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  • 17.11.2015 · 14:17

  • von Ben Anderson (Haymarket)

Carlos Sainz und Max Verstappen über ihre "Rennpapas"

Dass Familienmitglieder im Fahrerlager sind, ist absolut nicht ungewöhnlich - Die meisten werden allerdings nicht so gefeiert wie Carlos Sainz und Jos Verstappen

(Motorsport-Total.com) - Jungen Leuten sind ihre Eltern häufig etwas peinlich. Sie suchen nach Möglichkeiten, um ihren Fittichen zu entkommen. Wer würde schließlich schon wollen, dass sein Vater die ganze Zeit dabei ist, während man vor seinen Freunden cool aussehen möchte? Und es gibt nur wenig Welten, in denen es noch cooler ist, als in der Formel 1. Trotzdem ist es bei Carlos Sainz und Max Verstappen anders. Die Rookies sehen in ihren Vätern Kultfiguren ihres Berufsstandes und wertvolle Verbündete, die ihnen helfen können.

Carlos Sainz, Jos Verstappen, Max Verstappen

Vier Rennfahrer aus zwei Familien: Carlos Sainz und Max Verstappen samt Papas Zoom

Keiner von beiden ist ein "Rennpapa" im klassischen Sinn, denn beide haben erfolgreiche Karrieren im Motorsport hinter sich. Jos 'The Boss' Verstappen nahm zwischen 1994 und 2003 an 106 Grands Prix teil und kam (gleich in seiner Debütsaison) zweimal auf das Podium. Carlos Sainz Senior war in den 90ern zweimaliger Rallye-Weltmeister. Verstappen Junior pflegt eine sehr enge Beziehung zu seinem Vater, denn Jos war als Mechaniker und Ingenieur von Beginn an in die Karriere von Max involviert.

"Ich sehe ihn nicht als typischen Rennvater, denn ich denke, dass unsere Vater-Sohn-Beziehung einzigartig ist", verrät Max 'Autosport' und ergänzt: "Wir machen quasi alles zusammen. Er hat sich (im Kartsport; Anm. d. Red.) um meine Motoren und alles gekümmert. Wir waren fast jeden Tag auf dem Prüfstand, um die Motoren gemeinsam zu verbessern. Ich denke nicht, dass viele Väter das mit ihren Söhnen machen."

"Mit der Zeit wird man immer erfahrener, aber ich mag es trotzdem, wenn er dabei ist. Für mich fühlt sich das ganz normal an, weil wir in der Vergangenheit nie etwas anderes gemacht haben", so Verstappen. Der Vorteil eines Vaters mit großer Motorsporterfahrung besteht in der Chance, von seinem Wissen zu lernen. Jos Verstappens eigene Formel-1-Karriere verlief nicht so wie erhofft. Aber sein steiniger Weg - in der ersten Saison zunächst Teamkollege von Michael Schumacher und anschließend Jobs bei schwächeren Teams - ist eine lehrreiche Karrierelektion.

Wie der Vater, so der Sohn

"Es lief ähnlich wie bei mir", sagt Max, der nach nur einer Saison in der Formel-3-EM in diesem Jahr in die Formel 1 aufstieg. Jos machte damals den Schritt, nachdem er 1992 die Benelux Opel Lotus Serie und 1993 die Deutsche Formel 3 gewann. Anschließend absolvierte er sensationelle Formel-1-Tests für McLaren und Footwork/Arrows.


Fotostrecke: Wie der Vater, so der Sohn

"Er verbrachte wenig Zeit in den unteren Kategorien und kam dann in die Formel 1. Natürlich kennt jeder die Geschichte, was danach passiert ist. Es war ein Fall von 'zur falschen Zeit am falschen Ort'", erklärt Max und ergänzt: "Wenn du eine schwierige Saison hast, dann ist es danach sehr schwer, wieder zu einem Spitzenteam zu kommen. Leider erhielt er aus diversen Gründen anschließend nicht mehr die Chance, sich neu zu beweisen."

"Ich denke trotzdem, dass er ein toller Pilot ist. Immer wenn wir Kart gefahren sind, oder etwas ähnliches gemacht haben, war er sehr konkurrenzfähig und gut. Er ist ein echter Kämpfer", berichtet Max und fügt hinzu: "Ich finde es toll, dass er seine Karriere nach der Formel 1 hinten angestellt hat, um mir zu helfen. Wie viele Väter tun das? Viele Väter genießen das Racing so sehr, dass sie nicht so viel Zeit für ihr Kind haben."

Keine Umwege für Max

"Mein Vater hat das aber gemacht und dafür bin ich sehr dankbar, denn ohne ihn wäre ich ganz sicher nicht hier", erklärt Max. Dabei ist es eindeutig eine riskante Strategie, genau den Weg einzuschlagen, der bei seinem Vater nicht funktioniert hat. Doch die Verstappens haben immer gesagt, dass Max schneller lernen wird, wenn er gleich ins kalte Wasser geworfen wird.


Brasilien-GP: Toro-Rosso-Rookies im Memory-Duell

Max Verstappen und Carlos Sainz bereiten sich spielerisch auf den Brasilien-Grand-Prix vor Weitere Formel-1-Videos

"Es war keine einfache Entscheidung, aber ich fühlte mich im Formel-3-Auto viel wohler, also gab es keinen Grund, zu den Zwei-Litern (Formel Renault) zu wechseln", erklärt Verstappen Junior und verrät: "Er (Jos) war auch davon überzeugt und es hat alles funktioniert. Man sollte es sich nicht zu leicht machen. Alle folgten dem Trend und gingen zu den Zwei-Litern. Wir sagten uns: 'Vielleicht müssen wir es anders machen?' - und gingen in die Formel 3."

"Als wir das machen wollten, da war uns bewusst, dass wir dort bessere Gegner haben würden. Es gibt immer Leute, die sagen: 'Das ist zu einfach, dort gibt es keine Gegner.' Das wollte ich nie. Ich denke auch, dass der Wettbewerb in der Formel 3 im vergangenen Jahr sehr groß war. Es gab viele erfahrene Piloten. Die Sache, die wir besser gemacht haben als in seiner Karriere, ist, dass ich nicht in einem Weltmeisterteam in der Formel 1 angefangen habe. Ich bin nicht in einem Team mit Michael Schumacher!"

Mehr Verantwortung für den Junior

"Damals war es alles etwas anders. Es gab gewisse Dinge, die nicht so sehr kontrolliert wurden. Du konntest Dinge mit dem Auto anstellen. Heute wird das alles ordentlich geprüft und der Sport ist viel fairer", so Verstappen Junior, der immer den Eindruck macht, bereits viel älter als 18 Jahre zu sein. Das hat er auch der Erziehung seines Vaters zu verdanken. Das setzt sich auch weiterhin fort, da Jos in diesem Jahr bei jedem Grand Prix als Zuschauer anwesend war.


Fotos: Toro Rosso, Großer Preis von Brasilien


"Das stört mich ganz sicher nicht", stellt Max klar. "Manchmal hat er noch immer wertvolle Tipps für mich: 'Bleib konzentriert.' oder 'Es ist erst Freitag.' Das ist noch immer eine gute Hilfe. Nach all den Jahren weiß er genau, wann er zu mir kommen sollte und wann nicht. Aber manchmal, wenn er mir etwas wirklich wichtiges sagen will, dann kommt er und sagt es mir auch."

"Wenn ich nicht zu 100 Prozent das mache, was ich machen sollte, dann sagt er mir das." Max Verstappen

"Wenn ich nicht zu 100 Prozent das mache, was ich machen sollte, dann sagt er mir das. Wenn ich auf dem Boden bleiben soll, dann sagt er mir das auch. Es ist fast genauso (wie früher beim Kart). Der Unterschied ist nur, dass ich jetzt mehr alleine machen muss. Ganz besonders die Reisen und die Arbeit mit dem Team. Aber auch da geht es in erster Linie um Erfahrung. Du wächst dort hinein", erklärt Max.

Familie Sainz als Gegenbeispiel

Bei Teamkollege Carlos Sainz ist die Beziehung eine andere. Er ist fast drei Jahre älter als Verstappen und sein eigener Vater ist deutlich weniger involviert. Er ist eher ein interessierter Beobachter, der seinem Sohn bereits früh professionelle Werte beibringen wollte und seine Fortschritte von der Seitenlinie aus beobachtet hat. "Ich denke, dass sich die Karriere meines Vaters auch darin widerspiegelt, wie er mit mir umgegangen ist, ganz besonders zu Beginn meiner Karriere", erklärt Sainz Junior.


Fotostrecke: F1 Backstage Sao Paulo

"Er sprach mit mir immer wieder darüber, wie professionell ich sein muss, wie methodisch ich an alles herangehen muss, wie ich überall ins Detail gehen muss und wie perfekt alles sein muss, denn er war ein Perfektionist. Das wollte er mir von Beginn an in meinem Kopf hämmern. Er wollte, dass ich mir merke, welche Reifendruck ich verwendete, und dass ich verstehe, was ich überhaupt fahre."

"Das war für ihn das Wichtigste. Er sagte mir nie, wie ich fahren soll, wie ich eine Kurve nehmen oder überholen soll, denn er glaubt, dass solche Dinge mit dem Talent kommen. Und er glaubte, dass ich dieses Talent habe. Es waren harte Zeiten, denn mit elf, zwölf oder 13 Jahren interessieren dich solche Dinge nicht so sehr. Du willst einfach in die Kartwelt rausgehen, mit deinen Teamkollegen einen Kakao trinken, einfach fahren und es genießen."

Papa als Lehrer

"Ich wusste aber, dass ich versuchen musste, es mir zu merken, denn am Ende des Tages würde er mich fragen: 'Also, was war dein Reifendruck?' oder 'Was hast du beim Setup gemacht?' Ich musste diese Fragen beantworten und ich konnte mir nicht einfach etwas ausdenken, denn er fragte dann die Mechaniker! Er hat mich wirklich abgefragt", erinnert sich Sainz Junior.


Fotostrecke: Alle Rallye-Weltmeister seit 1979

Er sagt, dass dieser intensive Druck, bereits in jungen Jahren in technischer und professioneller Hinsicht mehr über sein Racing nachzudenken, für einige schwierige Momente zwischen ihm und seinem Vater sorgte. "Er war sehr hart zur mir", verrät Sainz Junior. "Er wird euch das bestätigen. Er war angemessen hart und wenn ich etwas falsch machte, dann war er der erste, der mich darauf aufmerksam machte."

"Das ist einfach seine Persönlichkeit, er kann es nicht ändern. Aber es hat mich stärker, selbstbewusster und selbstkritischer gemacht. Er glaubte, dass es bereits genug Leute um mich herum gab, die mir nur sagten, wie gut ich bin. Manchmal sprach ich mit ihm darüber und sagte: 'Du bist ein bisschen wie Helmut Marko!' Darüber konnten wir beide lachen. Es war gut, denn es hat mich gut vorbereitet, und ich denke, dass es es gebraucht habe."

Keine leichte Kindheit

"Ich würde es nicht anders machen wollen, obwohl es durchaus harte Zeiten und schwierige Momente mit ihm gab", so Sainz Junior. Letztendlich hat ihm dieser harte Ansatz dabei geholfen, es in diesem Jahr bis in die Formel 1 zu Toro Rosso zu schaffen. Dort hat er das Team mit seinem analytischen Ansatz und seinem technischen Feedback beeindruckt. "Es hat bis zu den Einsitzern gedauert, bis ich den Vorteil verstanden habe, weil dort alles viel komplexer ist", berichtet er.


Fotos: Rollout des Toro Rosso STR10


"Im vergangenen Jahr hat es sich bei meiner Simulatorarbeit für Red Bull und bei den Rahmenrennen ausgezahlt. Außerdem absolvierte ich den letzten Test in Abu Dhabi, wodurch ich die letzten zehn Prozent gewonnen habe, die mir noch fehlten, um ein Formel-1-Fahrer zu werden. Sie haben gemerkt, dass es mir ernst war, als ich ihnen mein Feedback zum Auto gab, was damit übereinstimmte, was Ricciardo bereits das ganze Jahr sagte. Da zahlten sich all die harte Arbeit und all die Schmerzen aus."

"Ich würde es nicht anders machen wollen, obwohl es durchaus harte Zeiten und schwierige Momente gab." Carlos Sainz Junior

Sainz Junior sagt, dass er jetzt in der Formel 1 für seine Erziehung dankbar ist. Als Kind war es allerdings frustrierend, die Erwartungen erfüllen zu müssen, die ein Name mit sich bringt, der durch zwei WRC-Titel berühmt geworden ist. Er musste im Schatten dieses Erfolgs leben. "Jetzt denke ich, dass es ein Vorteil ist. Aber wenn man mich das mit zwölf oder 13 Jahren gefragt hätte, dann hätte ich das nicht gesagt, weil ich mir da selbst noch keinen Namen gemacht hatte", erklärt er.

Sainz geht seinen eigenen Weg

"Ich war immer nur 'der Sohn von' und alle anderen wollten mich schlagen, damit sie sagen können: 'Ich habe den Sohn von Carlos Sainz geschlagen!' oder 'Ich bin besser als der Sohn von Carlos Sainz!' Ich hatte das Gefühl, dass alle gegen mich waren, und das war frustrierend. Letztendlich hat es mich aber stärker und besser gemacht", erklärt Sainz Junior.


Fotostrecke: Die 10 jüngsten Formel-1-Piloten aller Zeiten

Er sagt, dass die Beziehung zwischen ihnen sich über die Jahre verändert hat, weil Carlos Junior auf dem Weg in die Formel 1 seinen eigenen Weg gegangen ist, während sein Vater mit Peugeots Rallye-Daker-Projekt noch immer professionell aktiv ist. Er kann also nicht zu allen Rennen reisen, um seinen Sohn zu unterstützen. "Dieses Jahr war ganz anders als die anderen Jahre, in denen er an meiner Seite war, denn er hat sich entschieden, etwas zurückzutreten", erklärt Sainz Junior.

"Er kommt nicht zu allen Rennen. Außerdem hat er sich eigenes Projekt, was denke ich ganz gut ist, damit er beschäftigt bleibt. Das Racing gibt ihm die Motivation in seinem Leben. Dadurch wird sein ganzer Fokus nicht direkt auf mich gelenkt. Es ist etwas anders, er ist jetzt mehr ein Unterstützer. Wenn ich Zweifel habe oder nicht weiß, wie ich etwas politisch korrekt sagen kann, wie ich Dinge am Radio sagen kann, ohne jemanden zu beleidigen, solche Dinge weiß ein 53-Jähriger. Er kann mir dabei helfen."

"Sie wollen einen Mann sehen"

"Ganz besonders seit dem vergangenen Jahr vertraut er mir viel mehr, denn er hat gesehen, dass ich viel erwachsener geworden bin und dass meine Performance viel besser geworden ist. Er hat mir von Beginn an gesagt: 'Schau mal, jetzt arbeiten 450 Leute für dich und ich denke nicht, dass das Team oder diese 450 Menschen sich auf deinen Vater verlassen.'"

"Sie wollen einen Mann sehen und einen Kerl mit Selbstbewusstsein und niemanden, der alles für mich sagt, was ich zu sagen habe. Er sagte mir: 'Mach dir keine Sorgen, wenn du mich brauchst, dann bin ich da. Wenn du Zweifel hast, dann kannst du mich fragen, aber zeig ihnen, aus welchem Holz du geschnitzt bist'", berichtet Sainz Junior.

Manchmal ist es ganz sicher nicht einfach, einen berühmten "Rennpapa" zu haben. Allerdings sollte man den Anteil, den frühere Erfahrungen an den Karrierefortschritten von Max Verstappen und Carlos Sainz haben, nicht unterschätzen. Jetzt liegt es an den beiden, sich selbst einen Namen zu machen. Nur wenige zweifeln daran, dass sie bisher einen ziemlich guten Job gemacht haben - mit oder ohne den eigenen Vater im Fahrerlager...