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  • 13.06.2014 · 12:19

  • von Wittemeier, Fritzsche und Nimmervoll

Sicherheit in Le Mans: Wo die Gefahren lauern

Es ist wie in jedem Jahr: Durch schwere Unfälle rückt das Thema Sicherheit in Le Mans in den Fokus - Die neuesten Umbauten und die neuralgischen Punkte

(Motorsport-Total.com) - Der tödliche Unfall von Allan Simonsen im vergangenen Jahr ist vielen Besuchern der 24 Stunden von Le Mans 2014 noch sehr präsent. Spätestens seit den schweren Abflügen von Loic Duval (Audi) und James Calado (AF Corse) wird wieder intensiv über die Sicherheit der 13,6 Kilometer langen Strecken diskutiert. Die Verantwortlichen in Le Mans sind bemüht, die Gefahren auf dem Circuit de la Sarthe zu begrenzen, ein Restrisiko bleibt jedoch immer - und das ist auf einer Highspeed-Strecke besonders hoch.

Allan Simonsen

Die Fans denken ein Jahr nach dem tödlichen Unfall an Allan Simonsen Zoom

"Man hat an der Strecke einige Veränderungen vorgenommen. Es gibt neue Randsteine, einige Randsteine wurden versetzt, in der Ford-Schikane gibt es nun diese 'Baguettes' und in Tertre Rouge kamen neue farbige Flächen", nennt Lucas di Grassi die Umbauten zum aktuellen Jahr. Die Veränderungen an den diversen Stellen kommen nicht allesamt gut an. In Le Mans hat man Teile des Kurses "verschlimmessert", so der Eindruck vieler Fahrer.

Tertre Rouge nach dem Simonsen-Unfall

In der Tertre Rouge, jenem Rechtsknick hinaus auf die lange Landstraße in Richtung Tours (Hunaudieres-Geraden), wurden nach dem Unfall von Allan Simonsen einige Maßnahmen umgesetzt. Die Barrieren auf der linken Seite in der Zufahrt wurden verlängert, neue Farbmarkierungen aufgetragen und - am allerwichtigsten - die Leitplanken wurden in größere Distanz zu den dahinter liegenden Bäumen gebracht. Diese Umbauten treffen bei den Fahrern auf volle Zustimmung.

"Die Ideallinie in Tertre Rouge ist unverändert. Wir sind dankbar, dass dort Verbesserungen in Sachen Sicherheit vorgenommen wurden", erklärt Audi-Pilot Andre Lotterer. "Ausgangs der Porsche-Kurven, also im Bereich Karting, wurde auch noch einiges geändert. Für uns Fahrer ist es sehr gut und wichtig, wenn man dem Thema Sicherheit viel Aufmerksamkeit schenkt. Wir wollen nicht noch einmal so etwas wie im vergangenen Jahr erleben. Das war sehr traurig."

Die größten Gefahren wurden im Verlauf der bisherigen Le-Mans-Woche in den Porsche-Kurven deutlich. Loic Duval schlug dort bei hohem Tempo am Mittwoch in die Fangzäune ein. Dass der Franzose bei seinem brutalen Einschlag in die Fangzäune glimpflich davonkam, verdankt er einem stabil gebauten R18 und einem äußerst gut aufgelegten Schutzengel, der in jenem Moment zur Stelle war. Irritationen gab es anschließend, weil die Session wieder freigegeben wurde, ohne dass der Zaun wieder aufgebaut war.

Warum kein neuer Zaun?

"Man stelle sich mal vor, an der gleichen Stelle fliegt dann noch ein weiteres Auto ab. Was dann? Ich denke, über dieses Thema machen sich alle Fahrer ihre Gedanken", meint Toyota-Pilot Kazuki Nakajima. "Es mag unwahrscheinlich sein, dass haargenau an der gleichen Stelle jemand in dieser Höhe dort angeflogen kommt. Aber man kann es nicht komplett ausschließen." Markenkollege Alexander Wurz ergänzt: "Wir vertrauen der FIA. Die werden keine Session laufen lassen, wenn nicht alles den Regularien entspricht."

Wie konnten die schnellen Le-Mans-Autos also das Training wieder aufnehmen, ohne dass an der Unfallstelle von Duval ein neuer Zaun errichtet wurde? Von Seiten des ACO heißt es, dass in jenem Bereich ein Zaun nur zum Schutz von etwaigen Zuschauern vorgeschrieben sei. An der entsprechenden Stelle gab es jedoch keinen Zugang für Fans. "Seltsam war es aber trotzdem", meint Anthony Davidson, der auch die Besonderheiten im Betrieb der neuen LMP1-Autos als Ursache für Gefahren ausmacht.

"Mit den neuen Autos kommen wir in der Zufahrt zu den Porsche-Kurven zwar im Vergleich zum Vorjahr etwas langsamer an, aber wir fahren die Bögen schneller, weil wir viel Schwung mit hindurch nehmen wollen", erklärt der Brite. "Der Abtrieb ist geringer als bei den vorherigen Autos, außerdem sind die Reifen schmaler. Da ist man wirklich am Limit, wenn man mal eine Chance auf eine Runde ohne zu viel Verkehr wittert."

Viel Dreck abseits der Ideallinie

"Ich verstehe nicht, dass dort die blanke Mauer am Rand steht. Auslauf gibt es dort sowieso fast gar nicht. Der Rasenstreifen am Rand ist vielleicht einen Meter breit. Da wäre es mir lieber, es wäre nur noch ein halber Meter Rasen und dafür wenigstens eine Tecpro-Barriere oder Reifenstapel vor dem Beton", appelliert Davidson. In den Porsche-Kurven ist im bisherigen Verlauf der Rennwoche schon viel Schrott produziert worden. Ein Audi R18, ein LMP2-Oreca von SMP, ein GTE-Pro-Ferrari von AF Corse - allesamt hinüber.


Unfälle im Le-Mans-Qualifying

"Ich hatte den Nicolas Minassian mit seinem Oreca gerade vorbeigelassen, als er dann dort abgeflogen ist. Da konnte man sehen, wo das Problem liegt: die haben wohl dort gearbeitet, es ist dort extrem dreckig. Wenn man dort die Linie nur ein wenig verlässt, dann kommt Staub ohne Ende und null Grip", erklärt Porsche-GT-Fahrer Jörg Bergmeister. "Der Nic Minassian hatte sich nur ein klein wenig verbremst und ist dann geradeaus eingeschlagen. Da sollte man ordentlicher kehren."

Im weiteren Verlauf einer Le-Mans-Runde lauern weitere Gefahren. In den Ford-Schikanen wollten die Veranstalter das übertriebene Abkürzen der Autos verhindern. "Dort haben sie die neuen Randsteine installiert, am Eingang sind jetzt diese 'Baguettes' ganz neu. Die neuen Randsteine im zweiten Teil bremsen uns ganz schön ein, weil man nicht mehr so abkürzen kann", sagt Audi-Werksfahrer Marcel Fässler. Die neuen Hindernisse werden akzeptiert, ein anderes Detail in den Ford-Schikanen aber nicht.

Kiesbett und "Überflieger" Bergmeister

"So etwas wie beim Vortest, dass Jörg einfach abhebt, darf nicht passieren", meint Timo Bernhard. "Das muss besser werden. Er hat nur einen kleinen Fehler gemacht und dachte, es sei eine Möglichkeit, dort rauszufahren, aber stattdessen war es wie ein Sprung, weil das Kiesbett wie eine Rampe wirkte", meint Mark Webber. "Solche Dinge muss man sich permanent anschauen. Wenn du seitlich rausrutschst, kannst du dich ganz schnell überschlagen."

"Ich hatte ein stehendes Rad und habe die Randsteine und 'Baguettes' vermeiden wollen. Ich dachte, ich könnte einfach durch das Kiesbett rollen", beschreibt Bergmeister die wilde Szene beim Testtag. "Da war eine heftige Stufe im Kiesbett - eine richtige Sprungschanze. Ich bin nur 1,5 Meter in das Kiesbett hinein gefahren, dann aber rund 30 Meter weit geflogen. Das war ein absoluter Fauxpas der Streckenverantwortlichen. Zwei andere Autos wurden dort auch beschädigt. Jetzt haben sie es geändert."


Fotos: 24 Stunden von Le Mans


"Die Strecke selbst, das Layout, ist voll in Ordnung. Die Randsteine sind gut. Vielleicht kann man sich aber die Auslaufzonen noch anschauen und da einige der holprigen Bereiche entfernen. Wenn du in der Nacht mit einem LMP1-Auto ein Problem hast, dann kann das gefährlich werden. Das alles muss immer verbessert werden", stellt Porsche-Star Webber klar. "Ich denke, nächstes Jahr werden sie noch einmal ein bisschen Geld in die Boxengebäude investieren und sich die Strecke anschauen."

Für das Jahr 2014 haben die Veranstalter nicht nur Umbauten in einigen Bereichen der Strecke vorgenommen, sondern auch neue Prozeduren im Umgang mit Zwischenfällen etabliert. Neu in diesem Jahr ist die "Slow Zone", die für gewisse Streckenbereiche ausgerufen werden kann. Ähnlich wie "Code 60" auf der Nürburging-Nordschleife gilt für alle Fahrzeuge zwischen zwei markierten Posten ein Tempolimit von 60 km/h. Diese Lösung nutzt man, um etwaige Reparaturen an Barrieren vornehmen zu können, ohne das Feld über komplette Runden hinter dem Safety-Car führen zu müssen.

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