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2008: Ein Brasilien-Grand-Prix für die Ewigkeit

Lewis Hamilton als Last-Minute-Champion, Felipe Massa als Weltmeister für 39 Sekunden und Timo Glock als Zünglein an der Waage: Der Brasilien-Wahnsinn 2008

(Motorsport-Total.com) - Felipe Massa in Tränen, Ferrari am Boden und eine ganze Nation in tiefem Frust: Was sich beim Saisonfinale der Formel-1-Saison 2008 in Interlagos abspielt, ist an Dramatik und Emotion kaum zu überbieten. Die letzte Runde eines hochspannenden Rennens beschert Lewis Hamilton in seiner zweiten Grand-Prix-Saison den Weltmeistertitel. Der damalige Rookie Timo Glock und seine Toyota-Mannschaft müssen sich vor aufgebrachten Fans in Sicherheit bringen. Aber der Reihe nach.

Felipe Massa

Hoch emotional nach dem Sieg ohne Titelgewinn: Felipe Massa 2008 Zoom

Vor dem letzten Rennen der Saison am 2. November 2008 ist McLaren-Shootingstar Hamilton der Favorit auf den Titelgewinn. Der Brite kommt mit sieben Punkten Vorsprung nach Sao Paulo, wo Ferrari-Kontrahent Felipe Massa seine eigentlich kaum noch vorhandene Chance unbedingt nutzen will. Und der Brasilianer gibt alles, fährt vielleicht das Rennwochenende seines Lebens - aber unter dem Strich fehlt am Ende ein einziger Punkt.

Gleich im ersten Freien Training zum Heimspiel platziert Massa mit der Bestzeit eine klare Kampfansage, auch in der zweiten Session setzt sich der Brasilianer vor Hamilton. Nur im Abschlusstraining vor dem Qualifying am Samstag kann der Brite seinen Gegner um 0,100 Sekunden mal hinter sich lassen. Die Stimmung ist schon vor der Zeitenjagd auf dem Siedepunkt, die Massa-Fans tanzen Samba und wünschen Hamilton alles Schlechte der Welt.

Samstag: Brasilianer starten die Party

Am Samstagnachmittag gerät die Masse endgültig in Extase. Felipe Massa auf der Pole-Position, Kontrahent Lewis Hamilton auf Platz vier. Aber der Brite und sein Team bleiben cool. Ein fünfter Platz reicht selbst bei einem Sieg des Ferrari-Piloten. Leichtes Spiel also für Hamilton? Oh, nein! Vor 130.000 hoch emotionalen Fans entwickelt sich ein Spektakel sondergleichen. Kurz vor dem Start des Rennens bringen dunkle Wolken plötzlich sintflutartigen Regen. Die Prozedur wird abgebrochen, die Reifen gewechselt, der Start um zehn Minuten verschoben.

Lewis Hamilton

Vater und Sohn um Jubel vereint: Anthony und Lewis Hamilton in Interlagos Zoom

Massa und Hamilton entscheiden sich für einen Start auf Intermediates, um auf abtrocknender Strecke möglichst sicher und lange fahren zu können. Der Brasilianer gilt nicht gerade als der große Regengott. Das wissen die Fans, die um den ersehnten Erfolg ihres Lieblings bangen. Doch beim Start geht alles gut. Massa behauptet seine Führung, Hamilton fällt auf den fünften Rang zurück und ist somit sofort an der Grenze zum Titelgewinn unterwegs. Noch mehr Spannung: Nach einer Kollision zwischen Nico Rosberg (Williams) und David Coulthard (Red Bull) kommt das Safety-Car auf die Strecke.

Nach der kurzen Verschnaufpause hinter dem Führungsfahrzeug folgt der Restart in Runde fünf. Wieder kann sich Massa an der Spitze behaupten. Wenige Runden später ist die Strecke für Intermediates zu trocken. Massa stoppt zuerst, Hamilton eine Runde später. Der Brite fällt durch den späteren Stopp hinter Giancarlo Fisichella (Force India) zurück und ist nur noch Siebter! Zu diesem Zeitpunkt liegt Massa auf Titelkurs. Die Masse auf den Tribünen tobt! Allerdings nicht lange.

Nach einem Fahrfehler von Jarno Trulli (Toyota) rutscht Hamilton auf Platz sechs, dann geht er an Fisichella vorbei und liegt wieder auf dem für ihn so wichtigen fünften Rang. Erneutes Bangen der Ferrari-Fans auf den Zuschauerplätzen und vor den Fernsehern. Kurz vor Halbzeit des Grand Prix ist die Strecke komplett abgetrocknet. Massa führt souverän, sein Rivale hat bereits rund 20 Sekunden Rückstand auf den Brasilianer, aber genügend Puffer auf Rang sechs - Hamilton könnte gemütlich cruisen. Wenn da nicht...

Sonntag: Massa siegt, Hamilton feiert

Genau fünf Runden vor dem Ende wieder Regen! Die beiden WM-Rivalen kommen an die Box, holen sich für den rutschigen Schlussspurt noch einmal Intermediates. Ein anderer pokert und wird damit unfreiwillig zu einem Hauptdarsteller: Timo Glock. Der Toyota-Pilot, ein anerkannt bärenstarker Regenfahrer, verzichtet auf den Reifenwechsel und fährt somit plötzlich vor Hamilton, der nach dem Stopp zwar Fünfter ist, aber Druck vom schnellen Sebastian Vettel (Toro Rosso) bekommt.

David Coulthard

Leiser Abschied aus der Formel 1: David Coulthard scheidet in erster Runde aus Zoom

In der vorletzten Runde brandet ein Jubelschrei aus tausenden Kehlen durch Interlagos: Vettel überholt Hamilton, der somit nur noch Sechster ist. Felipe Massa fährt vor heimischer Kulisse also seinem ersten WM-Titel entgegen. So geht es in die letzte Runde. Noch 4,309 Kilometer bis zur Jubelparty in Brasilien. Rund 80 Sekunden dauert die letzte Runde für Massa, der als Sieger durch das Ziel fährt. Ekstase auf den Rängen, Jubel am Funk des Brasilianers, Freude an der Ferrari-Box.

39 Sekunden lang läuft Samba, dann der Schock. Während Massa in der Auslaufrunde jubelt und den Fans zuwinkt, geht das Rennen für andere Fahrer schließlich noch weiter. Der auf Slicks fahrende Glock kann das Tempo nicht mehr mitgehen, ist auf seinen Reifen absolut chancenlos. Zunächst kommt Vettel an ihm vorbei, dann kurz vor Ende auch noch Hamilton: Platz fünf, Weltmeister! Tränen unter dem Massa-Helm, Tränen bei Renningenieur Rob Smedley an der Boxenmauer, weinende Herzen aller Ferrari-Fans und plötzlich aufkeimender Hass auf den Tribünen.

Montag: Glock erhält Drohungen

Die unglaubliche Unterstellung: Timo Glock hat absichtlich verlangsamt, um Hamilton vorbeizulassen und somit zum Champion zu machen. Niemand will etwas davon wissen, dass der Deutsche sich einfach nicht hatte wehren können. "Das Rennen selbst war als Fahrer ein wirkliches Highlight - ein echtes Pokerspiel", erinnert sich Glock im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. "Im Rennen war ich nicht wirklich im Bilde, in welcher Situation ich mich im Kampf um den Titel befinde. Mein damaliges Team sagte mir nur, ich kann nicht mehr zum Reifenwechsel kommen, da wir sonst zu viele Positionen verlieren."

Timo Glock

Von ahnungslosen Fans beschimpft: Timo Glock war auf Slicks chancenlos Zoom

Die brasilianischen Fans flippen komplett aus. Es gibt direkt nach dem Rennen wilde und agressive Drohungen gegen Glock und Mitarbeiter der Toyota-Mannschaft. Das Werksteam aus Köln muss reagieren. Aus Angst vor Übergriffen ordnet die Toyota-Chefetage an, dass alle Mitarbeiter sofort die Teamkleidung gegen zivile Kleidung tauschen sollen. Die "Toyoten" suchen das Weite, bringen sich vor den aufgebrachten "Fans" in Sicherheit.

"Nach dem Rennen wurden teilweise unsere Mechaniker beschimpft und sogar bespuckt - für mich ging es noch glimpflich aus", sagt der Deutsche, der mittlerweile für BMW in der DTM aktiv ist. Welcher Druck sich aufgrund der Ereignisse im Rennen aufgebaut hat, bekommt Glock dennoch zu spüren. "Man hat mich am nächsten Tag mit einer Polizeieskorte zum Flughafen gebracht, das wurde mir von ein paar brasilianischen Kollegen empfohlen."

Noch Tage nach dem Saisonfinale erhält Timo Glock Drohungen, er wird beleidigt, für die Massa-Niederlage im WM-Duell verantwortlich gemacht. Für den damals noch jungen Formel-1-Neuling sind die Geschehnisse von Brasilien 2008 prägend. "Die Beschimpfungen waren über das Internet unglaublich und heftig", sagt Glock rückblickend. "Leider kamen sogar von deutschen Fans mehr Drohungen und Beleidigungen als von brasilianischen Fans."

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