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Kundenautos: "Kleine" waren vor Zwei-Klassen-Gesellschaft

Mercedes schmeckt der Vorschlag wegen vermeintlicher Kosteneffizienz, Sauber und Lotus sehen sich mittel- und chancenlos hinterhergurken

(Motorsport-Total.com) - Es ist ein Vorschlag, der mit erstaunlicher Regelmäßigkeit Einzug in die Debatte um die Zukunft der Formel 1 erhält: Kundenautos. Auf der Suche nach Auswegen aus der Krise erntet aber auch keine Idee so viel Kritik wie das Modell, dem die Strategiegruppe in der vergangenen Woche zur Wiederauferstehung verhalf. Die kleinen Teams bringen ihre Ablehnung deutlich zum Ausdruck, wenn etwa Lotus-Geschäftsführer Matthew Carter 'Autosport' sagt: "Wir wollen kein Kundenteam sein."

Sergio Perez, Felipe Nasr, Felipe Massa

Viele Farben, aber nur vier verschiedene Boliden? Kundenautos polarisieren Zoom

Wirklich? Am Rande des Monaco-Grand-Prix meint Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff in der Medienrunde der Silberpfeile, drei Mannschaften seien an ihn herangetreten, um über Kundenautos zu verhandeln - um anschließend zu lachen und anzumerken: "War doch nur ein Scherz." Denn es ist kaum vorstellbar, wer von den Kleinen ernsthaft darüber nachdenkt, seine Eigenständigkeit aufzugeben.

Es geht nicht nur um Stolz und Ehre, es geht um die Umsetzbarkeit des Vorhabens Kundenautos, die Formel-1-Boss Bernie Ecclestone derzeit prüft. "Ich weiß nicht, wie die Idee funktionieren soll", wundert sich Carter. Als sie im vergangenen Jahr in der Strategiegruppe besprochen wurde, ging es darum, einen Mercedes- oder Red-Bull-Jahreswagen einzusetzen - etwa wie vor einigen Jahren in der DTM. "Etwas, was nie funktioniert hätte. Sogar mit neuem Chassis ist es kein Geschäftsmodell für uns."

Lauda: Kleine Teams sollten darüber nachdenken

Der Lotus-Mann liegt auf einer Wellenlänge mit Force-India-Boss Vijay Mallya und Monisha Kaltenborn, die an simple Erweiterung des Machtgefüges nach bewährtem Muster glaubt. "Das macht den Wettbewerb nicht besser, außer Mercedes schenkt jedem eines seiner Autos", kommentiert die Sauber-Teamchefin im Gespräch mit 'Globo' süffisant. "Ich verstehe nicht, wie Sponsoren überzeugt werden sollen. Ich denke sogar, dass es noch schwieriger wird, weil drei oder vier Teams sich einen Wettbewerb liefern und der Rest nur mitschwimmt."


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Es wäre eine Zwei-Klassen-Gesellschaft ohne Aufstiegschance, weil das Werk dem Kunden immer einen Schritt voraus ist - so argumentieren die Kritiker. Mercedes sieht die Sache anders, nachdem Wolff und Co. dem Vorschlag im vergangenen Jahr zunächst zurückhaltend begegnet waren. "Kundenautos haben wir zum Beispiel in der NASCAR-Serie, wo es gut funktioniert", lobt der Österreicher. "Wir würden uns das gerne ansehen, auch wenn sich die Frage der Finanzierung stellt. Es ist ein gutes Modell."

In die gleiche Kerbe schlägt Niki Lauda bei 'Sky Sports F1'. Er sieht eine veritable Alternative, die angesichts der finanziellen Probleme nicht einfach ausgeschlossen werden sollte: "Die Rennställe, die nie genug Geld haben werden, sind selbst schuld", so der Aufsichtsratsboss der Silberpfeile. "Entweder du kannst alles selbst auf die Reihe bekommen oder du schlägst den anderen Weg ein. Ein Ferrari ist dann bestimmt schneller als ein Force India." Heißt: Wer mehr Geld hat, ist sowieso vorne, ob Kunde oder nicht.

Kaltenborn warnt: Ausstieg eines Chassisherstellers wäre der GAU

Zum Einsatz eines dritten Boliden verpflichtet wären Ferrari, Red Bull und McLaren - nicht Mercedes - laut der Rahmenverträge mit Ecclestone nur dann, wenn das Teilnehmerfeld die Zahl 16 unterschreitet. "Warum sollten wir darauf warten?", fragt sich Lauda. "Wir können es schon vorher umsetzen. Wenn ein Team wie Sauber alleine nicht weitermachen kann, haben sie die Wahl." Die angesprochenen Schweizer wollen aber auf eigenen Beinen stehen. Ganz energisch, wie Kaltenborn betont.

Olivier Panis

Als Alain Prost bei Ligier übernahm, hatte er auch einen alten Benetton in der Box Zoom

Ihr graust es vor dem Gedanken, einen fertigen Boliden nach Hinwil geliefert zu bekommen: "Das Schlimmste ist, die technische Infrastuktur für Design und Bau der Autos aufzulösen." Es schwingt die alte Sauber-Angst vor dem plötzlichen Ausstieg der Konzerne mit, wie es die Truppe einst mit BMW erlebte. "Man stelle sich vor, das Team, bei dem man einkauft, verlässt die Formel 1", überlegt Kaltenborn. Carter findet zumindest einen positiven Aspekt an dem Vorhaben: "Es würde nur den Einstieg für Teams, die kommen wollen, erschwinglicher machen, was gar nicht so schlecht wäre."

Gespalten sieht die Sache Alain Prost. Die Rennlegende, die mit dem Ligier-Team einst selbst einen De-Facto-Kunden Benettons kaufte, kommentiert gegenüber 'F1i.com': "Es liegt doch im Erbe der Formel 1, dass Teams ein Chassis entwerfen und bauen, auch wenn eine gemeinsame Plattform und begrenzte Aerodynamik die Kosten senken könnten." Prost weiß aber auch, dass die Einführung der Kundenautos in der Realität nicht so viel ändern würde wie es sich mancher ausmalt: "Wenn ich mir Manor-Marussia ansehe, dann ist die Formel 1 schon eine wenig wünschenswerte Zwei-Klassen-Gesellschaft."

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