powered by Motorsport.com
  • 07.10.2014 · 12:13

  • von Tim Redmayne (Haymarket)

De Cesaris' Vermächtnis: Der Gewinner ohne Sieg

Zum Tode des Andrea de Cesaris: Der Italiener erklärte 2006, wieso er an seiner Karriere nichts bereute und Piloten Liebe mehr brauchen als schnelle Autos

(Motorsport-Total.com) - Andrea de Cesaris hatte eine beeindruckende Karriere, auch wenn er bei 208 Starts im Dienste zehn verschiedener Teams nie ein Formel-1-Rennen gewonnen hat. Am vergangenen Sonntag starb der Italiener, der wegen seiner Vorliebe für Kleinholz den Spitznamen "Andrea de Crasheris" verpasst bekam, im Alter von 55 Jahren bei einem Motorrad-Unfall. 2006 gab der Römer anlässlich seiner Rückkehr in die Klassik-Serie Grand-Prix-Masters Einblicke in seine Jahre in der Königsklasse.

Andrea de Cesaris

De Cesaris war nach seiner Förderung durch Ron Dennis bei McLaren Zoom

Es muss als das Vermächtnis de Cesaris' angesehen werden, dass er in der Lage war, immer wieder Cockpits zu ergattern, ohne jemals ganz oben auf dem Podest gestanden zu haben. Unter den Piloten mit den meisten Grand-Prix-Einsätzen rangiert er immer noch auf Position elf hinter Riccardo Patrese, Michael Schumacher, Rubens Barrichello und Gerhard Berger, die alle mehrmals siegten. Klar ist: Wer Rennen gewinnt, hält sich länger und ist auf dem Fahrermarkt begehrter.

In der Rekordliste findet sich erst auf Position 30 wieder ein Pilot, der ohne den großen Coup blieb: Martin Brundle mit 158 Starts. Jenson Buttons beendete Durstrecke von 112 Rennen ist gegen die von de Cesaris ein Klacks. Dabei verfügte der Italiener über konkurrenzfähige Autos, 1981 sogar einen McLaren. Schnell hatte er den Ruf, wild und aufbrausend zu sein und verabschiedete sich danach für zwei Jahre zu Alfa Romeo. Er zeigte sein Talent mit der Pole-Position in Long Beach.

Jordan-Bolide von 1991 "umwerfend" gut

1982 wurde er Dritter in Monaco, verpasste dabei aber wegen eines Motorschadens die Siegchance, als Didier Pironi der Sprit ausging. Auch 1983 in Spa-Francorchamps war es der Motor, der alle Träume zunichte machte. Den Rest einer Laufbahn absolvierte er bei vielen Teams - Ligier, Minardi, Brabham, Rial. Dallara, Tyrrell, Sauber und zweimal Jordan. Warum verließ man sich also immer wieder auf de Cesaris' Können, wenn er es nie mit einem Rennsieg unter Beweis stellte?


Fotostrecke: Die Karriere des Andrea de Cesaris

Im Jahre 1991 holte Eddie Jordan ihn in sein neues Formel-1-Team, um auf seine Erfahrung zu bauen und die Truppe aus der Falle des Vor-Qualifyings herauszuholen. "Ich war daran gewöhnt, mich Teams anzuschließen, von denen niemand etwas erwartete", erinnerte sich de Cesaris im Jahre 2006. "Bei Jordan lief es einfach und es war wohl eines meiner besten Jahre. Sie haben toll gearbeitet, wir alle. Dabei hatten wir nicht viel Geld oder überragende Mittel. Ich fuhr konstant und habe die ganze Saison lang keinen Fehler gemacht - abgesehen vom ersten Rennen."

"Das Auto hatte den guten Ford-Motor, was uns auf das Niveau von Benetton brachte, obwohl es kein Werksteam war", lobte de Cesaris. "Bei acht Grands Prix mussten wir uns Vor-Qualifying, bei dem nur drei Autos durchkamen. Ein kleines Problem in diesem Moment und für einen war das Rennen gelaufen. Der Wagen war ziemlich zuverlässig und hatte ein gutes Grundsetup, weil wir das ganze Jahr ohne größere Änderungen auskamen. Sogar heute finde ich es noch immer umwerfend."

Fader Beigeschmack am Karriereende

Andrea de Cesaris

Wohlfühlatmosphäre gab es bei Eddie Jordans Team im Überfluss Zoom

In diesem Jahr hatte de Cesaris die nächste Siegchance, wieder in Belgien. Ausgerechnet, als ein gewisser Deutscher seine Formel-1-Premiere im Schwesterauto feierte. Der Italiener schloss zum führenden Ayrton Senna auf, als der in der Schlussphase Getriebeprobleme hatte. "Mein Motor machte schlapp, als noch eine Runde zu fahren war. Es war der einzige Defekt am Motor den wir das ganze über hatten. Ford hatte etwas an den Kolben gemacht und niemandem gesagt, dass der Ölverbrauch steigen würde. Also ging uns das Öl aus. Ich war gerade hinter Senna und seine Schwierigkeiten begannen, also hätte ich ihn überholen und das Rennen gewinnen können."

De Cesaris stöhnte auch 15 Jahre danach noch: "Man weiß nie." Er verließ Jordan für zwei Jahre bei Tyrrell, die mit einem Kundenmotor von Ilmor unterwegs waren und holte dank eines ordentlichen Chassis einige WM-Punkte. "Ich war glücklich bei Tyrell", rekapitulierte de Cesaris. "Wir hatten kein Geld, um einen vernünftigen Motor einzubauen, aber das Auto war ziemlich gut. Das erste Jahr war ein großartiges. Das zweite war schwierig, denn der Wagen war nicht so gut wie der erste. Die Jahre bei Alfa Romeo, bei Jordan und bei Tyrrell - das waren die besten Zeiten."

"Tyrrell und Jordan - das waren die besten Zeiten." Andrea de Cesaris

De Cesaris berichtete von schnellen Autos und einer freundlichen Atmosphäre im Team. Das sei aber nicht bei Sauber der Fall gewesen, wo er 1994 seine letzten neun Formel-1-Rennen als Ersatz für den verletzten Karl Wendlinger absolvierte. Er hatte zu Saisonbeginn kein Cockpit mehr gefunden, wurde aber sofort von Jordan reaktiviert, als Eddie Irvine eine Rennsperre kassierte. Nach Wendlingers Crash in Monaco war de Cesaris dann prädestiniert, den Österreicher bei Sauber zu ersetzen. Die Stimmung in Hinwil bescherte seinem Karriereende einen faden Beigeschmack.

Formel-1-Piloten brauchen Elternliebe

Er erinnerte sich: "Ich habe mich im Team sofort nicht zu Hause gefühlt. Die Mechaniker waren nette Kerle, aber die Atmosphäre lag mir nicht. Es war einfach nicht das Gleiche. Es braucht die Stimmung. Fahrer sind Menschen und es muss gewährleistet sein, dass um sie herum die bestmögliche Situation geschaffen wird. Eddie Jordan beherrschte das gut und hat einem Piloten immer das Gefühl gegeben, geliebt zu werden. Es ist wichtig für einen Fahrer, sich gut zu fühlen und ein offenes Verhältnis zu haben. Es ist wie bei einem Kind und der Liebe seiner Eltern."

Andrea de Cesaris

Keine gute Stimmung: Andrea de Cesaris war bei Sauber nicht glücklich Zoom

Bei Sauber sei das Auto zwar gut vorbereitet gewesen, aber es habe nicht die gleiche Atmosphäre geherrscht, bilanzierte de Cesaris. Seinen 208. und letzten Start absolvierte er beim Europa-Grand-Prix, ehe der bei Benetton vor die Tür gesetzte JJ Lehto seinen Platz bei Sauber einnahm.

De Cesaris blickte vom Glück erfüllt zurück: "Ich hatte Spaß. Ich hatte 14 oder 15 Jahre in der Formel 1. Ich habe nie einen Grand Prix gewonnen, mich dabei aber wohlgefühlt. Wie viele Autos, die kein Williams oder Brabham waren, haben gesiegt? In diesen Jahren wollte man nicht die Autos fahren, mit denen man nicht ganz vorne landen konnte. Wenn ich für ein Topteam unterwegs gewesen wäre, hätte ich Rennen gewonnen. Ich bereue nichts. Sicher wäre es besser gewesen, aber ich bereue einfach nichts."