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Bridgestones Entwicklungschef im Interview

Hirohide Hamashima über die Besonderheit der Reifenkonstruktion, die Traktionskontrolle und neue Reifen für Frankreich

(Motorsport-Total.com) - Der Reifenkampf in der Formel 1 ist prinzipiell nicht erst mit Michelins Antritt in Melbourne entfacht, sondern begann schon rund ein Jahr vorher, als die Franzosen zusammen mit BMW-Williams und Jaguar Racing fleißig Testkilometer abspulten, um so für die Saison 2001 gut gerüstet zu sein. Fehlte es den Franzosen auf Grund mangelnder Erfahrung der verschiedenen Strecken zunächst noch an einer gewissen Konkurrenzfähigkeit, so zeichnet sich seit den letzten Grand Prix eindeutig der Trend ab, dass Michelin in Sachen Rennspeed Bridgestone ebenbürtig, wenn nicht mittlerweile sogar überlegen ist.

Reifen

Der Wettkampf zwischen Bridgestone und Michelin befindet sich in vollem Gange Zoom

Hirohide Hamashima, der bei Bridgestone die Entwicklungsabteilung der Formel-1-Reifen leitet, sprach über die Besonderheiten im Umgang mit dem schwarzen Gold und der Traktionskontrolle, sowie über die Neuentwicklungen, welche die Japaner als Geheimwaffe gegen die immer stärker werdende französische Konkurrenz noch im Köcher haben.

Frage: "Mit Rückkehr der Traktionskontrolle war ursprünglich davon ausgegangen worden, dass sich der 'Wheelspin' minimieren, und so die Reifen weniger verschleißen würden. Heute scheint es aber so, dass die Autos mehr rutschen und auch die Reifenabnutzung zunimmt."
Hirohide Hamashima: "So wie ich das bisher sehe, hat die Rückkehr der Traktionskontrolle
in die Formel 1 den Reifen eher geschadet. Allerdings wissen wir aus unserer Erfahrung in der DTM, dass mit einer besseren Software, welche die Traktionskontrolle steuert, der Verschleißfaktor der Reifen zurückgeht."

Frage: "Sie haben nun schon über zwei Monate lang einen breiteren Vorderreifen getestet, diesen jedoch bislang noch nicht eingesetzt. Wann werden wir diesen Reifen an einem Rennwochenende im Einsatz erleben?"
Hamashima: "Dieser Reifen befindet sich immer noch in der Entwicklung. Wir haben aber schon im vergangenem Winter mit breiteren Vorderreifen getestet. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass solange der Reifen neu ist, er gut funktioniert. Jedoch mit dem Abbauen der Reifen beginnt sich ein Übersteuern einzustellen. Der Großteil der Fahrer mag aber keine Übersteuern hervorrufenden Reifen, sodass wir unsere Entwicklungen diesbezüglich weiter fortsetzen."

Frage: "Also war dieser breitere Vorderreifen ursprünglich dazu gedacht das Untersteuern zu verringern, ruft nun aber ein Übersteuern nach kurzer Zeit hervor?"
Hamashima: "Der breitere Reifen sorgt für ein besseres Einfahren in die Kurven, jedoch nach dem Kurvenscheitelpunkt verhält er sich genauso wie die schmaleren Reifen, weshalb wir noch an der Verbesserung seiner Eigenschaften arbeiten."

Frage: "In den neuen Plänen für Silverstone ist auch eine beinahe 180 Grad Steilwandkurve geplant. Welche Belastungen wird das für die Reifen bedeuten?"
Hamashima: "Natürlich wird solch eine Steilwandkurve die seitlich auf den Reifen wirkenden Kräfte erhöhen, was in Sachen Reifenkonstruktion schon ein paar Schwierigkeiten mit sich bringt. Vor allem darf man die Hitzeentwicklung beim Durchfahren solch einer Kurve nicht unterschätzen."

Frage: "Wenn sich einige Teams in dieser Saison noch für einen Wechsel zu Michelin für die Saison 2002 entscheiden, dürften diese dann weiterhin am Testprogramm von Bridgestone teilnehmen?"
Hamashima: "Glücklicherweise stellt sich diese Frage für uns derzeit nicht. Bridgestone kann nur alles unternehmen, damit unsere Teams exzellente Reifen bekommen, mit denen sie zufrieden sind. Was ihre Frage betrifft, so wäre das ziemlich schwierig und würde wohl mit dem Verlauf der Weltmeisterschaft zusammenhängen."

Frage: "Bringen Sie zum Großen Preis von Frankreich eine neue Reifemischung an den Start?"
Hamashima: "Ja. Eine davon wurde bereits vor kurzem getestet, während die andere brandneu sein wird."

Frage: "Ist es das erste Mal in dieser Saison, dass Sie eine neue Reifemischungen einsetzen werden, welche noch nicht zuvor getestet wurde?"
Hamashima: "Nein, denn schon in San Marino haben wir einen ungetesteten Reifen mit dabei gehabt. Das Risiko, dass wir die Reifen bislang nicht getestet haben, ist auch nicht besonders groß, da wir den Teams genau erklären können, worin die Unterschiede zwischen den Mischungen bestehen. Wenn alle Teams ihre Zustimmung geben, dann steht einem Einsatz des neuen Reifens im Rennen nichts entgegen."

Dass Bridgestone immer mehr unter Zugzwang gerät, bestätigte zuletzt das starke Auftreten des BMW-Williams-Teams auf dem Nürburgring. Die 'auto motor und sport' macht für die plötzliche starke Konkurrenzfähigkeit des deutsch-britischen Teams im Rennen die Michelin-Reifen verantwortlich, welche bei hoher Querbeschleunigung besser die Antriebskräfte auf die Hinterräder übertragen als die Bridgestone-Pneus, welche dafür in ihrer Konstanz und Verschleißanfälligkeit besser sind.

Eddie Irvine erklärte nach langer Verfolgung eines BMW-Williams-Piloten, dass die Pneus von Michelin sich mehr bewegen als die von Bridgestone und besser federn, was besonders beim Überfahren von Randsteinen ein Vorteil ist. Allerdings hat die weichere Konstruktion auch einen Nachteil, welchen Ralf Schumacher vor allem in den schnellen Kurven spürt, weil dort seine Reifen nicht so stabil sind.