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  • 24.02.2016 · 12:35

  • von Dieter Rencken & Roman Wittemeier

Neuer "Gummi-Paragraf": Formel 1 dadurch unberechenbar?

Neue Freiheiten bei der Wahl der Reifenmischungen und das Debüt des neuen Ultrasofts: Wie Pirelli das Feld der Formel 1 in der Saison 2016 auflockern könnte

(Motorsport-Total.com) - Die Formel-1-Teams sammeln bei den aktuellen Testfahrten in Barcelona erste Erfahrungen mit ihren Boliden für die Saison 2016. Neben Arbeiten an Zuverlässigkeit, Setup und Performance stehen auch die Reifen der neuesten Generation im Fokus. Pirelli hat einen neuen Ultrasoft-Reifen im Angebot, der im Verlauf des Jahren durchaus für Überraschungen sorgen könnte, denn die Teams dürfen 2016 zusätzlich zu den Pirelli-Nominierungen eine weitere Variante wählen und einsetzen.

Sebastian Vettel © xpbimages.com
Sebastian Vettel ließ am Dienstag die neuen Ultrasoft-Reifen aufschnallen

Der neue, violett markierte Ultrasoft könnte zum Joker werden, wenn in einem kurzen Sprint das volle Potenzial abgerufen werden soll. Erste Versuche in Barcelona zeigten, dass die sehr weiche Mischung pro Runde rund 0,8 Sekunden schneller ist als die Supersoft-Mischung. "Die neue Variante fühlt sich an wie der Supersoft, ist aber noch eine Spur weicher und bietet deshalb eben noch ein wenig mehr Grip", schildert Daniel Ricciardo seine ersten Eindrücke vom neuen Pneu.

Der Red-Bull-Pilot war neben Ferrari-Star Sebastian Vettel einer der wenigen Fahrer, der dem Ultrasoft am Dienstag auf den Zahn fühlte. "Es ist ein angenehmer, kleiner Fortschritt. Der neue Reifen ist gut, um mal eine richtig schnelle Runde zu drehen", so der Australier. Klar ist jedoch, dass die neue Variante von Pirelli kaum lange halten wird - nach drei bis vier Runden bauen die Ultrasofts merklich ab, an einen Longrun ist kaum zu denken.

Dennoch dürfte der Pneu in der Formel-1-Saison 2016 für einige Teams zum Joker werden. Ab sofort können die Teams und Fahrer neben den von Pirelli vorgegebenen zwei Mischungen pro Grand-Prix-Wochenende jeweils noch eine dritte Mischung anfordern. Diese Variante stellt einerseits ein taktisches Element dar, andererseits lässt sich somit auf besondere Eigenheiten der jeweiligen Fahrzeuge reagieren. Wer ein Reifen schonendes Auto baut, kann eher mal auf weiche Mischungen zurückgreifen.

Hinterbänkler hoffen auf neue Chancen

"Ich freue mich wirklich darauf. Bei einigen Rennen könnte das Geschehen durcheinandergewürfelt werden, auch wenn ich nicht glaube, dass sich etwas fundamental ändern wird. Es könnte insbesondere zu Saisonbeginn aber durchaus Überraschungen geben", meint Force-India-Pilot Sergio Perez. "Keine Ahnung, ob die Regeln so viel verändern. Es ist für alle schwieriger nachzuvollziehen, das schließt uns mit ein. Aber nach ein paar Rennen können wir besser sagen, ob das wirklich einen Unterschied macht", urteilt Vettel.


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"Ich denke, dass sich im Laufe des Jahres Unterschiede abzeichnen werden. Dadurch könnte es interessant werden. Der eine ist im Qualifying besser, der andere im Rennen. So sollte es in der Formel 1 sein", freut sich Formel-1-Rookie Jolyon Palmer auf neue Varianten im Grand-Prix-Spiel. Vermutlich wird man das volle Ausmaß der Konsequenzen der neuen Regeln erst zur Saisonmitte entdecken können, denn die Teams mussten ihre Mischungen für die ersten Rennen bereits anfordern - ohne Erfahrungen mit den neuen Autos.

"Wir müssen lange im Vorfeld abschätzen, welche Reifen wir brauchen. Ich hoffe, dass wir dabei zunächst im Vorteil sind. Aber das wird nur von kurzer Dauer sein, dann holen alle wieder auf und es gleicht sich aus", meint Force-India-Betriebsleiter Otmar Szafnauer. "Es gibt viele Dinge, die man dabei beachten muss", erklärt Mercedes-Technikchef Paddy Lowe. "Die erste Sache ist, dass Pirelli die Reifen anders konstruiert hat." Die Italiener tragen 2016 eine dünnere Nutzschicht der weichen Mischung auf.

Neue Konstruktion: Gutes Gummi, schlechtes Gummi

"Wenn man diese abgefahren hat, dann trifft man auf den Base-Compound, der so konstruiert ist, dass er eine 'Mauer' beim Reifenverschleiß darstellt. Dadurch wird das Performanceprofil des Reifens eine andere Charakteristik aufweisen", schildert der Brite. Klartext: Wer die neuerdings dünnere Nutzschicht verbraucht hat, muss sein Fahrzeug auf extrem harten Gummis bewegen. Es geht viel Grip verloren, die Rundenzeiten steigen immens in die Höhe.


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"Die andere Sache ist die Formel für die Rennen. Hier können wir uns jetzt die Reifen aussuchen. Das wurde eingeführt, um mehr strategische Vielfalt einzuführen. Nach dem bisherigen Schema gab es meist nur eine einzige Strategie, die die Topteams angewendet haben, weil sie sich alle auf demselben weichsten Reifen qualifiziert haben", sagt Lowe. "Die Anzahl der möglichen Strategien war dadurch meist auf eine reduziert. Mit diesem neuen Plan soll es nun mehrere Möglichkeiten geben, die funktionieren."

"Vielleicht ist eine zweite Möglichkeit eher ein Gamble, aber einer, der sich auszahlen kann", schätzt der erfahrene Techniker. "Es könnte sogar besser als der Basisplan sein. Das ist die Intention: Es soll auch Teams, die nicht in der ersten Reihe stehen, die Chance geben, das Rennen zu gewinnen. Das sind zwei entscheidende Dinge, die wir lernen müssen, und ich bin mir sicher, dass wir mehr Vielfalt bei der Strategie sehen. Es wird künftig zwei oder vielleicht sogar drei verschiedene Strategien geben, die funktionieren können."

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