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  • 14.06.2003 10:23

Interview: Paul Stoddart klagt an

Im Rahmen der gestrigen Pressekonferenz forderte der Minardi-Boss die Teams zur Solidarität auf ? Wortgefecht mit Ron Dennis

(Motorsport-Total.com) - Frage: "Paul, du hast diese Pressemitteilung veröffentlicht, in der du wegen des Scheiterns des sogenannten 'Fighting Funds' deine Unterstützung für das neue Reglement zurückziehst. Was ist der Hintergrund dieser Angelegenheit?"
Paul Stoddart: "Ich muss zunächst einmal sagen, dass das nichts ist, was ich gerne mache oder genieße, ich glaube sogar, dass es für die Formel 1 komplett falsch ist, aber leider machen manche Teamchefs Versprechungen, gehen Verpflichtungen ein und unterschreiben sogar Verträge, die sie dann im Nachhinein nicht einhalten. Ich habe meine Zustimmung für die nächstjährigen Regeländerungen zurückgezogen. Dazu muss man sagen, dass ich ihnen zuerst auch gar nicht zugestimmt habe, es dann aber als Gesamtpaket zum Wohle der Formel 1 akzeptierte. Unter anderem denke ich da an ein größeres Bodywork, das mehr Platz für Sponsoren bietet, was den Teams hilft, die Sponsoren haben. Als klar wurde, dass der 'Fighting Fund', dem am 15. Januar noch alle zugestimmt haben, nicht zustande kommen würde, spürte ich, dass es in Minardis bestem Interesse liegen würde, die Regeländerungen nicht zu akzeptieren. Dadurch gibt es bei den Teams keine Einstimmigkeit mehr und es kann zu keiner Abstimmung vor dem World Council kommen. Wie gesagt bin ich darauf nicht stolz, aber es gibt viele Hintergründe. Ich finde es schade, dass ich jetzt alleine da stehe, denn hinter den Kulissen wurde in den letzten Monaten eine Menge diskutiert ? und so hätte es in den letzten fünf Monaten auch immer sein sollen. Wir haben jetzt die Hälfte der Saison hinter uns, aber wann werden Jordan und Minardi ihren Anteil aus dem 'Fighting Fund' erhalten, wenn nicht jetzt? Das ist ein bisschen so, wie wenn einfach die Tür geschlossen wird, nachdem das Pferd durchgegangen ist. Jedenfalls gab es am 15. Januar am Heathrow-Flughafen in London ein Meeting, bei dem beschlossen wurde, durch den 'Fighting Fund' dafür zu sorgen, dass zehn Teams die Saison 2003 bestreiten und überleben würden. Dabei wurden gewisse Verpflichtungen von allen anwesenden Teamchefs eingegangen. Diese Verpflichtungen wurden dann an die Öffentlichkeit getragen und kamen auch im bekannten Brief von Ron (Dennis; Anm. d. Red.) und Frank (Williams; Anm. d. Red) an Max Mosley vor. In den letzten Monaten hat sich herausgestellt, dass es zwischen den einzelnen Teamchefs sehr verschiedene Ansichten gibt, wofür genau der 'Fighting Fund' aufgewendet werden soll. Für Minardi ist dadurch eine sehr schwierige Zeit entstanden. Wir machen kein Geheimnis daraus, dass wir finanzielle Probleme haben, wir machen auch kein Geheimnis daraus, dass das unser Fehler ist, aber ich glaube fest daran, dass die Formel 1 alle zehn Teams braucht. Es wird Zeit, dass die Leute zu ihren Versprechungen stehen und sie nicht in die Luft jagen und für andere Dinge verwenden. Es kann nicht sein, dass die Sache ruht und ruht ? bis zu einem Punkt, an dem nichts mehr übernommen wird. Darum geht es mir."

Ecclestone und Stoddart

Stoddart lieferte sich am Freitag ein heißes Wortgefecht mit Ron Dennis Zoom

Stoddart besteht auf Agreement vom 15. Januar 2003

Frage: "Stimmt es, dass es eine mündliche Übereinkunft gab?"
Stoddart: "Dazu möchte ich eine Passage aus dem Brief von Ron und Frank an Max Mosley vorlesen: 'In einem Meeting am Morgen des 15. Januars 2003 haben die Teams und Bernie Ecclestone einstimmig zugestimmt, die TV-Gelder der Saison so zu verteilen, dass alle Teams das Jahr überleben werden, was große Summen einschließt, die McLaren und WilliamsF1 zuschießen werden, vorausgesetzt es gibt Stabilität.' Das sind die Worte von Frank und Ron, nicht meine."

Frage: "Wie sieht die Zukunft des Teams aus, wenn du dieses Geld nicht bekommst?"
Stoddart: "Minardi wird bis zum Ende der Saison weitermachen, aber in welchem Zustand? Heute waren wir Elfter und 13., wir hatten alle Teams auf demselben Reifentyp, dadurch ausgeglichene Bedingungen und ein bisschen Regen. Ich glaube schon, dass wir weitermachen können. Nach Ferrari, McLaren und Williams sind wir das viertälteste Team der Formel 1. Es geht ja nicht um mich, das ist mir egal, aber ich bin der Meinung, dass sich das Team verdient, in der Formel 1 zu bleiben. Der Sport braucht zehn Teams, denn wenn es weniger wären, würden alle möglichen Probleme auftauchen. Was wäre, wenn Minardi und Jordan plötzlich nach diesem Rennen nicht mehr fahren könnten? Malen wir einfach ein Szenario: Die FIA würde wohl eine Abstimmung durchführen, damit vier Teams ein drittes Auto einsetzen, was dann vielleicht McLaren mit Wurz, Gene bei Williams, Badoer in einem Ferrari und McNish in einem Renault wären. Das sind vier Top-Autos. Sagen wir, sie belegen beim nächsten Grand Prix die Plätze eins, zwei und drei und der Bundeskanzler präsentiert die Trophäe. Er würde vor einem leeren Podium stehen, denn diese Fahrer würden außer Konkurrenz fahren, könnten keine Punkte holen. Was für eine Message würde das über den Zustand der Formel 1 an die Öffentlichkeit signalisieren? Ich glaube nicht, dass wir eine Krise haben, aber es hätte zu der heutigen Situation nie kommen müssen. Eine Krise haben wir dann, wenn wir keine zehn Teams mehr für die Formel 1 auftreiben können und wenn sich die Teams nicht mehr an ihre Verpflichtungen halten."

"Fighting Fund" wegen fehlender Stabilität gestorben?

Frage: "Ron Dennis hat nun gesagt, man müsse auch noch andere Paragraphen vom 15. Januar berücksichtigen, weil die technische Stabilität, die als Voraussetzung angenommen wurde, nicht vorhanden ist. Außerdem breche er keine Versprechen. Was hast du dazu zu sagen?"
Stoddart: "Ich stimme dem, was von ihm gesagt wurde, überhaupt nicht zu. Verpflichtungen sind eingegangen worden. Diese Verpflichtungen wurden öffentlich und hinter verschlossenen Türen bestätigt. Es gab Bedingungen hinsichtlich der Stabilität, ja, aber wollen wir wirklich die Resultate der ersten drei Rennen anfechten? Ich denke nicht. Was wir für den Sport gemacht haben, hat zu einem viel besseren Format geführt. Wir sind bei Halbzeit und beide Weltmeisterschaften sind bis auf ein paar Punkte völlig offen. Möglicherweise wird es im letzten Rennen entschieden. Ich finde, seit letztem Jahr haben wir eine unglaubliche Verbesserung geschafft. Ich stimme Ron hinsichtlich der zusätzlichen Kosten, die durch die Änderungen entstanden sein sollen, nicht zu, und bin auch nicht ? wie Frank und Eddie ? der Ansicht, dass keine Verpflichtungen am 15. Januar bindend eingegangen worden sind. Ob das hier die richtige Plattform für diese Diskussion ist, weiß ich nicht. Am Ende des Tages ist dadurch jedenfalls die Wahrheit ans Licht gekommen."

Frage: "Passen Nächstenliebe und Formel 1 überhaupt zusammen? Wie kann es sein, dass in diesem Wettbewerb ein Team einem anderen helfen soll?"
Stoddart: "Naja, werfen wir doch einen Blick auf den Fußball. In vielen Sportarten möchte man ein tolles Spektakel schaffen, aber wenn eine Gruppe mit dem 20-fachen Budget arbeitet, ist es für den Rest schwer, dagegen anzukämpfen. Im Fußball und in manchen anderen Sportarten wird den Kleinen eine Chance gegeben. Wenn die Kleinen aus der Formel 1 verdrängt werden sollen, was meinem Empfinden nach ohnehin passieren wird, dann kann man dagegen wohl nichts machen. Die Formel 1 wird zu einer Hersteller-Serie verkommen, aber das wäre für viele, viele Fans ein sehr, sehr trauriger Tag. Außerdem frage ich mich, welcher Hersteller damit leben kann, seine Autos kontinuierlich am Ende des Feldes zu sehen. Es ist kein netter Platz, denn man findet kaum Sponsoren und es ist schwierig, Investoren bei Laune zu halten."

Hilfszahlungen hat es in der Formel 1 immer gegeben

Frage: "Ron Dennis hat gesagt, dass er sich auch alles selbst erarbeiten musste, dass ihm nie Geld geschenkt wurde und dass er vor allem nie danach verlangt hat. Wer es ohne Hilfe nicht schafft, soll von der Bildfläche verschwinden. Dein Standpunkt dazu?"
Stoddart: "Das ist eine sehr persönliche Geschichte, darauf möchte ich eingehen, um einiges zu klären. Es gab in der Formel 1 auch früher schon Hilfszahlungen. 1997 haben Frank und Ron Ken Tyrrell Geld gegeben, als der gegen Bernie Ecclestone kämpfte. 1998 haben McLaren, Williams und Tyrrell eine große Summe für ihre Unterschrift unter dem Concorde Agreement erhalten. 1999 hat BAR eine elfte Zahlung erhalten ? sehr interessant. Ein gewisses Team erhält noch heute von allen anderen Teams regelmäßig und in jedem Jahr Geld, obwohl es das Team ist, welches es wahrscheinlich am wenigsten brauchen würde. Kürzlich hieß es sogar, dieses Team soll 50 Millionen Dollar einfach so erhalten. Letztes Jahr habe ich um die Prost-Gelder gekämpft. Wir haben genau dieselben Kosten wie alle anderen Teams, um unsere Autos zu jedem Grand Prix zu verfrachten und die einzusetzen. Wir, das elfte Team, hätte damals eigentlich nichts von dem Geld erhalten sollen, es wäre unter den anderen Teams aufgeteilt worden. Wenn jemand glaubt, das sei fair, kann ich nichts dagegen machen, der Punkt ist aber, es wäre nicht legal gewesen. Daher hat Minardi rechtmäßig dieses Geld bekommen. Am 15. Januar dieses Jahres hat Ron einen Vorschlag gemacht, acht Millionen Dollar aus einem Solidarfonds an Jordan und Minardi zu überweisen, damit alle Teams die Saison überstehen können. Das ist nicht auf meinen oder Eddie Jordans Wunsch passiert, wir haben nicht danach verlangt. Aus zwei Gründen ist das auch gerechtfertigt. Zunächst einmal wollte man 20 Autos behalten, damit nicht manche Teams ein teures Drittauto einsetzen müssen, und zweitens kann nur so die Ernsthaftigkeit der Konstrukteurs-WM erhalten werden. Die Spitzenteams werden von multinationalen Konzernen unterstützt, von namhaften Unternehmen. Wäre es richtig, die Weltmeisterschaft von einem Auto mitentscheiden zu lassen, dass noch nicht einmal selbst punkten darf? Ich glaube nicht. Am 15. Januar wurde eine Vereinbarung getroffen und ich bitte nur um die Einhaltung dieser Vereinbarung, ich bitte darum jetzt. Das ist alles. Ich hätte mit mehr Unterstützung gerechnet, denn ich wurde ja auch nicht zum Meeting der Teamchefs eingeladen, das heute stattgefunden hat. Leider ist auch die Unterstützung von jemandem ausgeblieben, mit dem ich eigentlich gerechnet hatte. Während ich anfangs alleine auf dieser Pressekonferenz war, haben sich die anderen Teamchefs getroffen."

"Möchte das Niveau nicht noch weiter absenken..."
Frage: "Stimmt es, dass du in diesem Jahr schon einmal Geld von Bernie Ecclestone erhalten hast? Und glaubst du nicht, dass du mit deiner Reglements-Blockade die Fronten eher noch weiter verhärtest?"
Stoddart: "Ich glaube nicht, dass die Fronten noch mehr verhärten können. Ich bin total desillusioniert, was einige der Leute auf dieser Pressekonferenz angeht, und ich möchte das Niveau nicht noch weiter absenken, aber ich schwöre bei Gott, ich könnte, wenn ich wollte. Was von Ron gesagt wurde, ist einfach nicht wahr, aber dabei sollten wir es auch belassen. Ich glaube nicht, dass jemand Minardi unterstützen will. Wir haben Prost gehen sehen, wir haben Arrows gehen sehen ? und wenn nicht bald etwas geschieht, wird Minardi gehen. Wer ist danach dran? Jordan? Wer kommt danach? Vielleicht eines der Hersteller-Teams? Eigentlich muss man sich wegen der GPWC keine Sorgen mehr machen, denn bald gibt es sowieso keine Teams mehr. Ich möchte auch noch etwas zu diesem verbilligten Motor um zehn Millionen Dollar sagen, der uns angeblich alles einfacher gestalten wird. Ich weiß, dass Eddie Jordan keine oder kaum Angebote hat. So viel zu dem Thema. Gleichzeitig muss ich sagen, dass es kaum Unterstützung für uns gibt, aber Ford, Cosworth und Jaguar haben uns sehr geholfen, was ich zu schätzen weiß. Dafür gilt ihnen mein Dank."

Frage: "Ist der 'Fighting Fund' eigentlich endgültig gestorben?"
Stoddart: "Wenn er nicht tot ist, dann wurde das Tor hinter dem durchgehenden Pferd geschlossen, denn es ist nur einigen wenigen Firmen zu verdanken, dass ich heute noch hier bin. Ob das Thema noch einmal neu diskutiert wird? Nach dem heutigen Tag wohl eher nicht, schätze ich."

Arrows-Gelder sollten eigentlich in den "Fighting Fund"

Frage: "Ron Dennis hat sich außerdem gefragt, von woher die 16 Millionen Dollar kommen sollen, auf die du dich kürzlich bezogen hast..."
Stoddart: "Das kann ich ihm sagen. Da sind drei Millionen Dollar von den Arrows-Zahlungen im vergangenen Jahr, die Auszahlung an Arrows von den Videospiel-Lizenzen, etwa eine halbe Million, etwa anderthalb Millionen Dollar an Arrows vom 31. Dezember, sieben Millionen Dollar als zehntbestes Team aus Sparte eins für Arrows, vier Millionen aus Sparte zwei und so weiter. Insgesamt 16 Millionen Dollar. Unabhängig davon sollte es zu je 50 Prozent an Jordan und Minardi weitergeleitet werden."

Frage: "Das Ferrari-Superteam hat bis Ende 2006 unterschrieben. Was bedeutet das für die Konkurrenten?"
Stoddart: "Ich glaube nicht, dass es einen großen Unterschied machen wird, aber im selben Atemzug muss ich auch sagen, dass es angesichts dieser Kombination für Ron und Frank schwer werden wird, Weltmeisterschaften zu gewinnen."

Frage: "Die Formel 1 sucht derzeit nach neuen Wegen, die Show zu verbessern. Was bedeutet dann ein verregneter Tag wie heute?"
Stoddart: "Ich denke, es gleicht Unebenheiten aus. Alle müssen dieselben Reifen verwenden und die speziellen Fahreigenschaften der Autos werden ein bisschen in ihrer Bedeutung eingedämmt. Vieles hängt vom Können des Fahrers ab und vielleicht davon, wie stark der Regen gerade herunterkommt und das ist gut für den Sport. Wir brauchen ein paar Rennen wie heute oder ein paar Qualifyings. Das wäre interessant für die Zuschauer."

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