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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Francesco Bagnaia

Nullrunde beim MotoGP-Auftakt in Katar: Ducati-Titelhoffnung Francesco Bagnaia erlebt ein desaströses Wochenende und verlässt Doha mit vielen Fragezeichen

Francesco Bagnaia

Francesco Bagnaia startete auf dem falschen Fuß in die neue MotoGP-Saison Zoom

Liebe Freunde der MotoGP,

das war er, der lang ersehnte Saisonauftakt der MotoGP. Zugegeben, mit Sicherheit gab es schon spannendere Auftaktrennen auf dem Losail International Circuit. Doch ich kann mich an keinen Katar-Grand-Prix erinnern, der so ein überraschendes Ergebnis lieferte.

Oder hätten Sie darauf gewettet, dass das neu aufgestellte Gresini-Team nach der Trennung von Aprilia dank Enea Bastianini einen emotionalen Sieg feiert? Oder dass Honda-Pilot Pol Espargaro seinen übermächtigen Teamkollegen hinter sich lässt? Oder dass KTM nach einem durchwachsenen Testwinter auf das Podium fährt und gegen Rennende sogar am Sieg schnuppert?


Was wir beim MotoGP-Saisonauftakt gelernt haben

Das waren die Highlights beim MotoGP-Auftakt 2022 in Katar: Ducatis Fiasko, Hondas Premiere mit dem neuen Motorrad und Yamahas schwieriger Start. Weitere Motorrad-Videos

Man kann das Ganze aber auch anders betrachten: Ein Ducati-Sieg war mit Sicherheit keine Überraschung. Mit einem Blick auf die Siege im finalen Drittel der vergangenen MotoGP-Saison und den beeindruckenden Jerez-Test im November umgab Ducati die Aura des Favoriten. Auftakt-Sieger Enea Bastianini hat mehr oder weniger das Rennen gezeigt, das ich von Ducati erwartet hatte.

Doch obwohl Ducati die Fahrer- und die Herstellerwertung anführt, gab es nach dem Rennen lange Gesichter im Lager der Italiener. Verständlich, denn die beiden Werkspiloten sowie Hoffnungsträger Jorge Martin verlassen Katar ohne einen einzigen WM-Punkt.

Komplette Nullrunde für Ducatis Titelanwärter

Für Werkspilot Jack Miller war der Grand Prix in Losail nach sechs Runden vorbei. Der Australier brachte seine 2022er-Ducati an die Box. Ein Elektronikproblem sorgte dafür, dass das Motorrad seine Position nicht kannte.

Somit stand Miller an einigen Stellen der Strecke nicht die gewohnte Leistung zur Verfügung. Vor allem beim Beschleunigen fehlte Vortrieb. Um sich und die anderen Fahrer nicht unnötig zu gefährden, beendete Miller das Rennen vorzeitig.

Francesco Bagnaia; Jorge Martin

Super-GAU für Ducati: Francesco Bagnaia räumte Jorge Martin in Kurve 1 ab Zoom

Doch das sollte für Ducati nicht der größte Rückschlag sein. Zu Beginn von Runde zwölft kam es zum Super-GAU. Ducati-Speerspitze Francesco Bagnaia befand sich nach einem katastrophalen Start auf der Aufholjagd und räumte Markenkollege Jorge Martin beim Überholversuch in Kurve 1 ab (zu den Reaktionen der beiden Ducati-Piloten).

Mit diesem Manöver brachte sich "Pecco" in Stellung, die Hauptrolle in der heutigen Kolumne zu übernehmen.

Francesco Bagnaias Aussagen aus dem November hinterlassen Fragezeichen

Spulen wir zurück. Am 14. November 2021 gewann Bagnaia das Saisonfinale der MotoGP. Von den finalen sechs Rennen entschied Bagnaia vier für sich und das teilweise sehr dominant. Der Schützling von MotoGP-Legende Valentino Rossi wirkte dabei ruhig und konzentriert - wie ein zukünftiger Champion.

Das hätte schon gereicht, um die Rolle des Favorit für 2022 zu übernehmen. Doch dann folgte der Jerez-Test, bei dem Bagnaia mit der 2022er-Ducati Bestzeit fuhr und die Konkurrenz in Schrecken versetzte. Erinnern Sie sich noch, was der Italiener damals nach dem Test in Andalusien gesagt hat?

Francesco Bagnaia

Francesco Bagnaia harmoniert noch nicht mit der 2022er-Ducati Zoom

Ich helfe Ihnen auf die Sprünge, falls Sie die markanten Aussagen des Vize-Weltmeisters nicht mehr im Kopf haben. "Ducati hat ein schon jetzt perfektes Motorrad weiterentwickelt", bemerkte "Pecco" damals. "Das alte Motorrad war schon perfekt. Trotzdem haben wir dieses perfekte Motorrad verbessert. Das ist unglaublich."

Ducati kam nach dem Jahreswechsel vom richtigen Kurs ab

Doch nach dem Jahreswechsel wirkte es nicht mehr so harmonisch im Lager von Ducati. Weder beim zweitägigen Test in Sepang (Malaysia) noch beim dreitägigen Test in Mandalika (Indonesien) machte Ducati einen souveränen Eindruck auf mich.

Natürlich sollte man Tests nicht überbewerten. In der heutigen, hart umkämpften MotoGP sind Test-Bestzeiten noch weniger wert als in der Vergangenheit. Doch irgendwie grübelte ich, ob Ducati mit der 2022er-Desmosedici etwas vom Weg abgekommen ist. Es gab einige Anzeichen dafür.

Luigi Dall'Igna

Hat sich Ducati-Corse-Chef Luigi Dall'Igna bei der 2022er-Desmosedici verzettelt? Zoom

Dann sorgte Ducati unmittelbar vor dem ersten Trainingstag für die erste Kontroverse der neuen Saison. Bei der Homologation der Motoren hatte Ducati für Bagnaia eine Hybridversion aus dem 2022er-Motor und dem der Vorjahresmaschine kreiert. Bagnaia war mit dem aggressiven Ansprechverhalten des neuen Motors unzufrieden und wünschte sich einen Schritt zurück.

Harsche Ducati-Reaktionen decken auf, dass etwas nicht stimmt

Genau genommen ist das nichts Ungewöhnliches. Doch als man Ducati und seine bis 2024 unter Vertrag stehende Nummer eins dazu am Freitag befragte, wurde das Gegenfeuer eröffnet (wie Davide Tardozzi und Francesco Bagnaia reagierten). Mit unerwartet harschen Reaktionen signalisierten die Roten, dass etwas nicht stimmt.

Es ist offensichtlich, dass Ducati mit dem 2022er-Paket alles andere als gut vorbereitet in die neue Saison ging. Bagnaia beklagte, dass er Testarbeit verrichten musste, anstatt sich auf das Rennen vorzubereiten.

Francesco Bagnaia

Francesco Bagnaia musste sich im Rennen durch das Feld kämpfen Zoom

Kein Wunder, dass er sich in den Freien Trainings nicht besonders in Szene setzen konnte. Und auch im Qualifying lief es nicht rund. Spätestens am Samstagabend realisierte Ducati, dass Bagnaia nicht um den Sieg kämpfen kann.

Seine Ducati war einfach nicht gut genug vorbereitet. Dieses Schicksal traf aber auch Markenkollege Jorge Martin. Auf eine Runde brachte es der Spanier sehr gut zusammen, doch das Renntempo war nicht vorhanden. Ducati hat sich bei der Entwicklung der 2022er-Desmosedici offensichtlich etwas verzettelt.

Wird die Vorjahres-Desmosedici zum WM-Joker?

Die Situation erinnert mich irgendwie an die MotoGP-Saison 2020, als Yamaha mit der aktuellen M1 etwas vom Kurs abgekommen war. Damals nutzte Franco Morbidelli den "Nachteil" der Vorjahresmaschine und beendete die Saison als bester Yamaha-Pilot.

Enea Bastianini

Mit bewährtem Material zum Sieg: Wird Enea Bastianini für Ducati zum WM-Joker? Zoom

Entpuppt sich dieser "Nachteil" auch bei Ducati als Vorteil und wird Enea Bastianini dadurch zum WM-Joker? Dafür ist es noch etwas zu zeitig, aber komplett ausschließen würde ich dieses Szenario nicht.

"Zerdenkt" Francesco Bagnaia seinen Fehler von Katar?

Von der Konkurrenzfähigkeit der bewährten 2021er-Ducati hat Bagnaia natürlich nichts. Für den Rest der 2022er-Saison muss der Italiener mit dem Material fahren, das vor dem ersten Training homologiert wurde. Ich bin überzeugt, dass Ducati im Laufe der Saison Fortschritte machen wird. Nur frage ich mich, ab welchem Punkt man das 2022er-Paket richtig im Griff hat und wie groß der Rückstand dann bereits ist.

Das sind vor allem für Bagnaia natürlich viele schlechte Nachrichten auf einmal: Kein perfekter Testwinter, schwacher Auftakt, null Punkte und dann noch die psychische Last, ausgerechnet den Markenkollegen und potenziellen Teamkollegen der Zukunft abgeräumt zu haben. Und dann bekommt der Ducati-Werkspilot intern Druck von den aufstrebenden Talenten, wie zum Beispiel Sieger Enea Bastianini.

Francesco Bagnaia

Francesco Bagnaia braucht jetzt den Rückhalt von Ducati stärker denn je Zoom

Ich hoffe, dass der Rückschlag vom Auftaktrennen nicht zu sehr an Bagnaias Selbstvertrauen nagt. Im Gegensatz zu Mentor Valentino Rossi ist Bagnaia eher ein ruhiger und introvertierter Charakter. Es besteht eine gewisse Gefahr, dass er die Ereignisse von Katar zu sehr an sich heranlässt und mit Zweifeln nach Indonesien reist. Das wäre fatal.

Kann er sich rehabilitieren? Was meinen Sie? Sagen Sie es mir doch, auf Facebook unter "Sebastian Fränzschky - Motorsport-Journalist". Dort gibt es meine Texte, Insiderinfos, Meinungen und Einschätzungen zu aktuellen Themen. Und natürlich die Möglichkeit, diese Kolumne zu diskutieren!

Sportliche Grüße,

Sebastian Fränzschky
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