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  • 24.07.2014 · 23:02

  • von Haidinger, Rencken & Sharaf

FRIC-Verzicht: Formel 1 erwartet Stunde der Wahrheit

Warum Ungarn eine FRIC-Strecke gewesen wäre, welche Rückschlüsse dies zulässt und wer in Hockenheim zu den Gewinnern und Verlierern des Verzichts zählte

(Motorsport-Total.com) - In Hockenheim hielten sich die Konsequenzen der Abschaffung des vernetzten Fahrwerks FRIC noch in Grenzen, doch wird das auch in Ungarn der Fall sein? Einiges deutet auf das Gegenteil hin, denn der Hungaroring gilt mit seinen langgezogenen Kurven und den vielen Bodenwellen als Kurs, wo die technische Innovation, die im Ansatz mit einer aktiven Radaufhängung zu vergleichen ist, große Vorteile bringen würde.

Sebastian Vettel

Die Bodenwellen des Hungarorings wären ein Fall für FRIC gewesen Zoom

Sebastian Vettel hatte schon im Vorfeld des Grand Prix von Deutschland gewarnt, man müsse Ungarn abwarten, ehe man tatsächliche Rückschlüsse treffen kann, Nico Rosberg schließt sich nun dessen Meinung an: "Bei diesen Kurven hier könnte es das Auto mehr beeinflussen."

Und Jenson Button ergänzt: "Es wird interessant, wie die unterschiedlichen Autos hier ohne dem FRIC-System funktionieren werden, denn ein welliger Kurs ist ein großes Problem, wenn man kein FRIC-System hat, schließlich geht es vor allem darum, den Bodenabstand zu kontrollieren. Daher sollten Teams einen Vorteil haben, die es gewohnt sind, nicht damit zu arbeiten."

Force India seit Saisonbeginn meist ohne FRIC

Eine Chance für Force India - denn die Truppe um Nico Hülkenberg hat bislang das vernetzte Fahrwerk auch in dieser Saison nur selten genutzt. "Wir bei Force India sind den Großteil der Saison - 80 bis 90 Prozent - ohne FRIC gefahren", bestätigt der Emmericher. "Wir waren mit dem System noch nicht ganz an dem Punkt, an dem es etwas bringt." Damit ist klar: Die Nachteile durch den FRIC-Verzicht werden sich in Grenzen halten.

"Wir bei Force India sind den Großteil der Saison - 80 bis 90 Prozent - ohne FRIC gefahren." Nico Hülkenberg

Ähnlich gestaltet sich die Situation bei Sauber. Die Schweizer zeigten sich schon in Hockenheim in verbesserter Form - in ähnlicher Tonart könnte es weiter gehen. Sauber gilt als größter Profiteur des FRIC-Verbots.

Dennoch drückt Teamchefin Monisha Kaltenborn auf die Bremse: "So einfach würde ich es nicht gelten lassen. Unser Rückstand ist geringer. Ein Teil davon geht vielleicht auf das Verbot von FRIC zurück. Wir müssen aber mal abwarten, wie es auf den nun folgenden Strecken aussehen wird und wie es dann im Durchschnitt zu Buche schlägt. Aktuell wäre ich vorsichtig mit konkreten Aussagen."

FRIC: Lotus will sich nicht als Verlierer sehen

Trotzdem gibt sie zu, dass das Sauber-System "im Vergleich zu jenen der Konkurrenz nicht gerade das ausgereifteste war. Somit verlieren oder gewinnen wir damit nicht so viel wie andere."

Pastor Maldonado

Pastor Maldonado erkannte seinen Boliden in Hockenheim ohne FRIC kaum wieder Zoom

Das Negativbeispiel in Sachen FRIC-Verbot war Lotus. Das Team aus Enstone arbeitete jahrelang mit dem System - Romain Grosjean offenbarte, dass er das Auto bis zum Deutschland-Grand-Prix nur einmal bei einem Test ohne FRIC ausprobiert hatte.

Dennoch hofft er, dass sich Lotus stärker als in Hockenheim präsentieren wird: "Wir haben Abtrieb verloren, aber das Fahrverhalten hat sich nicht verschlechtert. Sauber und wir liegen im Qualifying etwas enger beisammen, aber wir haben im Vergleich zu den anderen nicht viel Tempo verloren. Wir sind dort, wo wir waren."

McNish analysiert: Ferrari und McLaren als Verlierer

McLaren ist es währenddessen gewohnt, auch ohne FRIC zu fahren. "Wir hatten es in den vergangenen drei Jahren teilweise am Auto und teilweise ausgebaut, also wissen wir, was das Auto macht und wie es das Auto verändert, damit es fahrbar ist", erklärt Button.

"Zwei Teams haben im Verhältnis zu den anderen entscheidend verloren haben - und zwar Ferrari und McLaren." Allan McNish

Trotzdem ergab eine Rundenzeiten-Analyse von Allan McNish gegenüber der 'BBC', dass McLaren neben Ferrari einer der großen Verlierer der neuen Situation ist. Der Schotte hat die Rundenzeiten der Teams Mercedes, Williams, Red Bull, McLaren und Ferrari bei den Grands Prix von Österreich und Deutschland in Qualifying und Rennen verglichen und ist zu dem Schluss gekommen, dass "zwei Teams im Verhältnis zu den anderen entscheidend verloren haben - und zwar Ferrari und McLaren."

Ein Ergebnis, das den ehemaligen Formel-1-Piloten verwundert, "denn viele im Fahrerlager von Hockenheim haben geglaubt, dass diese Teams hinter den Kulissen treibende Kräfte waren, damit ab Deutschland alle ohne das System fahren müssen."

Ericsson: Fahrverhalten ohne FRIC besser

Ihm fällt noch etwas auf: "Es ist interessant, dass Traktion und mechanischer Grip bereits vor der Abschaffung von FRIC sowohl bei Ferrari als auch bei McLaren zu den Schwächen zählte. Es scheint der Fall zu sein, dass diese Schwächen ohne das System verstärkt werden."

Für das Fahrgefühl könnte der Ausbau von FRIC in Ausnahmefällen aber sogar positive Auswirkungen haben. "Mit dem System war das Auto sehr statisch und wirkte sehr 'kontrolliert'", fällt Caterham-Rookie Marcus Ericsson auf. "Als Fahrer will man aber manchmal den Wagen mehr fühlen. Ohne FRIC bewegt er sich mehr, man fühlt das Heck beim Bremsen kommen, beim Beschleunigen wird man mehr reingedrückt. Als Pilot lernt man die Grenzen des Autos besser kennen. Ich bevorzuge das."