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2006: Ein Ungarn-Grand-Prix für die Ewigkeit

Im Regen von Ungarn geraten die WM-Favoriten ins Schwimmen und gewinnt ein fast schon als ewiges Talent abgestempelter Fahrer seinen ersten Grand Prix

(Motorsport-Total.com) - Der Große Preis von Ungarn gehört zu den heißesten Rennen im Kalender der Formel 1 - und zwar wortwörtlich. Viele der Rennen auf dem Hungaroring nordöstlich der Hauptstadt Budapest fanden seit 1986 bei hochsommerlichen Bedingungen statt und trieben Fahrern und Zuschauern gleichermaßen den Schweiß auf die Stirn. Nicht so 2006. Damals öffnete der Himmel seine Schleusen und sorgte für ein legendäres Regenrennen. Doch nicht nur das kühle Nass brachte die WM-Favoriten ins Schwimmen.

Jenson Button

So sehen Sieger aus: Jenson Button gewinnt im 113. Anlauf Zoom

In der WM-Wertung hat Titelverteidiger Fernando Alonso (Renault) vor dem Rennen einen Vorsprung von elf Punkten auf Ferrari-Pilot Michael Schumacher. Doch schon am Freitag erhalten die Ambitionen des Spaniers, seinen Vorsprung auszubauen, einen herben Dämpfer. Denn die Rennleitung entscheidet: Auf jede Rundenzeit im Qualifying werden zwei Sekunden addiert. Was war passiert?

Dem heißblütigen Spanier waren im zweiten Freien Training die Sicherungen durchgebrannt. Nachdem er sich von Red-Bull-Pilot Robert Doornbos auf einer schnellen Runde behindert fühlt, erteilt Alonso dem Niederländer eine Lektion und bremste ihn vor der ersten Kurve aus. Diese Selbstjustiz kommt bei der Rennleitung nicht gut an. Da er zusätzlich auch unter gelber Flagge überholt, steigt das Strafmaß auf zwei Sekunden an.

Strafe für Alonso, doch Schumacher zieht nach

Somit liegt der Vorteil bei Schumacher, zumal der Ferrari in diesem Jahr auf dem (trockenen) Hungaroring das schnellste Auto ist. Doch im dritten Freien Training am Samstag leistet sich auch der Rekordweltmeister einen folgenschweren Fauxpas und überholt unter roter Flagge - und zwar ausgerechnet Alonso und BMW-Sauber-Pilot Robert Kubica!


Fotostrecke: Triumphe & Tragödien in Ungarn

Schumacher meint daraufhin, der Spanier habe ihn in eine Falle tappen lassen. Es solle "jeder hingehen und sich die Vorkommnisse genau auf Video anschauen", die Bilder würden "eine eindeutigere Sprache" sprechen. Das sieht die Rennleitung allerdings anders und entscheidet: Auch Schumacher bekommt im Qualifying in jeder Runde zwei Sekunden aufgebrummt! Formel-1-Boss Bernie Ecclestone ist über das Verhalten seiner Stars "not amused" und beschimpft Schumacher und Alonso als "verdammte Idioten!" Durch die Strafe gehen die beiden WM-Duellanten nur von den Startplätzen elf (Schumacher) und 15 (Alonso) ins Rennen. Die Pole-Position erobert McLaren-Pilot Kimi Räikkönen.

Am Renntag sorgt dann Dauerregen für äußerst schwierige Bedingungen, denen die Fahrer zu Beginn des Rennens allerdings gut gewachsen sind. Räikkönen münzt seine Pole-Position in eine Führung um, während hinter ihm der Stern von Rubens Barrichello schnell verglüht. Der Honda-Werksfahrer war als einziger Pilot nicht auf Intermediates, sondern auf Regenreifen gestartet. Doch dieser Poker geht nicht auf, schon nach fünf Runden muss der Brasilianer an die Box fahren, um die nachlassenden Pneus wechseln zu lassen.

Schumacher auf Bridgestone-Reifen chancenlos

Kimi Räikkönen

Kimi Räikkönens Rennen endete am Heck von Tonio Liuzzi Zoom

Vor allem Alonso spielt die nasse Fahrbahn in der Anfangsphase in die Karten. Rasch macht der Spanier Position um Position gut und begibt sich auf die Verfolgung der beiden Führenden. Das sind in der Anfangsphase des Rennens Polesetter Räikkönen und dessen Teamkollege Pedro de la Rosa, der nach dem Rausschmiss von Juan Pablo Montoya mitten in der Saison vom Test- zum Einsatzfahrer befördert worden war.

Schumacher hingegen ist zu dieser Zeit chancenlos, denn seine Bridgestone-Intermediates sind den Michelin-Pneus, wie sie McLaren und Renault fahren, gnadenlos unterlegen. Zudem beschädigt sich der Ferrari-Pilot bei einer missglückten Abwehr eines Angriffs von Giancarlo Fisichella den Frontflügel. In Runde 24 folgt dann die Höchststrafe. Alonso, der nach dem Boxenstopp der McLaren-Piloten die Führung übernommen hat, überrundet Schumacher.

"Er wurde auf der Ideallinie wirklich langsamer und ich konnte nirgendwo hinfahren, außer in sein Heck." Kimi Räikkönen

Der Spanier hat zu diesem Zeitpunkt einen deutlichen Vorsprung, der jedoch kurz darauf zusammenschmilzt, da das Safety-Car auf die Strecke fährt. Grund: Polesetter Räikkönen geht beim Überrunden zu ungestüm vor, fährt auf den Toro Rosso von Vitantonio Liuzzi auf und reißt sich dabei das linke Vorderrad ab. "Er wurde auf der Ideallinie wirklich langsamer und ich konnte nirgendwo hinfahren, außer in sein Heck", gibt der Finne anschließend zu Protokoll.

Fehler der Boxenmannschaft reißt Alonso aus dem Rennen

Fernando Alonso

Nach dem Radverlust endet Alonsos Renault am Abschlepphaken Zoom

Für Schumacher kommt die Safety-Car-Phase wie gerufen. Auf abtrocknender Strecke hat sich der Deutsche wieder zurückgerundet und kann so ans Ende des Feldes aufschließen. Nach einem zwischenzeitlichen Dreher sind nun die richtigen Bedingungen für seine Bridgestone-Intermediates gekommen. Teilweise fährt der Ferrari-Pilot vier Sekunden schneller als die Konkurrenz und holt mit Siebenmeilenstiefeln auf.

Kurz darauf scheint das Pendel endgültig in Richtung des Deutschen zu schwingen, denn Alonso, der 34 Runden lang souverän geführt hat, wird unschuldig aus dem Rennen gerissen. "Als ich aus den Boxen kam, brach das Heck aus und ich drehte mich in Kurve zwei", berichtet der Spanier. Grund dafür war ein Fehler der Boxenmannschaft, welche die Radmutter des rechten Hinterrads nicht richtig festgezogen hatte, woraufhin sich selbiges selbständig machte.

Durch den Ausfall Alonsos erbt ein Fahrer die Führung, den lange keiner auf der Rechnung hatte: Jenson Button. Nach einem Motorschaden am Samstag und der Rückversetzung um zehn Plätze in der Startaufstellung fährt der Brite unauffällig an die Spitze. In seinem 113. Grand Prix sieht der Honda-Werksfahrer, dem seinerzeit der Makel eines ewigen Talents anhaftet, die große Chance auf den Sieg - und lässt sie sich nicht nehmen.

Button siegt im 113. Anlauf

Michael Schumacher, Pedro de la Rosa

Michael Schumacher setzt auf Intermediates - und verzockt sich damit Zoom

Button fährt die Führung souverän nach Hause und sorgt so 39 Jahre nach dem Erfolg von John Surtees in Monza für den dritten Sieg des Honda-Werksteams in der Formel 1. "Es ist gut, dass ich nun nicht mehr die Interviews geben muss, wenn ihr immer sagt, ich habe 112 Grands Prix bestritten und nie gewonnen. Nun werden sie sagen, dass ich einen Sieg aus 113 Grands Prix geholt habe. Das klingt schon viel besser", lässt Button nach dem Sieg seiner Genugtuung freien Lauf.

Nicht weniger überraschend als der Sieg von Button sind die Fahrer auf den Plätzen zwei und drei. Wer dort vor dem Rennen auf Pedro de la Rosa und BMW-Sauber-Pilot Nick Heidfeld gewettet hätte, wäre mit einem dicken Portemonnaie von Hungaroring nach Hause gefahren. Beide profitieren an diesem Sonntag von einer Fehlentscheidung Schumachers, der lange wie der sichere Zweite aussah.

Doch in der Endphase, als die Strecke vollkommen abtrocknet, trifft der siebenmalige Weltmeister eine verhängnisvolle Wahl. Während seine Kontrahenten auf Trockenriefen wechseln, will Schumacher das Rennen auf Intermediates nach Hause fahren und hofft, dass er die schnelleren Verfolger auf dem Hungaroring mit seinen wenigen Überholmöglichkeiten hinter sich halten kann. Doch das gelingt ihm nicht.

Schumachers Reifenpoker geht nicht auf

"So bin ich nun einmal. Ich möchte immer um die Spitze kämpfen, daher habe ich auch so oft gewonnen." Michael Schumacher

Nachdem sich zunächst de la Rosa am Ferrari des Kerpeners vorbeischiebt, wehrt sich Schumacher verbissen gegen die Angriffe Heidfelds. Zu verbissen. In der Schikane kommt es zur Berührung, wobei die Spurstange an Schumachers Auto bricht. Enttäuscht muss der damals 37-Jährige seinen Ferrari an der Box abstellen. Die Chance, Punkte auf Alonso gutzumachen, ist vertan.

"Ob wir ein Risiko eingegangen sind, mit Intermediate-Reifen draußen zu bleiben und gegen die Gegner zu kämpfen? So bin ich nun einmal. Ich möchte immer um die Spitze kämpfen, daher habe ich auch so oft gewonnen", bereut Schumacher seine Entscheidung nicht. Trotz des Ausfalls drei Runden vor Rennende wird er zunächst als Neunter gewertet. Später erbt Schumacher sogar noch den letzten WM-Punkt, nachdem Robert Kubica, der in seinem ersten Formel-1-Rennen für BMW-Sauber auf einen starken siebten Platz gefahren war, wegen Untergewicht disqualifiziert wird.

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