powered by Motorsport.com

Michael Schumacher erinnert sich an "das erste Mal"

Michael Schumacher erinnert sich an seine ersten Runden im Jordan-Ford 191 vor seinem ersten Rennen in Spa 1991

(Motorsport-Total.com) - Michael Schumachers Einstieg in die Königsklasse des Motorsports war des einen Freud', aber des anderen Leid. Jordan-Pilot Bertram Gachot geriet auf dem Weg zu einer Pressekonferenz in London mit einem Taxifahrer in Streit und sprühte ihm CS-Gas in das Gesicht. Gachot wurde für seine Tat zu einer Gefängnisstrafe von 18 Monaten verurteilt und konnte aus diesem Grund nicht mehr für das Jordan-Team fahren - mit Michael Schumacher fand Eddie Jordan einen bis dato nur Szenekennern bekannten Ersatz.

Michael Schumacher

Michael Schumacher schlug 1991 in die Formel 1 ein wie eine Bombe...

Mit der Hilfe von Mercedes, Weber und zwei Sponsoren schaffte es Schumacher, im Team des Iren Eddie Jordan unterzukommen. "Schumacher, wer?", soll Jordan zuerst gefragt haben, und dann, ob der junge Mann die gefährliche Strecke in Spa schon gefahren sei. "Ja, schon hundert Mal", wird Webers Antwort von den Chronisten überliefert. Natürlich stimmte das nicht.

Die beiden reisten in die Ardennen, in den Grand-Prix-Ort rund 100 km von Kerpen entfernt, und Weber berichtete später: "Ich habe mit Michael auf einem Zimmer in einer Jugendherberge geschlafen." Knapp 1.000 Mark Taschengeld hat es für Schumacher gegeben, abends lud Weber ihn zu einer Pizza ein. 100.000 Dollar soll Eddie Jordan sich das Risiko Schumacher bezahlt gelassen haben.

"Wir konnten nicht groß investieren. Aber ich habe meine Chancen bekommen, und die habe ich genutzt", erinnert sich Schumacher an seine Anfänge. Seine Familie hatte kein Geld, jedenfalls nicht genug, um dem Sohn eine teure Motorsportkarriere zu ermöglichen. Schumacher war auf wohlmeinende Bekannte angewiesen, die ihm Gelegenheit gaben, sein außergewöhnliches Talent zu zeigen. "Ich habe von der Formel 1 geträumt, aber ich habe mir nie vorstellen können, dass es wirklich klappen sollte", so Schumacher.

War die Stoppuhr kaputt?

Und plötzlich war er im Team, Michael Schumacher, der Gachot ersetzen sollte: "Michael war die eindrucksvollste Person, die je ein Debüt in meinen Autos gegeben hat. Es stellte sich eine Frage: entweder war die Stoppuhr defekt oder dieser Junge war verdammt gut", schwärmt Teamchef Eddie Jordan immer noch von dem sensationellen Debüt Schumachers.

1991 war das Jahr des Aufstiegs in die Formel 1 - mit gerade einmal 22 Jahren. Von der Mercedes-Sportwagenschule gekommen, begann für den Deutschen das wichtigste Kapitel seiner Rennfahrerkarriere. Plötzlich stand er in Silverstone und sollte einen Test im Jordan fahren - einen einzigen Tag vor dem Renndebüt in Spa, einer der schnellsten, gefährlichsten und anspruchsvollsten Strecken in der Formel 1.

25-30 Runden standen auf dem Plan, dann sollte sich Schumacher an sein Auto gewöhnt haben. Keine leichte Aufgabe, litt Jordan doch im Debüt-Jahr an chronischem Geldmangel und der Kerpener musste mit seinem grünen Einsatzauto für Spa den ersten Schritt tun - es gab kein Ersatzgetriebe und auch keinen Ersatzmotor. Sollte Schumacher sein Auto beschädigen, dann wäre es um das Debüt schon geschehen.

Schumacher verblüfft Jordan mit seiner Gelassenheit

Teammanager Trevor Foster klärte Schumacher darüber auf, der meinte aber nur gelassen: "Ja, ja, kein Problem". Ein Schaltfehler und das Getriebe und der Motor wären dahin. Nach einer Checkrunde kam Schumacher zurück an die Box, nach einer kurzen Überprüfung sollte Schumacher vier oder fünf Runden fahren.

Dabei muss der heutige fünffache Formel-1-Weltmeister rückblickend zugeben, dass selbst er als einer der talentiertesten Rennfahrer aller Zeiten überwältigt war, in einem Formel-1-Auto zu sitzen: "Das erste Mal, als ich es fuhr, an diesem Tag im August 1991 in Silverstone, war ich einfach nur von der Power beeindruckt, da ich es nicht gewohnt war, ein Formel-1-Auto zu fahren", so der Deutsche im 'EJ'-Magazin. "In der ersten Runde dachte ich wirklich, dass dies zu viel für mich ist, um da mit umgehen zu können."

Foster bat Schumacher, es langsam anzugehen, doch der 22-jährige hagere Mann im grünen Rennanzug ging seinen eigenen Weg, allem anfänglichen Selbstzweifel zum Trotz: "Nach drei Runden glühten schon die Bremsscheiben. Er ist sofort voll gefahren, nach nur drei Runden. Er war zuvor noch nie mit Kohlefaserbremsen gefahren, aber er machte keine Anstalten, sich zuerst einmal daran zu gewöhnen", so Foster. Und seine Zeiten waren besser als jene der beiden Stammfahrer de Cesaris und Gachot!

Die Mienen in der Jordan-Box verrieten Verblüfftheit, Foster versuchte Schumacher einzubremsen, doch der ging auch in seinem zweiten Turn mit gleichem Elan zur Sache, konnte die ganze Aufregung um den Motor nicht verstehen: "Er hat das Auto behandelt, als sei es ein Spielzeug. Er bremste spät, schmiss es um die Kurven. Und das alles völlig mühelos. Wenn ihm das Auto ausbrach, holte er es sofort zurück. Und kein einziges Mal überdrehte er das Auto."

Der große Tag

Und dann war Schumacher einen Tag später in Spa, einer Strecke, die einem Piloten alles abverlangt, eine Strecke, die jeder Pilot respektiert. Schlafen musste der spätere Millionär an jenen Tagen in Belgien in einer Jugendherberge. "Ich kann mich noch daran erinnern, wie bei meinem Debüt das Jordan-Team dachte, dass ich die Strecke kenne, was aber nicht der Fall war. Aus diesem Grund schnappte ich mir ein Fahrrad, um dort ein paar Runden zu fahren und ich erkannte gleich, welch fantastische Strecke dies ist", erinnert sich Schumacher, dessen Fahrrad heute in der "Welt der Schumachers" in Kerpen ausgestellt ist.

Schumachers erster Teamkollege in der Formel 1 war der erfahrene, seit elf Jahren in der Formel 1 aktive Andrea de Cesaris und der sollte Schumacher in einem Auto um den Kurs fahren um ihm alles zu erklären. Doch Cesaris hatte keine Zeit oder sträubte sich besser gesagt davor, Schumacher zu helfen, und so fuhr "Schumi" alleine mit einem mitgebrachten Klapprad los, um den Ardennen-Kurs zu begutachten. Eine Gepflogenheit, die Schumacher bis heute nicht abgelegt hat - nur nutzt er heute meistens einen Motorroller.

Am nächsten Tag röhrte der Hart-Motor zum ersten Mal auf und Schumacher ging auf die Strecke - wie in Silverstone fuhr der 22-jährige gleich volles Rohr und Foster funkte dem Deutschen zu, ob er denn nicht ein bisschen langsamer fahren wolle. Doch Schumacher antwortete trocken: "Nein. Ich fahre am Limit, nicht darüber" - Worte eines zukünftigen Champions. Am ersten Trainingstag flog er auf den Zeitentabellen nie aus der Top 10 heraus.

Schumacher war auf Anhieb schneller als de Cesaris

Als Schumacher wegen eines Defektes am Kühlkreislauf in das Ersatzauto von de Cesaris umsteigen musste, verblüffte er das ganze Team. Mit dem Auto, das auf den Teamkollegen abgestimmt war, fuhr er bereits in seiner ersten Runde eine schnellere Zeit als de Cesaris. "Er fuhr wie ein Profi, kam dann an die Box und erklärte uns, wo man das Auto noch schneller machen könnte", erinnert sich Foster.

Bei der anschließenden Besprechung sorgte Michael Schumacher dann für komplette Verwirrung. De Cesaris beschwerte sich über Bodenwellen, auf denen das Auto unruhig sei. Schumacher antwortete auf die Frage, ob er das gleiche Problem gehabt habe: "Zuerst ja. Wenn man da vom Gas geht, wird das Auto nervös. Aber dann habe ich es probiert und bin Vollgas gefahren und das Problem war weg." Wie selbstverständlich redete Schumacher von einer Kurve, die man eigentlich nicht mit Vollgas durchfährt.

Das Qualifying ist in Spa-Francorchamps selbst für die abgebrühtesten Formel-1-Profis immer noch eine Herausforderung und so ist es nicht verwunderlich, dass auch Michael Schumacher schwer beeindruckt war: "Ich kann mich noch an das Qualifying in Spa erinnern, als wir das Auto so perfekt abstimmen konnten, dass ich durch 'Blanchimont' voll fahren konnte, was zu dieser Zeit nicht allzu einfach war ? ein wunderbares Gefühl."

Auch wenn sich Schumacher im Rennen vom siebten Startplatz aus gestartet (de Cesaris war Elfter) nach 150 Metern bereits mit einem Kupplungsdefekt verabschiedete, war es ein Debüt, das das Jordan-Team niemals vergessen wird. Auf den ersten Metern quetschte er sich noch an Jean Alesi und Nelson Piquet auf den fünften Platz vorbei. "An dieses Auto", schwärmt Schumacher über sein erstes Arbeitsgefährt, "werde ich mich immer erinnern, das ist klar."