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Berger: Vom Tirolerbub zum Weltmeister im Geldverdienen

Wie Vettel hatte auch Mentor Gerhard Berger nie einen Manager - Von wem er das Geschick mit dem Geld hat und wie ihn Enzo Ferrari über den Tisch zog

(Motorsport-Total.com) - Weltmeister Sebastian Vettel und sein Mentor Gerhard Berger haben etwas gemeinsam. Beide hatten nie in ihrer Karriere einen Manager - und dennoch wird ihnen das eher als Vorteil, denn als Nachteil angelastet. Niki Lauda weiß, warum. Er findet es gegenüber dem 'Sportmagazin' völlig überflüssig, dass Formel-1-Piloten auf teure Manager setzen: "Die Manager sagen immer, dass sie den Erstkontakt herstellen müssen, doch sogar das kann ich selber machen. Da gehe ich an der Box von Frank Williams vorbei und sage: 'Willst du mit mir reden oder nicht?' So würde ich das auch heute noch machen. Ich bewundere Vettel, denn der ist der Erste, der das wieder so macht."

Gerhard Berger

Gerhard Berger hatte im Umgang mit Geld stets einen scharfen Blick

Klingt einfach. Beinahe banal. Doch ohne ein gewisses Geschick, mit Geld umzugehen, und einer ordentlichen Portion Verhandlungstalent kann man auf dieser Art und Weise auch Schiffbruch erleiden. Und hier schließt sich der Kreis zu Laudas Landsmann Berger. Der Tiroler galt in Österreich stets als Weltmeister - im Geldverdienen. Auch wenn er in seiner Karriere keinen WM-Titel holte und auf insgesamt zehn Grand-Prix-Siege kam, zählte er zu McLaren- und Ferrari-Zeiten zu den absoluten Topverdienern der Branche.

Doch woher nahm Berger sein Talent? "Ich hatte das früh daheim mitbekommen", sagt der 51-Jährige gegenüber der 'Süddeutschen Zeitung' - und blickt zurück: "Mein Vater war ursprünglich Fernfahrer gewesen. In den sechziger Jahren fing er mit dem Handeln an: Wir hatten einen Fahrzeugladen, LKW-Werkstätten, eine Spedition. Aber eigentlich hat er mit allem gehandelt. Manchmal war das lustig: Da hat er ein Auto verkauft und dafür einen Dampfstrahler in Zahlung genommen. Am nächsten Tag war der Dampfstrahler weg, dafür hatten wir plötzlich ein Pferd."

Der strenge Vater

Johann Berger schreckte nicht davor zurück, auch seinen Sohn in jungen Jahren direkt mit der harten Welt des Kapitalismus zu konfrontieren. "Wenn ich ein Fahrrad wollte, hat er gesagt: Kannst du dir das leisten? Nein. Gut, ich leih' dir das Geld. Ich habe mir also das teure Rad gekauft und irgendwann weiterverkauft." Der junge Berger rieb sich die Hände und dachte, er hatte ein gutes Geschäft gemacht. Doch die Freude währte nur, "bis mir mein Vater die Zinsen und die Inflation in Rechnung gestellt hat! Das war nicht nett, aber heute weiß ich, warum er es gemacht hat."

"Ich wollte Automechaniker werden, obwohl mein Vater davon geträumt hat, mich auf eine höhere Schule zu schicken." Gerhard Berger

Obwohl Geld in Bergers Familie von Anfang an eine Rolle gespielt hatte, zeigte der spätere Rennfahrer zunächst wenig Interesse an einer wirtschaftlichen Ausbildung. Vielleicht auch aus dem jugendlichen Drang heraus, sein Ziel nicht auf den vorgesehenen Pfaden zu erreichen. "Ich wollte Automechaniker werden, obwohl mein Vater davon geträumt hat, mich auf eine höhere Schule zu schicken", erinnert sich Berger. "Aber das hat mich null interessiert." Aus diesem Grund beendete er die Handelsschule vorzeitig, auf die ihn sein Vater nach dem Schulabschluss geschickt hatte.

Seine Motorsport-Leidenschaft versteckte er zunächst vor seinem Vater. Aus gutem Grund: "Wenn er mitbekam, dass ich an einem Rennen teilgenommen hatte, hat er gesagt: Aha, der Herr Sohn hat zu viel Zeit! Wir brauchen mehr Arbeit für ihn!" Das hatte Folgen: Als der angehende Rennfahrer 18 war, kaufte ihm sein Vater eine Konkursfirma. "Plötzlich hatte ich zehn Lastwagen und 20 Mitarbeiter. Das war an sich toll. Nur: Mit dem Rennsport ließ es sich nicht vereinbaren, das wusste er genau."

Bilanzenvergleich nach der Weihnachtsbescherung

Es dauerte lange, bis sich Johann Berger damit abfand, dass sein Sohn nicht zu bremsen ist. Dass die Formel 1 schon damals Mekka der Reichen und Schönen war, dürfte ihm nicht bewusst gewesen sein: "Erst als ich in die Formel 1 kam, fing der Sport an, ihn zu interessieren. Da hat er gefragt: Was kann man denn da verdienen?"

"Bald sah mein Vater mit seinem Betrieb im Vergleich zu meinem Gehalt schlecht aus." Gerhard Berger

Zu Weihnachten verglichen Vater und Sohn regelmäßig nach der Bescherung ihre Bilanzen: Johann Berger musste mit ansehen, wie ihn der Junior übertrumpfte. "Bald sah er mit seinem Betrieb im Vergleich zu meinem Gehalt schlecht aus", grinst Berger heute. Zunächst hatte sein Vater mehr Angst gehabt, dass er sich in der Formel 1 verschuldet, als dass er einem schweren Unfall zum Opfer fallen könnte. "Meine Mutter hatte Angst. Mein Vater nicht. Der war doch sehr, sagen wir: geldorientiert. Außerdem war er daran gewöhnt, mich regelmäßig bei der Polizei oder im Krankenhaus abzuholen."

Dass in der "Königsklasse" des Motorsports ein anderer Wind weht, musste Berger dennoch erfahren. Als der Bonus der BMW-Unterstützung verschwand und das damalige Talent 1987 zu Ferrari ging, saß er am Verhandlungstisch dem großen Enzo Ferrari gegenüber. " Man muss sich meine Lage vorstellen", schildert Berger die Situation. "Ich war ein Tirolerbub, der keine Fremdsprache sprach und drei Jahre zuvor noch in der Schmiergrub'n LKW-Kupplungen getauscht hatte. Ferraris kannte ich nur von Postern. Und nun sollte ich für die Formel 1 fahren. Das hätte ich auch umsonst getan."

Wie Enzo Ferrari Berger über den Tisch zog

Also kam, was kommen musste: "Er hat gleich gefragt: Wenn wir uns einigen, können Sie sofort unterschreiben? Ich nickte, da wusste er: Der hat keinen Manager. Gegen den Alten hatte ich keine Chance. Beim ersten Vertrag hat er mich über den Tisch gezogen", weiß er. In den ersten beiden Jahren verdiente Berger, der zu diesem Zeitpunkt immerhin schon einen Grand-Prix-Sieg auf dem Konto hatte, nicht mehr als eine Million Dollar. Doch er lernte aus der Niederlage und schlug zurück: "Als der Vertrag auslief, habe ich Revanche genommen."

"Gegen den Alten hatte ich keine Chance. Beim ersten Vertrag hat er mich über den Tisch gezogen." Gerhard Berger

Zur absoluten Hochform lief Berger aber bei McLaren auf. Ayrton Senna, der damals beste Fahrer der Formel 1, war von 1990 bis 1992 sein Teamkollege. Der Österreicher nannte die Zeit im Nachhinein die "James-Bond-Jahre". Die beiden Freunde lebten in Saus und Braus, der Himmel war die Grenze - auch beim Pokern mit McLaren-Teamchef Ron Dennis. "Senna und ich haben beim Verhandeln Pingpong gespielt", erzählt er.

"Als sein Vertrag auslief, wusste ich, da kann ich auch meinen aufzustocken. Wir waren auf einem Boot vor Sardinien, als Senna mich fragte: Wie viel soll ich verlangen? Ich sagte, 20 Prozent mehr ist frech, das wird er dir nicht geben. Verlang 50 Prozent, dann glaubt er, du hättest andere Optionen. Am nächsten Morgen sagte Senna: Ich werde das Doppelte verlangen." Sennas Forderungen trafen den stolzen Dennis 1992 wie der Blitz, doch der Brasilianer blieb hart und drohte mit Urlaub.

Dennis wusste aber genau, dass er auf den Weltmeister angewiesen ist und bezahlte ihn Rennen für Rennen. "So ging das die ganze Saison - und am Ende hatte er verdient, was er verlangt hatte", weiß Berger. Und schmunzelt: "Das war auch ziemlich gut für mich." Teilweise wollten sich die Piloten auch untereinander bezüglich ihrer Statussymbolen übertreffen: "Das bringt das Geschäft mit sich: das Rennen, die Party, schöne Autos, Flugzeuge. Ein Typ wie ich kostet so etwas bis zum Letzten aus."

Zwischen Tiroler Bergland und Glitzerwelt Monaco

"Das Rennen, die Party, schöne Autos, Flugzeuge. Ein Typ wie ich kostet so etwas bis zum Letzten aus." Gerhard Berger

Doch genau dann stößt auch ein Topverdiener wie Berger an seine Grenzen: "Das Problem ist, dass der Wettbewerb nie aufhört: Wenn ich mir einen Jumbo kaufe, kauft sich ein anderer zwei und lässt sein Gepäck extra fliegen." Dennoch sehnen sich die Menschen oft nach dem, was sie nicht haben. Das geht auch dem Wahlmonegassen so: "Ich habe Freunde, die oft tagelang in die Berge gehen, dort nur zusammensitzen und einen guten Schmäh haben. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, denke ich mir oft: So willst du auch sein! Aber das bekomme ich auf Dauer nicht hin. Das gibt mir manchmal zu denken."

Und so kam es, dass seine Töchter nicht wie er in den Tiroler Bergen, sondern in der Glitzerwelt an der Côte d'Azur aufwachsen. "Damit hadere ich auch manchmal", gibt Berger zu, meint dann aber: "Für den Ankauf und Verkauf von Fahrrädern hätten sie sich vermutlich ohnehin nicht begeistert."

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