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  • 16.04.2013 · 12:41

Die Wüste bebt: Formel 1 absurd in Bahrain

In Bahrain werden Demonstrationen für mehr Demokratie gewaltsam beendet, die Formel 1 dreht trotzdem ihre Runden - Menschenrechtler schütteln den Kopf

(Motorsport-Total.com/SID) - Brennende Reifen, Tränengas, Schlagstöcke und explodierende Autos: In Bahrain gehen vor dem Formel-1-Rennen am Sonntag Oppositionelle weiter auf die Straße und fordern mehr Demokratie ein. Ihre Proteste werden teilweise mit Gewalt niedergeschlagen. Für Bernie Ecclestone ist das alles kein Problem. "Ich habe überhaupt keine Bedenken", sagte der mächtige Formel-1-Mogul. Der Brite soll zwischen 40 und 50 Millionen Dollar Antrittsgage von den Veranstaltern kassieren.

Bahrain

Feuer am Dach: Auch dieses Jahr wird der Grand Prix in Bahrain durchgeboxt Zoom

Führende Menschenrechtler sind über so viel Zynismus entsetzt. "Die Lage ist sehr angespannt", sagte Nicholas McGeehan, Bahrain-Experte der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Das Regime würde die Wünsche der Menschen völlig ignorieren und "friedliche Aktivisten einsperren". Besonders hart treffe es Menschen, die in der Näche der Strecke leben: "Ihre Häuser weden von maskierten und bewaffneten Polizisten gestürmt, um Demonstranten aus dem Verkehr zu ziehen." Die Regierung werde "alles versuchen, ein störungsfreies Rennen zu gewährleisten - um der Weltöffentlichkeit vorzugaukeln, in Bahrain sei alles in bester Ordnung", sagte McGeehan.

Seit zwei Jahren kämpfen Oppositionelle der mehrheitlich schiitischen Bevölkerung für mehr Rechte in dem autoritären Golf-Staat, der seit Jahrhunderten von der Herrscherfamilie Al-Khalifa regiert wird - einer sunnitischen Dynastie. 80 Menschen sind in dem kleinen Land seit dem Ausbruch des Arabischen Frühlings Anfang 2011 ums Leben gekommen. Allein in diesem Monat sollen bisher rund 100 Aktivisten eingesperrt und 30 verletzt worden sein. Für Beleidigungen gegen König Hamad bin Isa Al-Khalifa wurde die Gefängnisstrafe zuletzt auf fünf Jahre erhöht.

Proteste gegen Regime und Formel 1

"Das ist ein weiterer Versuch, Aktivisten im Vorfeld des anstehenden Grand Prix mundtot zu machen", sagte Hassiba Hadj Sahraoui von Amnesty International. Dennoch erwartet sie, dass die Proteste wie zuletzt anhalten. In den vergangenen Wochen zogen immer wieder Hunderte Menschen durch die Hauptstadt Manama und andere Städte, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Sie riefen Parolen wie "Nieder mit dem Regime", "Nein zur Diktatur" oder skandierten: "Nein zur Formel 1." Dabei kam es teilweise zu Ausschreitungen mit der Polizei - Molotow-Cocktails flogen durch die Luft, die Staatsgewalt antwortete mit Tränengas.

Und die Formel 1 tut so, als ginge sie das alles nichts an. "Wir sollten nicht in politische Belange hineingezogen werden. Wir sollten dorthin fahren, das Rennen absolvieren und konzentriert sein. Die politischen Aspekte sollten von jemand anderem gelöst werden", sagte etwa Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost: "Die Formel 1 ist Unterhaltung." Immerhin kündigte Ecclestone an, sich mit Vertretern der Opposition treffen zu wollen. "Ich hege große Sympathien für sie", sagte der milliardenschwere Promoter.

Kritische Stimmen der Akteure unwahrscheinlich

"Der Hauptgrund für Golf-Staaten, solche Veranstaltungen auszutragen, ist, dass es enorme Aufmerksamkeit gibt und die Hauptdarsteller unpolitisch handeln oder sind." Nicholas McGeehan

McGeehan hofft noch, dass Fahrer und Teamchefs kritisch ihre Meinung äußern, gibt sich aber keinen Illusionen hin. "Es wäre sehr hilfreich, wenn sie auf die berechtigten Proteste aufmerksam machen", sagte er, "aber der Hauptgrund für Golf-Staaten, solche Veranstaltungen auszutragen, ist, dass es enorme Aufmerksamkeit gibt - die Hauptdarsteller aber entweder unpolitisch handeln oder wirklich unpolitisch sind."

2011 war das Rennen in Bahrain abgesagt worden, nachdem die aufkommenden Unruhen und Proteste im Land von Truppen aus dem benachbarten Saudi-Arabien blutig niedergeschlagen worden waren. 2012 drehten die Boliden trotz anhaltender Massenproteste ihre Runden. Am Rande des Rennens gerieten Mitarbeiter von Force India in einen Tumult, ihr Bus wurde mit einer Benzinbombe attackiert. So lange das Rennen aber nicht vom Veranstalter abgesagt wird, sind die Teams vertraglich verpflichtet, in Bahrain anzutreten.