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  • 22.05.2011 · 14:19

Die Risiken und Nebenwirkungen der neuen Formel 1

112 Überholmanöver in einem Rennen und 82 Boxenstopps - Die "neue Formel 1" ist spektakulär und atemberaubend, aber für die Zuschauer auch anstrengend

(Motorsport-Total.com/SID) - Muskelkater, Erschöpfung, Orientierungslosigkeit: Die neue Formel 1 ist spannend, turbulent und ereignisreich, hat aber auch Risiken und Nebenwirkungen. Weltmeister Sebastian Vettel erinnert sich, wie er als 13-Jähriger auf dem Hockenheimring seinem Idol Michael Schumacher zujubelte. Der schied nach einem Unfall schon in der ersten Runde aus, der kleine Sebastian verlor damals ein wenig den Überblick. "Zum Glück gibt es heute Videoleinwände an den Strecken", sagt Vettel. Die bräuchte es aber auch. Und dem TV-Zuschauer müsse man "richtig viel erklären".

Der Grand Prix der Türkei in Istanbul bot insgesamt 112 Überholmanöver im Feld

"Derjenige, der durchs Rennen führt, muss nachher Muskelkater im Mund haben", meint Mercedes-Sportchef Norbert Haug schmunzelnd und hat damit gar nicht Unrecht. "In der Türkei war es ganz schlimm", sagt Sky-Experte Marc Surer, der die Rennen ohne Werbepause durchkommentieren muss. "Man hechelt nur noch den Situationen hinterher, man kommt kaum dazu, eine Situation zu erklären, weil schon die nächste passiert. In Istanbul war ich nach dem Rennen völlig fertig und nicht einmal in der Lage, eine richtige Abmoderation zu machen", bekennt Surer.

"Man man kommt kaum dazu, eine Situation zu erklären, weil schon die nächste passiert." TV-Kommentator Marc Surer

112 Überholmanöver hat es in Istanbul in 58 Runden gegeben, dazu noch 82 Boxenstopps - eigentlich unvorstellbare Zahlen. In Foren schimpfen Fans, dies sei etwa so reizvoll, als würde ein Fußballspiel 50:48 ausgehen. "Das ist alles zu viel des Guten", meint auch Surer und glaubt, dass der Zuschauer auf Dauer abstoßend auf die Reizüberflutung reagieren wird: "Es kann nicht sein, dass der Zuschauer das so gewollt hat. Er will echte Zweikämpfe und keine vorübergehenden auf dem Weg zum nächsten Boxenstopp. Nur einer der 112 Überholvorgänge in Istanbul war ein echtes Manöver."

Im Moment genießt der Zuschauer aber noch das Spektakel. RTL verzeichnet steigende Marktanteile, die teilweise knapp an die 50-Prozent-Marke reichen. "Wir sind glücklich mit den Änderungen. Die Formel 1 ist spektakulär und abwechslungsreich", sagt RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer. Nicht umsonst hat der Kölner Privatsender sich gerade erneut die Rechte bis 2015 gesichert. Bis zum Rennen in Barcelona habe es keine einzige Beschwerde gegeben, wonach die Formel 1 zu unübersichtlich sei.

Schumacher blickt nicht mehr durch

Dabei verlieren manchmal sogar die Fahrer den Überblick. Rekordweltmeister Schumacher wusste zuletzt nicht einmal, wie viele Boxenstopps er im Rennen hatte und ist damit längst nicht der Einzige. "Ich blicke im Rennen manchmal gar nicht durch, wo ich gerade stehe und gegen wen ich kämpfe", erklärt Mercedes-Teamkollege Nico Rosberg.

In Schanghai führte er 14 Runden das Rennen an, in Istanbul lag er nach zwei Dritteln des Rennens auf Rang acht, beide Male wurde er Fünfter. "Ich habe da noch gedacht, dass ich Achter werde, da wussten sie in der Box schon, dass es auf Platz fünf hinauslaufen wird", sagt Rosberg. Deshalb sei der Strategiechef heute "mehr als doppelt so wichtig" wie vorher.

Doch selbst am Kommandostand behelfen sie sich mit gewissen Apps, um nicht den Durchblick zu verlieren. Wenn man alles verstehe, sei die neue Ära der Formel 1 "ein Hochgenuss", sagt Haug: "Sie ist herausfordernd und nicht leicht zu lesen. Aber sie ist besser und geht tiefer."


Fotos: Großer Preis der Türkei


Es gibt eben nur kaum noch echte Zweikämpfe auf der Bremse. Da die Pirelli-Reifen schnell abbauen, duellieren sich zwei Piloten im Grunde nie unter selben Voraussetzungen, wodurch die Boxenstoppstrategie an Gewicht gewinnt. Doch dann drückt der Rivale plötzlich den Knopf für KERS oder den verstellbaren Heckflügel und zieht vorbei, als würden Autos aus zwei verschiedenen Klassen gegeneinander fahren.

Dem Zuschauer gefällt es aber offenbar, und auch die eigentlich kritischsten unter den Fahrern sehen ihre Befürchtungen bisher nicht bestätigt. "Ich mag nicht, wenn Sachen künstlich erzwungen werden", sagt Nick Heidfeld: "Aber man muss sagen, dass es offenbar funktioniert." Allen Nebenwirkungen zum Trotz.

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