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Markos Erinnerungen an Rindt: "Er war der wildeste Hund"

Heute vor 44 Jahren starb in Monza Jochen Rindt - Sein Freund und Wegbegleiter Helmut Marko erinnert sich an den Tag: "Ich war fassungslos"

(Motorsport-Total.com) - 5. September 1970. Im königlichen Park von Monza findet bei schönem Spätsommerwetter das Qualifying zum Großen Preis von Italien statt. Ein Fahrer steht an diesem Wochenende besonders im Mittelpunkt, denn nach bereits fünf Saisonsiegen kann Lotus-Pilot Jochen Rindt an diesem Rennwochenende vorzeitig Formel-1-Weltmeister werden. Während der Deutsche, der mit österreichischer Lizenz startet, in Monza um die Pole-Position fährt, fiebert ein Freund in der Heimat mit: Der damalige Nachwuchsfahrer und heutige Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko.

Jochen Rindt

Jochen Rindt wurde nach seinem Tod Formel-1-Weltmeister Zoom

"Ich saß am 5. September 1970 vor dem Radio in Graz und verfolgte das Qualifying in Monza", schreibt Marko in der 'Sport Bild'. TV-Übertragungen waren damals noch nicht die Regel, und so musste Marko mitanhören, was sich in Monza ereignete. Und das war nichts Gutes, denn der Radioreporter berichtet von einem schweren Unfall Rindts.

Beim Anbremsen der Parabolica-Kurve war Rindts Lotus plötzlich nach links abgebogen und heftig in die Leitplanken eingeschlagen. Ursache dafür war vermutlich ein Bruch der Bremswelle vorne rechts. Lotus-Designer Colin Chapman hatte die Bremsanlage aus Gewichtsgründen ins Innere des Chassis verlegt, die Räder waren durch Wellen mit der Bremsscheibe verbunden. So wurde die ungefederte Masse reduziert. Diese zwar schnelle, aber auch defektanfällige Konstruktion wurde Rindt zum Verhängnis.

Tod auf dem Weg ins Krankenhaus

Rindt wurde nach der Erstversorgung an der Rennstrecke ins Mailänder Universitätskrankenhaus gebracht, doch noch auf dem Weg dorthin verstarb er. Todesursache war nach Angaben der Ärzte eine gerissene Luftröhre und ein eingedrückter Brustkorb. Rindt wurde nur 28 Jahre alt. Die Nachricht vom Tode seines Freundes versetzte Marko in einen Schockzustand.


Jochen Rindts letztes Interview 1970 in Monza

"Ich war fassungslos, es war irgendwie surreal. Ich konnte nicht glauben, dass wir unseren Freund nie mehr sehen würden. Gerade jetzt! Denn er hatte die wilden Jahre schon weit hinter sich gelassen", so der Österreicher. So sei Rindt, nachdem er zwei Jahr zuvor seine finnische Ehefrau Nina geheiratet hatte, vorsichtiger gefahren und spielte sogar mit dem Gedanken, nach dem Gewinn des WM-Titels seine Formel-1-Karriere zu beenden.

"Ich war eine Woche vor dem Unfall bei ihm in der Schweiz gewesen, wo wir darüber redeten", erinnert sich Marko, der Rindt nicht nur als Freund verbunden war, sondern in der nächsten Saison für dessen Formel-2-Team fahren sollte. Doch daran verschwendet er in diesem Moment keinen Gedanken. "Jetzt war das alles egal. Er war tot! An diesem Abend flüchtete ich aus der schrecklichen Realität und betrank mich."

Erinnerungen an unbeschwerte Jugendtage

Dabei wurden Erinnerungen an die gemeinsamen Jungendtage in der Steiermark wach. Rindt war zwar in Mainz geboren worden, wuchs aber nach dem Tod seiner Eltern im zweiten Weltkrieg bei den Großeltern in Graz auf, wo er sich mit dem ein Jahr jüngeren Marko anfreundete. Gemeinsam mit zwei anderen Freunden unternahmen sie in den Weinbergen von Graz mit einem alten Volkswagen Käfer die ersten Gehversuche im Rennsport. Und schon damals habe das Naturtalent Rindt herausgestochen. "Er war der wildeste Hund von allen, mit einer Fahrzeugbeherrschung, die ich bis heute nicht mehr so erlebt habe", so Marko.


Fotostrecke: Triumphe & Tragödien in Italien

Seinen größten Triumph sollte Rindt nicht mehr miterleben. Da es in den letzten vier Saisonrennen keinem seiner Konkurrenten gelingt, den Punkterückstand aufzuholen, wird Rindt Formel-1-Weltmeister des Jahres 1970. Zum ersten und bisher einzigen Mal wird ein Pilot posthum als Titelträger geehrt. Die WM-Trophäe nimmt seine Witwe Nina im Empfang. Doch auch das konnte die Trauer nicht lindern. "Der Titel alleine zeichnete Jochen nicht aus. Er hatte ein unglaubliches Charisma und die Ausstrahlung eines Popstars. Sein Unfall löste eine Art fassungslose Starre aus, die ich danach nur noch einmal beim Unfall von Ayrton Senna erlebt habe", so Marko.

Seiner Meinung nach war Rindt auch ein Wegbereiter für alle weiteren Formel-1-Piloten aus der Alpenrepublik. "Ohne Jochen hätte es in Österreich vielleicht nie einen Formel-1-Fahrer gegeben", meint Marko. Welchen Stellenwert Rindt in Österreich hatte, beweise auch die Tatsache, dass Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz ein Autogramm von Rindt auch heute noch in Ehren halte. Und auch Marko geht immer wieder ans Grab seines Freundes. "Ich besuche ihn oft. Immer alleine, aber nie am 5. September."

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