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  • 18.04.2012 10:12

Erinnerungen an Jochen Rindt: "I werd a Rennfoara"

Der erste österreichische Weltmeister Jochen Rindt wäre heute 70 Jahre alt geworden - Vom Grazer "Lausbua" zum Superstar der Formel 1

(Motorsport-Total.com/SID) - Er war der erste Popstar der Formel 1 und der erste Weltmeister, der posthum geehrt wurde: Heute wäre Jochen Rindt 70 Jahre alt geworden. Er starb viel früher. Am 5. September 1970 zerschellte sein tobender Lotus in der Parabolica-Kurve von Monza.

Jochen Rindt

In Mainz geboren, als Österreicher angetreten: Jochen Rindt (1942 bis 1970) Zoom

Es gibt da dieses Foto, schwarzweiß natürlich, es war schließlich eine ganz andere Zeit. Jochen Rindt mag 18, 19 Jahre alt sein, er sitzt am Steuer eines weißen PKW, auf der Fahrertür prangt übergroß die Startnummer 109. Rindts Haar ist zerzaust, der Blick erwartungsvoll, der Mund halb geöffnet. Er trägt einen Norweger-Pullover, einen schwarzen Schal und Lederhandschuhe, der linke Arm hängt lässig aus dem Fenster. Es muss ein Bild aus jenen Tagen sein, in denen der Junge aus Graz seinen Berufswunsch in Stein meißelte: "I werd a Rennfoara."

Den Großeltern ist das gar nicht recht. Jochen wächst bei ihnen auf, nachdem seine Eltern Karl und Ilse im Juli 1943 bei einem Luftangriff auf Hamburg ums Leben gekommen sind. Großvater Dr. Hugo Martinowitz, ein bekannter Rechtsanwalt, möchte seinen Enkel allzu gerne in der Juristerei sehen, stimmt aber dennoch zu, als es darum geht, dem rebellischen Jungen zum 16. Geburtstag das heißersehnte Moped zu schenken.

Wilde Jugend in Graz

Die Rennen auf zwei Rädern durch die Grazer Innenstadt sind legendär, doch kein Vergleich zu dem, was Rindt und seine Gang wenig später mit den Autos anstellen, die sie sich aus den Garagen ihrer Familien "ausgeliehen" haben. Rindt sagte dazu einmal: "Unsere Nahverkehrs-Competition ersetzte zwei Formel-3-Jahre. Heute wäre das natürlich ein Fall fürs Jugendgericht."

Jochen Rindt

Als Formel-1-Fahrer noch echte Männer waren: Jochen Rindt im Lotus Zoom

Als Jochen Rindt 18 wird, sind sowohl der Führerschein als auch die Matura, das österreichische Abitur, in weiter Ferne. Mit dem Lernen in der Schule hat er es nie so gehabt, der erste Anlauf, die Hochschulreife zu erlangen, geht weit daneben. Die Führerscheinprüfung besteht er zwar mit Bravour, doch die Behörden wollen ihm das begehrte Dokument wegen seiner Sünden auf zwei und vier Rädern nicht sofort aushändigen. Das ändert sich erst, als der Großvater 1961 stirbt und Jochen Rindt fortan die Großmutter durch Graz kutschieren muss.

1961 fahren Rindt und sein Kumpel Helmut Marko zum Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring, dort sieht der junge Wilde mit dem Raubvogelgesicht die Formel 1 zum ersten Mal live. Kurzerhand beschließt er, mit dem gediegenen Simca Monthlery der Großmutter beim Flugplatzrennen im Oktober 1961 in Innsbruck zu starten. Natürlich verschlampt er den Nennungsschluss und wird erst nach prominenter Fürsprache eines hohen österreichischen Funktionärs zugelassen.

Ein Popstar auf vier Rädern

Einen Namen macht sich Rindt bei seinem allerersten offiziellen Rennen wahrlich nicht. In zerlumpten Klamotten, mit wie immer wirr zerzaustem Haar und unmöglichen Manieren rempelt er im Training wie ein Verrückter über den Kurs. Er wird verwarnt, mault das ganze Wochenende rum und landet schließlich auf dem letzten Platz. Doch Jochen Rindt hat in Innsbruck etwas anderes gesehen und gespürt: Die Formel Junior ist ebenfalls dabei, und die Faszination der offenen Formelautos katapultiert Rindt aus der Beschaulichkeit des Simca Monthlery mitten hinein in eine Welt, die ihm neun Jahre später zum Verhängnis werden soll.


1995er-Dokumentation: Mythos Jochen Rindt

Über Touren- und Sportwagen-Rennen, über die Formel Junior und die Formel 2 landet Jochen Rindt schließlich 1964 in der Formel 1. Beim Großen Preis von Österreich in Zeltweg steuert er einen Brabham-BRM, den er allen technischen Widrigkeiten zum Trotz 58 Runden lang auf Kurs hält, ehe die Lenkung versagt. Das Ziel sieht Rindt nicht, doch die Szene hat ihn gesehen, diesen wilden, unerschrockenen Jungen, der so gar keine Angst vor den großen Namen hat. Für die Saison 1965 bekommt Rindt einen Vertrag als Werksfahrer im Cooper-Team. Der Rest ist Geschichte.

Tod in der Parabolica-Kurve

Zwei Schwarzweiß-Fotos erzählen die Geschichte von Jochen Rindt zu Ende, beide entstanden am 5. September 1970 in Monza. Auf dem ersten sieht man, wie die ultraflache Nase von Rindts Lotus beim Anbremsen auf die Parabolica fast den Asphalt berührt. Es ist die vorletzte Runde. Das letzte Foto ist an derselben Stelle entstanden, eine Runde später. Rindt hat den Kopf nach rechts gedreht, in dem sicheren Bewusstsein, dass sich das rechte Vorderrad nicht mehr einbremsen lässt. Sekundenbruchteile später bricht die Bremswelle, der Lotus wird zum unkontrollierbaren Geschoss, das an der linken Leitplanke zerschellt.

Jochen Rindt

Unvergessene Legende: Jochen Rindt wäre heute 70 Jahre alt geworden Zoom

Es ist der 5. September 1970, um genau 15:25 Uhr steht die Formel-1-Welt still. Als sie sich langsam weiterdreht, fehlt einer. Das Leben von Jochen Rindt endet in der Parabolica-Kurve von Monza, an der Leitplanke, eingeklemmt im Wrack seines ultraflachen Lotus 72. Eine gerissene Halsschlagader ist die primäre Todesursache, zerfetzt am Armaturenbrett des Autos, das viele Beobachter jener Zeit als rollenden Sarg bezeichnen.

Doch Rindt wusste, auf was er sich einließ, als er Ende 1968 den Vertrag bei Colin Chapman unterschrieb. Sein langjähriger Freund und Mentor Bernie Ecclestone hatte ihn in drastischer Deutlichkeit darauf hingewiesen: "Wenn du Weltmeister werden willst, gehst du zu Lotus. Wenn du am Leben bleiben willst, bleibst du bei Brabham." Jochen Rindt hat sich entschieden.

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