powered by Motorsport.com

1961: Ein Italien-Grand-Prix für die Ewigkeit

Monza 1961 soll die Krönung der Karriere des Wolfgang Graf Berghe von Trips werden, doch das Rennen endet in der größten Tragödie der Formel-1-Geschichte

(Motorsport-Total.com) - Genau wie im Jahr 2014 wird auch 1961 in der Formel 1 ein neues Motorenreglement eingeführt. Der Hubraum wird von 2,5 auf 1,5 Liter reduziert. Und genau wie im Jahr 2014 bestimmt auch 1961 ein Team das Geschehen: Das ist damals Ferrari. Der Ferrari 156 mit seiner charakteristischen Haifisch-Nase ist in dieser Saison das schnellste Auto und hat Anfang September von sechs zur Weltmeisterschaft zählenden Grand Prix vier gewonnen.

Graf Berghe von Trips © LAT
Wolfgang Graf Berghe von Trips' Leben endete am 10.09.1961 in Monza

Dementsprechend wird der Kampf um den Fahrertitel 1961 zu einem Duell der beiden Ferrari-Teamkollegen Wolfgang Graf Berghe von Trips und Phil Hill. Beide Rivalen könnten kaum unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite der 33-jährige Frauenschwarm Berghe von Trips, gesegnet mit großem Fahrtalent, allerdings oftmals etwas ungestüm, was ihm vor allem in England den wenig schmeichelhaften Spitzenamen "Count of Crash" (zu deutsch: Graf von Unfall) einbringt.

Auf der anderen Seite der 34-Jährige US-Amerikaner Hill mit einem abgeschlossenen Universitätsstudium in Business Administration, der als technisch versierter Fahrer gilt und im Juni 1961 zum zweiten Mal die 24 Stunden von Le Mans gewonnen hat. "Es war unglaublich stressig, mein Vater und von Trips waren absolut am Anschlag und haben sich unheimlich Druck gemacht, denn weder ein Deutscher noch ein Amerikaner war jemals Weltmeister geworden", blickt Phil Hills Sohn Derek auf den Zweikampf zurück.

Von Trips auf WM-Kurs

Vor dem Großen Preis von Italien 1961 in Monza führt von Trips die Gesamtwertung mit 33:29 Punkten vor Hill an. Aufgrund der Streichergebnisse würde ihm schon ein dritter Platz in Italien ausreichen, um sich vorzeitig zum ersten deutschen Formel-1-Weltmeister zu küren. Neben dem WM-Duell der beiden Ferrari-Piloten, das beim Heimspiel der Scuderia entschieden werden kann, wird vor dem Rennen in Monza vor allem über die Streckenführung diskutiert.


Fotostrecke: Die sieben Motorsport-Weltwunder

Die Veranstalter entscheiden sich erneut für die zehn Kilometer lange Kombination aus Ovalkurs mit seinen um 45 Grad überhöhten Steilkurven und Rundstrecke, gegen die sich schon ein Jahr zuvor aus Sicherheitsgründen viele Teams ausgesprochen hatten. Doch mit dem Argument, dass die Geschwindigkeiten wegen der Reduzierung des Hubraums gesunken seien, lassen sich noch einmal alle Kritiker beschwichtigen.

Die Wahl dieser Variante geschieht freilich nicht ohne Hintergedanken, denn die Ferrari sind auf der Geraden die schnellsten Autos. So wollen die Veranstalter sicherstellen, dass die Tifosi einen Sieg der roten Renner bejubeln können.

Ferrari in Monza eine Klasse für sich

Ferrari

Die Ferrari 156 waren 1961 in Monza klar die schnellsten Autos Zoom

Und im Qualifying geht der Plan auf. Die Ferrari sind mehr als eine Sekunde schneller als der Rest des Feldes und belegen die ersten vier Plätze in der Startaufstellung. Von Trips erobert seine erste Pole-Position in der Formel 1, ist aber nur eine Zehntelsekunde (damals die kleinste Messeinheit) schneller als sein neuer Teamkollegen Ricardo Rodriguez. Der Mexikaner, der ein Jahr darauf bei seinem Heimrennen tödlich verunglücken soll, bestreitet in Italien seinen ersten Grand Prix und ist damals mit 19 Jahren jüngster Fahrer in der Geschichte der Formel 1.

Am Renntag ist die Bühne für den Titelgewinn des Deutschen bereitet, doch das Schicksal will es an diesem 10. September 1961 anders. Von Trips verpatzt den Start und fällt von eins auf Position sechs zurück. Genau anders herum läuft es für Titelrivale Hill. Der US-Amerikaner kommt hervorragend vom Fleck und geht von Startplatz vier aus in Führung. Ihm folgen in der ersten Runde seine Teamkollegen Richie Ginther und Rodriguez.

Im Kampf um Position fünf kommt es zu einem Zweikampf zwischen von Trips und Lotus-Pilot Jim Clark, der gegen Ende der zweiten Runde bei der Anfahrt zur Parabolica-Kurve in einer Katastrophe endet. Beide Fahrzeuge berühren sich und rutschen nach links von der Strecke. Von Trips' Ferrari wird von einem Erdwall in die Luft katapultiert und schleudert in einen Zaun vor den Zuschauerplätzen, von dem aus er auf die Strecke zurückprallt.

Drama in Runde zwei

Der Deutsche wird bei diesem Unfall aus seinem Auto geschleudert und hat keine Chance: Er ist auf der Stelle tot. Auch unter den Zuschauern sind Opfer zu beklagen. Elf Besucher sterben noch an der Rennstrecke, vier weitere erliegen in den folgenden Tagen in Krankenhäusern ihren schweren Verletzungen, 60 werden verletzt. Es ist bis heute der schwerste Unfall in der Geschichte der Formel 1.


Fotostrecke: Triumphe & Tragödien in Italien

Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen? Auf den TV-Bildern ist zu sehen, wie von Trips in der Anbremszone von der Mitte der Fahrbahn nach rechts auf die Ideallinie lenkt und dabei mit dem hinter ihm fahrenden Clark kollidiert. Dieser ging von einem Missverständnis aus.

"Ich bereitete das Überholmanöver vor, meine Vorderräder waren auf Höhe seiner Hinterachse, als er zu bremsen begann", erinnerte sich Clark später an die entscheidenden Sekunden. "Plötzlich zog er zu mir hinüber und fuhr mir ins Auto. Ich glaube, Taffy (von Trips' Spitzname; Anm. d. Red.) hat nicht gemerkt, dass ich neben ihm war. Als er mich zuvor überholt hatte, dachte er wohl, er säße im schnelleren Auto und hätte mich hinter sich gelassen."

Selbst der Papst klagt an

Phil Hill, Monza, Steilkurve

Phil Hill konnte sich über seinen WM-Titel lange nicht freuen Zoom

Dennoch richten sich, sicherlich auch unter dem Schock der Ereignisse, viele Vorwürfe gegen den Schotten, der den Unfall unverletzt übersteht. Der Verlust des kommenden Superstars der Formel 1 löst große Emotionen aus. In Italien wird sogar kurzzeitig wegen Totschlags gegen Clark ermittelt, und selbst Papst Johannes XXIII schaltet sich in die Diskussion ein.

"Es wäre kriminell, wenn man erlaubt, dass sich solch eine absurde Vorstellung, die mit dem Tode endet, noch einmal wiederholt", lässt das Kirchenoberhaupt wissen. Konkurrent Jack Brabham glaubte damals aber nicht an eine Schuld Clarks. "Jimmy war jemand, gegen den man hart fahren konnte, weil man wusste, dass er keine Dummheiten macht", sagte der Australier.

Trotz der Katastrophe in Runde zwei wird das Rennen nicht abgebrochen sondern über die volle Distanz von 43 Runden ausgetragen. Es entwickelt sich zu einer wahren Ausfallorgie. Von 33 gestarteten Fahrzeugen sehen nur zwölf die Zielflagge. Verschont von Defekten und Unfällen bleibt allerdings Spitzenreiter Hill, der mit mehr als eine halben Minute Vorsprung vor Porsche-Werksfahrer Dan Gurney gewinnt. Bruce McLaren (Cooper) hat als Dritter fast zweieinhalb Minuten Rückstand auf Hill.

Hill: Schock nach der Zieldurchfahrt

Der US-Amerikaner wusste zwar, dass sein Teamkollege ausgeschieden war und er damit neuer Weltmeister ist, doch vom Tode von Trips' erfährt er erst nach der Zielankunft. Obwohl das Protokoll der Siegerehrung durchgezogen wird, ist niemandem nach Feiern zu Mute. Und auch Hill braucht lange, bis er sich über seinen Titel richtig freuen konnte. "Erst im Laufe der Zeit begann mein Vater zu schätzen, was es wert war, welche Leistung er vollbracht hatte", erinnert sich Sohn Derek Hill.

Allerdings ist Phil Hill nach diesem Tag nicht mehr der Alte. Ein Formel-1-Rennen wird er nie wieder gewinnen. Deutschland muss noch 33 Jahre auf einen Formel-1-Weltmeister warten, bis Michael Schumacher 1994 in einem ebenfalls dramatischen Finale den Titel holt. Und auch wenn sie für den Unfall nicht ursächlich waren, ist die Zeit der Steilkurven von Monza nach dem 10. September 1961 abgelaufen. Auf dem Ovalkurs fährt die Formel 1 nie wieder.