der Meisterschaft wurde, kostete das Team geschätzte 75 Millionen Pfund. Rund die Hälfte davon wurde von Red Bull beigetragen. Im Vorjahr gab das Team 90 Millionen Pfund aus und hatte einen sechsten Platz als Saison-Highlight und Platz sieben im Gesamtklassement zu Buche stehen.

Tost sieht Einnahmenverteilung als Hauptübel

Wenn man die beiden Budgets in Anbetracht der Wirtschaftslage und der deutlich gestiegenen Motorenkosten sieht, dann ist kein maßgeblicher Unterschied zu erkennen - weshalb es Tost amüsiert, dass Kundenautos in der Debatte als Rettung der Formel 1 gesehen werden. Seiner Ansicht nach - und diesbezüglich sind sich die meisten einig, ganz egal, ob Fans, Sponsoren oder Kollegen - ist die Einnahmenverteilung das Hauptproblem, was sich wiederum auf den Unterhaltungswert der Formel 1 am Sonntagnachmittag auswirkt.

Mercedes-Fabrik in Brackley

Das Mercedes-Team beschäftigt inzwischen rund 1.200 Mitarbeiter Zoom

"Die wirtschaftliche Situation sieht so aus, dass einige Teams viel Geld vom Inhaber der kommerziellen Rechte, von Sponsoren und so weiter erhalten, und wir alle wissen ja, dass die Kosten in der Formel 1 viel zu hoch sind", sagt er. "Wir müssen nicht 300 oder 400 Millionen ausgeben."

"Wir brauchen keine 800 Leute für das Chassis und 400 Leute für den Motor, nur damit zwei Autos um zwei Uhr an 20 Sonntagen im Jahr gegeneinander antreten. Das ist meiner Meinung nach absolut nicht notwendig, damit die Show gut ist, denn wir sollten nicht vergessen, dass die Formel 1 Unterhaltung ist. Und die Leute wollen mindestens fünf bis sechs Autos sehen, die gegeneinander um den Sieg kämpfen können. Sie wollen Kämpfe sehen, und derzeit kann das die Formel 1 nicht auf eine Art und Weise anbieten, damit die Leute am Sonntagnachmittag zuschauen."

Mercedes laut Tost uneinholbar

Laut Tost wird das Problem noch verschärft, weil ein Team (Mercedes) "weit vor allen ist und einen großen technischen Vorteil hat. Sie haben fantastische Arbeit geleistet, und die anderen Teams haben bei ihrem Versuch, aufzuholen, nicht so gute Arbeit geleistet."

"Historisch gesehen gab es immer ein Team, das vorne war, aber nicht auf eine Art und Weise wie dies derzeit mit Mercedes der Fall ist." Franz Tost

Diesbezüglich gibt er aber neben anderen Problemen dem Token-Reglement die Schuld, gegen das er sich als ehemaliger Motoren-Betriebsleiter bereits bei seiner Einführung gestellt hat: "Das Reglement macht es für andere Motorenhersteller schwierig, den Rückstand aufzuholen. Das liegt an der Geschichte mit den Token, die meiner Meinung nach inakzeptabel ist. Ich erinnere mich an ein Treffen, als dieses Reglement erstellt wurde, bei dem ich sagte: 'Wie können die anderen Hersteller aufholen, wenn einer einmal vorne ist?'"

"Die Antwort war: 'Wir müssen Kosten einsparen', aber in der Formel 1 spart man nie Kosten. Historisch gesehen gab es immer ein Team, das vorne war, aber nicht auf eine Art und Weise wie dies derzeit mit Mercedes der Fall ist. Das macht die Formel 1 uninteressant, weil die Leute nicht mehr zuschauen."

Mögliche Folgen einer Kundenauto-Einführung

Zudem hinterfragt er ein paar Randaspekte, was die Einführung von Kundenautos angeht: "Wie viel Geld erhält man vom Inhaber der kommerziellen Rechte? Es kann nämlich nicht sein, dass Kundenteams gleich viel Geld wie Konstrukteure bekommen. Das kann nicht sein. Dann hängt es davon ab, wie hoch die Einnahmen sind. Ich habe davon keine Ahnung..."

"Was wollen die Top-Teams? Sie wollen mehr Geld, sie wollen dritte Autos, sie wollen all die anderen Teams loswerden." Franz Tost

Die Punktevergabe könnte laut Tost in einem Zweiklassensystem ebenfalls für Verwirrung sorgen, denn wie können Kundenteams gleichwertige Punkte für die Konstrukteurs-WM erzielen? "Das wurde nie besprochen, geschweige denn niedergeschrieben. Am Ende kann es nicht sein, dass ein Kundenteams gleichwertige Punkte wie ein Konstrukteur erhält", argumentiert er. Abschließend glaubt Tost, der nie davor zurückschreckte, seine Meinung zu sagen, dass Kundenautos die Formel 1 zerstören könnten.

Seine Aussagen zeugen von profundem Wissen, also lassen wir ihn sprechen: "Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Kundenauto-Sache, die derzeit im Gespräch ist, irgendwelche Probleme lösen würde, denn man stelle sich vor, Mercedes bietet plötzlich Kundenautos an. Dann hätten wir plötzlich vier Mercedes-Autos an der Spitze. Die Teams haben unterschiedliche und eigennützige Interessen, vor allem die Top-Teams. Was wollen sie? Sie wollen mehr Geld, sie wollen dritte Autos, sie wollen all die anderen Teams loswerden."

Das Ende der Formel 1?

"Sie hätten gerne eine Show mit vielleicht fünf Teams, mit jeweils drei oder vier Autos oder so, um mehr Geld zu verdienen. Das würde die Formel 1 100-prozentig zerstören, denn die Leute haben kein Interesse daran, nur fünf Teams zu sehen. Sie wollen andere Teams sehen, sie wollen sehen, wie sie gegeneinander kämpfen."

"Das wäre so, als würde es im Fußball nur fünf Teams geben: Real Madrid, Barcelona, Manchester United, Chelsea und Bayern München. Die Leute verlieren das Interesse, wenn nur sie jedes Wochenende gegeneinander spielen."

"Nein, die Leute interessieren sich dafür, auch andere Teams wie Force India, wie Sauber, wie Toro Rosso und so weiter zu sehen. Darum geht es in der Formel 1. Was passiert, wenn eines dieser Top-Teams wegfällt? Bringt dann jedes Teams sechs Autos? Nein, wir müssen ein Reglement finden, dass die Kosten senkt und die Leistung der unterschiedlichen Teams angleicht, damit sie alle auf einem ähnlichen Niveau sind. Das ist möglich."

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