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2010: Ein Abu-Dhabi-Grand-Prix für die Ewigkeit

Sebastian Vettel krönt sich zum jüngsten Champion der Geschichte, während Fernando Alonso sein Waterloo erlebt - Die Königsklasse verändert sich tiefgreifend

(Motorsport-Total.com) - Kein Drehbuch-Autor hätte in der Saison 2010 das motorsportliche Märchen aus Tausendundeiner Nacht besser inszenieren können. Sebastian Vettel holt beim Finale in Abu Dhabi seinen ersten WM-Titel und versinkt in Tränen des Glücks, nachdem er als großer Außenseiter im Duell mit Fernando Alonso und Mark Webber in die Wüste gereist ist. Insbesondere um den Ferrari-Piloten spielt sich ein im Boxenfunk dokumentiertes Drama ab, dass Konsequenzen nach sich ziehen wird.

Sebastian Vettel

Sebastian Vettel feiert seinen ersten Weltmeistertitel in Abu Dhabi Zoom

Davon ahnt niemand etwas, als die Formel 1 zum zweiten Rennen ihrer Geschichte auf dem Yas Marina Circuit eintrifft. Alonso steht mit 246 Punkten im Gepäck vor der dritten Krone seiner Karriere und scheint seinen ärgsten Konkurrenten in Red-Bull-Pilot Mark Webber (238) zu haben, der in der Endphase der Saison jedoch Nerven zeigt. Kaum jemand setzt seine Jetons auf den formstarken Vettel (231) oder den mathematisch noch im Rennen befindlichen McLaren-Star Lewis Hamilton (222).

Es ist das erste Finale in der Geschichte, bei dem vier Piloten den WM-Titel holen können. Im Vorfeld dreht sich alles um die Frage, ob Red Bull eine Stallregie erwägt - schließlich gibt es Szenarien, die Alonso zum Champion machen, wenn sich Webber und Vettel gegenseitig Punkte abnehmen. Doch davon wollen die Verantwortlichen vor dem Hintergrund einer kontrovers diskutierten Ferrari-Teamorder in Hockenheim nichts wissen und pochen auf eine Entscheidung auf der Strecke.

Red Bull schließt Stallregie aus, Vettel kämpferisch

Dietrich Mateschitz sagt mit Blick auf den Sieg in Deutschland, den Alonso von seinem Wasserträger Felipe Massa mit Schleifchen geschenkt bekam: "Eingreifen war nie eine Option. Die ganze Welt hat Ferrari dafür gegeißelt, was sie gemacht haben, aber wir waren Idioten, weil wir es ihnen nicht gleichgetan haben." Der Red-Bull-Patron stellt Fairness über den Erfolg: "Ein zweiter Platz, der korrekt zustande kommt, kann besser sein als ein Sieg, der Anweisungen und eine Bestätigung braucht."

¿pbfs||pb¿Diese Grundeinstellung ist zum Vorteil Vettels, schließlich könnte der Profiteur einer Stallorder nur sein Teamkollege und Intimfeind Webber sein. Die beiden sind sich spätestens seit einer Kollision beim Türkei-Grand-Prix nicht mehr grün, Spannungen prägen das Verhältnis zum erfahreneren Australier. "Ich werde weiter kämpfen", so Vettel im Vorfeld der WM-Entscheidung. "Mathematisch bin ich noch voll im Rennen. Deswegen wäre es Blödsinn, den Glauben auf den Titel jetzt in den Sand zu schmeißen."

Mit zwei Siegen bei den drei jüngsten Grand Prix befindet sich der Heppenheimer im Aufwind und besitzt im Alter von 23 Jahren weiter die Chance, sich zum jüngsten Champion der Geschichte zu fahren und den Rekord ausgerechnet Alonso abzuknöpfen: "Die letzten Rennen haben gezeigt, wie schnell sich alles ändern kann. Ich male die Dinge nicht schwarz, bin Optimist und werde bis zum Ende kämpfen", erklärt Vettel. "Vielleicht hat Fernando einen Vorsprung, aber das heißt nicht, dass man die anderen abschreiben sollte."

Drama im Ferrari-Funk

Im Qualifying nährt der Youngster seine Hoffnungen und fährt auf die Pole-Position, Alonso als Dritter und Webber als Fünfter bleiben jedoch in guter Ausgangsposition. Schließlich reicht dem Spanier selbst bei einem Vettel-Sieg schon Rang fünf zum Titel. Während der Red-Bull-Pilot nach gelungenem Start das Tempo bestimmt, misslingt dem Ferrari-Star der Losfahren. Er fällt zurück und die Scuderia trifft nach einem Unfall zwischen Michael Schumacher und Vitantonio Liuzzi sowie dem Ausrücken des Safety-Cars eine folgenschwere Entscheidung: Kein Boxenstopp!

Michael Schumacher, Vitantonio Liuzzi

Michael Schumacher und Vitantonio Liuzzi kommen sich gefährlich nahe Zoom

Webber tut es Alonso gleich und bleibt auf den superweichen Pneus draußen. Nico Rosberg, Witali Petrow und einige andere wechseln jedoch die Reifen und fahren dem Feld in der Folge hinterher. Bei den Spitzenpiloten beginnen die Gummis stark abzubauen und nur wenige Umläufe später ist der Besuch bei der Crew unausweichlich, schließlich küssen sowohl der Australier als auch der Asturier mit massivem Gripverlust die Leitplanke. Zurück auf der Strecke sind die Nachzügler plötzlich vor ihnen. In einem Ein-Stopp-Rennen stehen beide vor dem Verlust des WM-Titels.


Fotostrecke: Triumphe & Tragödien in Abu Dhabi

Vettel, der genügend Vorsprung herausgefahren hat, führt nach der Serie der Stopps vor Hamilton, Jenson Button, Rosberg, Robert Kubica und Petrow. Erst dann kommen Alonso und Webber auf den Rängen sieben und acht. Sie müssen nun auf der Strecke überholen - mindestens zwei respektive sechs Autos. Nachdem es beim ersten Versuch fast zum Unfall mit dem russischen Renault-Piloten kommt, fleht Renningenieur Andrea Stella seinen Schützling im Funk an: "Fernando, schöpfe dein ganzes Talent aus. Wir wissen, wie groß es ist."

Vettel bricht in Tränen aus, Alonso tapfer

Teamchef Stefano Domenicali legt beschwörend nach: "Es ist unerlässlich, zu überholen!" Doch die harten Reifen am Renault, der fast die gesamtes Renndistanz auf dem Material unterwegs ist, lassen einfach nicht nach. Dazu macht sich Petrow geschickt breit, selbst unter großem Druck verkneift sich der bis dato blasse Formel-1-Neuling selbst den kleinsten Fehler. Alonsos Bemühungen sind trotz qualmender Reifen vergeblich. Am Russen führt kein Weg vorbei und die dritte Krone fährt mit dem tadellosen Vettel an der Spitze von dannen.

Fernando Alonso, Witali Petrow

An Witali Petrow führt für Fernando Alonso einfach kein Weg vorbei Zoom

Als der Sieg und die Krone in trockenen Tüchern sind, brechen beim Hessen alle Dämme: "Danke Jungs, unglaublich", schreit er unter dem Helm. "Ich liebe euch!" Sein Weinen ist deutlich zu hören, als Teamchef Christian Horner und Mateschitz über den Äther schicken: "Du bis Weltmeister! Genieße es! Du bist derjenige welcher!" Dass sein erster WM-Titel ihn in eine Reihe mit seinen Idolen Schumacher und Ayrton Senna rückt, macht Vettel sprachlos.

Alonso nimmt die größte Niederlage seiner Karriere tapfer hin: "Das ist der Sport, das ist der Motorsport. Manchmal gewinnt und manchmal verliert man. Nach so einem Rennen ist es einfach, die bessere Strategie auszumachen." Dieser Meinung ist Luca di Montezemolo nicht. Der Ferrari-Präsident degradiert den damaligen Chefingenieur Chris Dyer, wenige Monate später muss er die Scuderia endgültig verlassen. Die Formel 1 reagiert mit der Einführung von des umklappbaren Heckflügels DRS auf die Überholproblematik. Doch Alonso hechelt dem dritten Titel bis heute hinterher, während Vettel mit dem Triumph eine Epoche der drückenden Dominanz einläutet.