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Neues Qualifying: Verwirrung, Skepsis und Fragen über Fragen

Der neue Qualifikationsmodus der Formel 1 für die Saison 2016 soll mehr Spannung schaffen, stiftet momentan allerdings vor allem Verwirrung und wirft viele Fragen auf

(Motorsport-Total.com) - Die Formel-1-Kommission hat am vergangenen Dienstag einstimmig einen neuen Qualifyingmodus für die Saison 2016 beschlossen. Das neue Format, das in Anlehnung an das beliebte Kinderspiel gerne als "Reise nach Jerusalem" bezeichnet wird, soll der Königsklasse mehr Spannung verleihen, sorgt momentan aber vor allem für eines: Verwirrung. Viele Piloten haben das neue System noch nicht durchschaut. Außerdem sind noch immer eine Menge Fragen offen.

Lewis Hamilton

Lewis Hamilton holte sich in der Formel-1-Saison 2015 die meisten Pole-Positions Zoom

"Ich habe es kurz gelesen, und ich habe es nicht verstanden", erklärt beispielsweise Toro-Rosso-Pilot Carlos Sainz. Grundsätzlich sei ihm ein spannenderes Qualifyingformat zwar "willkommen", doch der Spanier macht sich Gedanken um die Fans. "Das ist meine einzige Sorge, denn wenn ich es nicht auf den ersten Blick verstehe, dann bedeutet das vielleicht, dass es etwas kompliziert ist", so Sainz.

"Ich hoffe, dass es simpel bleibt, das ist wichtig", mahnt auch Merdedes-Pilot Nico Rosberg. "Hoffentlich sorgt es auch für mehr Action. Wenn konstant Leute ausscheiden, kann es eine gute Sache sein", so der Vizeweltmeister. Nico Hülkenberg ergänzt: "Ich habe es gelesen, aber noch nicht im Detail darüber nachgedacht. Bis Melbourne werden wir alles verstanden haben."

Massa prophezeit "Chaos"

Dabei sehen die neuen Regeln auf dem Papier (Hier nachlesen!) eigentlich relativ verständlich aus. Die drei Qualifyingabschnitte bleiben erhalten, doch während der einzelnen Segmente wird alle 90 Sekunden ein Fahrer eliminiert. "Ich weiß noch nicht, ob ich es mag", erklärt Felipe Massa, der die Regeln ebenfalls noch nicht ganz durchschaut hat, bei 'Sky Sports F1'. "Ich verstehe bisher nur, dass sie etwas Chaos schaffen wollen - und das wird auch ganz sicher passieren", so der Brasilianer mit einem Lachen.


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Ganz unrecht hat der Williams-Pilot mit dieser Aussage nicht. Das neue Qualifying soll vor allem dafür sorgen, dass es mehr Überraschungen gibt. "Ich denke, es legt etwas mehr den Fokus darauf, früher zu fahren und keine Fehler zu machen", erklärt Red-Bull-Teamchef Christian Horner gegenüber 'Motorsport-Total.com' und ergänzt: "Einige unvorhersehbare Faktoren wie Gelbe Flaggen oder Rote Flaggen bleiben bestehen."

Kommt eine Gelbe oder Rote Flagge zu einem ungünstigen Zeitpunkt, könnte das auch für einen Topfahrer ganz schnell das Ausscheiden bedeuten. Trotzdem glaubt Horner nicht, dass solche Überraschungen die Regel sein werden. "Es wird vielleicht ein kleines bisschen mehr Unvorhersehbarkeit generieren, aber sobald die Teams lernen, damit umzugehen, wird es kein großer Game-Changer sein", erklärt er.

Qualifying am Kommandostand?

"Für die Fahrer und das Team steigt der Druck", erklärt McLarens Rennleiter Eric Boullier. "Wenn man in der Formel 1 etwas verändert, dann gibt es immer positive und negative Seiten. Die DNA des Qualifyings wurde nicht verändert. Für die Teams wird es für das Timing und die Strategie eine Herausforderung. Die Fahrer dürfen sich auch keine Fehler leisten, denn das könnte das Ausscheiden bedeuten", so der Franzose.


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"Wir haben in Woking einen voll ausgestatteten Strategie-Raum mit ausgefeilten Computer-Programmen. Die Kommunikation läuft direkt mit dem Kommandostand an der Strecke. Da wissen wir immer, was die besten Optionen sind und behalten den Überblick", verrät Boullier, der McLaren daher auch für den neuen Modus gut aufgestellt sieht. "Abgesehen von etwas Unvorhersehbarkeit finde ich es keine dramatische Änderung", so der Franzose.

"Ich hoffe, dass es simpel bleibt, das ist wichtig." Nico Rosberg

Trotzdem verrät er, dass er als "Racer" lieber ein anderes Format hätte. "Wir müssen auch an die Show denken", ist sich der McLaren-Rennleiter allerdings bewusst. "Ansonsten beschwert ihr euch immer, dass wir nie etwas entscheiden", erklärt er gegenüber 'Sky Sports F1' im Hinblick auf die Formel-1-Kommission und ergänzt: "Wir können es nicht allen recht machen."

Entscheidung sorgt für Kopfschütteln

Tatsächlich kommt die Änderung des Qualifyingformats überraschend. Noch immer konnten sich die führenden Köpfe der Formel 1 nicht auf ein Reglement für 2017 einigen, obwohl daran bereits seit Monaten gearbeitet wird. Die neue Qualifikation wurde nun aber ganz schnell durchgewunken. "Würde man eine Reihenfolge aufstellen, dann gäbe es andere Dinge, die ganz sicher davor kommen würden", wundert sich auch Daniel Ricciardo über die Prioritäten von Strategiegruppe und Formel-1-Kommission.


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Nico Hülkenberg zeigt sich außerdem über den Zeitpunkt des Beschlusses verwundert. "Überraschend, dass es drei Wochen vor dem Saisonauftakt ein anderes Qualifyingformat gibt. Ich glaube, das gibt es in keinem anderen Sport", grübelt der Deutsche, der sich "noch nicht im Detail" mit dem neuen Modus auseinandergesetzt hat. "Es sieht aber lustig aus", so der Force-India-Pilot.

"Es ist ziemlich interessant, es wird schwierig werden", erklärt Williams-Technikchef Pat Symonds. Der Brite merkt allerdings an: "Ich denke nicht, dass es das Qualifying selbst verbessern wird. Ich denke sogar, dass die Gefahr besteht, dass das Qualifying gar nicht so spannend wird. Allerdings könnten sich die Rennen dadurch verbessern."

Kwjat befürchtet "ziemliches Durcheinander"

"Es wurde ziemlich kurzfristig entschieden, also haben wir nicht viel Zeit, um uns viele Gedanken darüber zu machen", sagt Symonds und ergänzt: "Daher denke ich, dass alle von uns Fehler machen werden, ganz besonders zu Beginn. Es wird Situationen geben, in denen Autos den richtigen Zeitpunkt verpassen. Dadurch werden einige der schnellen Autos manchmal von etwas weiter hinten starten, was uns tolle Rennen bescheren wird."


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Red-Bull-Pilot Daniil Kwjat verrät derweil: "Wir haben noch nicht groß darüber im Team gesprochen. Als ich es zum ersten gelesen habe, sah es nach einem ziemlichen Durcheinander aus. Aber es wird sich wohl gar nicht so viel verändern. Trotzdem wird es interessant. Ich hoffe, das neue Format wird gut funktionieren. Ich denke, es wird ein enger gestaffeltes Qualifying."

"Mein Favorit war das Einzelzeitfahren, das es um 2004 herum gegeben hat", verrät der Russe und ergänzt: "Da ging man raus und musste alles geben. Aber es war halt wegen der Streckenverhältnisse nicht immer ganz fair. Es gibt immer Vor- und Nachteile. Schauen wir mal, ob das hier das Optimum wird. Das jetzige System war nicht schlecht, hoffen wir, dass das neue noch besser wird."

Mercedes zweifelt an besserer Show

Genau an dieser Frage scheiden sich allerdings die Geister. Während einige Piloten der Meinung sind, dass sich das neue Format positiv auswirken könnte, erklärt Weltmeister Lewis Hamilton: "Ich denke ehrlich gesagt nicht, dass sich viel ändern wird." Zwar glaubt der Brite, dass der Modus "gut für die Zuschauer" ist, rein sportlich kann der Mercedes-Pilot allerdings keinen Fortschritt erkennen.

"Das Qualifying war gut, aber wenn es bedeutet, dass mehr Autos auf die Strecke kommen, dann ist das gut", sagt Daniel Ricciardo, doch Mercedes-Teammanager Ron Meadows glaubt, dass noch nicht einmal das der Fall sein. "Im Normalfall werden die schnellen Fahrer am Anfang von Q1 eine schnelle Runde produzieren und dann in den Boxen abwarten, bis die erste K.O.-Runde vorbei ist", erklärt er gegenüber 'auto motor und sport'.

"Ich denke ehrlich gesagt nicht, dass sich viel ändern wird." Lewis Hamilton

"Bislang sind wir etwas später mit der härteren Reifenmischung ins Q1 eingestiegen, dann aber mehrere Runden gefahren. Jetzt werden wir gleich am Anfang rausgehen um uns sicher fürs Weiterkommen qualifizieren. Warum sollen wir danach noch fahren?", so der Mercedes-Teammanager. "Für die Topteams wird sich nichts ändern. Sie werden früh rausfahren und eine Zeit setzen. Für die anderen wird es schwieriger", stimmt Romain Grosjean zu.

"Nicht das Problem der Formel 1"

"Ich bin kein Fan von komplizierten Regeln", verrät der Haas-Pilot und ergänzt: "Für die Leute zu Hause ist es schwierig zu verstehen, was genau passiert. Ich möchte mehrere Chancen haben, eine Quali-Runde zu fahren. Ich liebe es zu fahren. Je mehr Runden wir haben, desto besser. Es wird womöglich schwierig, die Reifen richtig aufzuteilen. Wir müssen früh rausfahren. Dann verbessert sich die Strecke natürlich."


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"Ich würde kein Format ändern. Weder das Qualifying noch das Rennen", erklärt Sauber Pilot Felipe Nasr derweil. "Auch diese Geschichte mit der umgedrehten Startaufstellung - Ich habe nie geglaubt, dass das das Problem der Formel 1 ist. Wenn man es sich genau ansieht, dann kommt heraus, dass es die Teams unter Druck setzt, so bald als möglich auf den weichen Reifen rauszufahren."

"Wenn du am Ende liegst, musst du weichere Reifen aufziehen, um weiter nach oben zu kommen. Du wirst früher rausfahren, und du musst abliefern. Ist das gut oder schlecht? Ich weiß es nicht. Man könnte positive aber auch negative Überraschungen erleben. Stell dir vor, einer wird blockiert und du hast nur einen Versuch... Du meine Güte...", erklärt der Brasilianer und verdreht die Augen.

Viele offene Fragen

Ein weiteres Problem: Der neue Modus steht in seinen Grundzügen zwar bereits fest, doch viele Detailfragen müssen noch geklärt werden. "Die Regeln müssen noch definitiv festgelegt werden, weil die jetzigen Beschlüsse nur einen Vorschlag darstellen", erinnert auch Horner im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. Viel Zeit bleibt dafür allerdings nicht mehr, denn die Saison beginnt bereits am 20. März in Melbourne.

Für Renndirektor Charlie Whiting und Co. könnten es bis dahin anstrengende Wochen werden, denn so gilt es zum Beispiel noch zu klären, was passiert, wenn zum Zeitpunkt der ersten Eliminierung mehr als ein Pilot noch keine Zeit gesetzt hat - zum Beispiel bedingt durch eine Rote Flagge. Gerade auf längeren Kursen wie Spa könnte das zu einem echten Thema werden, da die Eliminierungen teilweise bereits nach fünf Minuten beginnen.

Letztendlich wird die neue Qualifikation vermutlich eher die Teams als die Fahrer vor Herausforderungen stellen. Valtteri Bottas macht sich über die offenen Fragen zumindest keine große Gedanken. Gegenüber 'Sky Sports F1' erklärt er mit einem Lächeln: "Für den Fahrer ist es einfach: Wir müssen einfach immer die schnellste Runde fahren." So sollte es im Motorsport schließlich auch sein.

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