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  • 03.11.2014 · 17:42

  • von Dieter Rencken & Roman Wittemeier

Woche der Verhandlungen: Gibt es mehr Geld von Bernie?

Die Topteams sehen Bernie Ecclestone in der Pflicht, der Brite will Geld von den Großen: Endet das Gerangel um mehr Geld für Privatteams tatsächlich im Boykott?

(Motorsport-Total.com) - Nicht der WM-Kampf zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg stand an den ersten Tagen des Grand-Prix-Wochenendes in Austin im Fokus, sondern die schwierige finanzielle Situation der kleinen Teams. Marussia und Caterham waren der Veranstaltung ferngeblieben, weil die Schuldenlast sie zerquetscht hat. Die etablierten Mannschaften Sauber, Lotus und Force India nutzten die Bühne am Donnerstag und Freitag, um auf die Notlage der kleinen Teams aufmerksam zu machen.

Bernie Ecclestone

Der alte Mann wird's schon richten: Bernie Ecclestone will den Kleinen mehr geben Zoom

"Wir wollten einfach ein klares Zeichen setzen. Was muss denn noch passieren, bis es endlich eine Reaktion gibt? Darum ging es uns", sagt Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn. Die Schweizer fordern ebenso wie die Mitstreiter von Lotus und Force India eine höhere Beteiligung an den Einnahmen aus der Vermarktung der Formel 1. In den Verträgen zwischen Bernie Ecclestone und den Teams werden Ferrari, Red Bull und Co. mit umfangreichen Bonuszahlungen beglückt, die kleinen Teams bekommen zu wenig zum Überleben.

"Wir wissen doch alle, wie diese Situation entstanden ist. Bernie wollte die großen Teams an sich binden, eben jene, die den Kern der Formel 1 ausmachen", sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Seit dem Auslaufen des ehemaligen Concorde-Agreements im Jahr 2012 haben die Teams jeweils einzelne Vereinbarungen mit Ecclestone, der als erstes die Topteams mit großartigen Konditionen lockte und somit die Bühne Formel 1 bis zum Jahr 2020 mit dem besten Ensemble ausstattete.

"Jetzt liegt es an den Teams, mit Bernie darüber zu diskutieren, was getan werden kann. Und wenn die größeren Teams, uns inklusive, etwas tun können, dann sollten wir uns an einen Tisch setzen und Gespräche führen", sagt Wolff. Der Österreicher bietet sogar an, womöglich auf einen kleinen Teil der Vermarktungseinnahmen zu verzichten, wenn damit den kleinen Teams geholfen werden könnte. Dabei ist Mercedes mit FOM-Einnahmen in Höhe von 92 Millionen US-Dollar (Jahr 2013) nicht der Krösus. Red Bull und Ferrari liegen bei rund 160 Millionen, Sauber (52), Force India (59) und Lotus (65) deutlich dahinter.

Bernie hat einen Plan, aber...

Bernie Ecclestone hat in einem Gespräch mit Sauber, Force India und Lotus offenbar in Aussicht gestellt, dass die kleinen Teams künftig einen erhöhten Sockelbetrag aus dem Einnahmentopf bekommen könnten. Der Vermarkter legt auf der einen Seite etwas drauf, die großen Teams geben gleichzeitig einen kleinen Teil ihres großen Kuchenstücks an die kleinen Mannschaften ab. So stellt sich der "Dagobert Duck der Formel 1" den Plan zur Rettung der Szene vor.

Marco Mattiacci

Will von einem Verzicht auf Teile der FOM-Einnahmen nichts wissen: Mattiacci Zoom

"Es ist nett, dass Bernie so etwas vorschlägt, aber alle Teams haben mit ihm die Konditionen ausgehandelt und vertraglich fixiert. Nur er allein kann etwas an der Geldverteilung verbessern", winkt Red-Bull-Teamchef Christian Horner ab. Die Weltmeister aus Milton Keynes sind offenbar nicht bereit, auf einen Teil ihrer Einnahmen aus dem Vermarktungstopf zu verzichten. "Außerdem bin ich davon überzeugt, dass es Caterham und Marussia auch nicht geholfen hätte, wenn man deren Geld verdoppelt hätte. Die Probleme liegen viel tiefer."

"Auch wir sind bezüglich des Budgets unter Druck, auch ich muss mich an den Rahmen halten. Die Teams sollen sich hier einen Wettbewerb liefern und sich nicht gegenseitig sponsorn", stellt Horner seinen Unwillen dar. "Ferrari ist darum bemüht, dass der Kuchen größer wird und nicht daran interessiert, dass er anders aufgeteilt wird", stimmt auch Ferrari-Teamchef Marco Mattiacci mit ein. "Wir müssen die Einnahmen weiter erhöhen, das sollte höchste Priorität haben. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass künftig jedem Neuzugang in der Formel 1 klar ist, was für ein hartes Geschäft es ist. Sport ist Innovation und Innovation kostet Geld. Es ist ein langfristiges Investment."

"Es geht auch nicht darum, ob es kleine, mittelgroße oder große Teams sind. Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir konkurrenzfähige Teams haben. Wenn das der Fall ist, dann ist die Formel 1 eine großartige Bühne und somit für große Unternehmen und Investoren interessant", so der Ansatz des Italieners. "Die Welt hat sich seit der Unterzeichnung der aktuellen Verträge verändert", hat Bernie Ecclestone selbst erkannt. Die ungerechte Verteilung der Einnahmen sei womöglich seine Schuld.

Wichtige Verhandlungen in dieser Woche

"Ich bin aber einer, der immer sagt: 'Vertrag ist Vertrag'. Die großen Teams sind also gefragt", sagt der Brite. Ecclestone muss auf Zugeständnisse von Ferrari und Co. hoffen, also einen freiwilligen Verzicht auf Teile der Vermarktungsgelder. "Nicht die Teams müssen das klären, sondern der Inhaber der kommerziellen Rechte und die FIA", kontert Horner. "Ich bin der Überzeugung, dass wir es in den Griff bekommen werden", meint Ecclestone dennoch. "Wir haben auch in der Vergangenheit immer alles lösen können. Das wird auch jetzt klappen."

"Ich habe mit Bernie gesprochen und bin davon überzeugt, dass sich eine Lösung finden lässt. Wir werden uns konstruktiv an diesem Prozess beteiligen. Es müssen alle konstruktiv herangehen. CVC tut dies, Bernie tut dies und wir auch", meint Lotus-Besitzer Gerard Lopez im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. Der Luxemburger lässt bei seiner Aufzählung die großen Teams bewusst außen vor. Ihm ist klar, dass er von jener Seite nicht viel Unterstützung zu erwarten hat.


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"Ich habe eigentlich das Gefühl, dass die großen Teams nicht unbedingt ganz so viel aus dem Topf wirklich brauchen. Wir sprechen nicht über Unsummen. Wenn jeder seinen kleinen Teil dazu beiträgt, dann ist das Problem gelöst", sagt Lopez. Man werde sich nun mit Sauber und Force India beraten und noch in dieser Woche eine Mindestsumme nennen, die ein Überleben sicherstellt. "Wir werden darstellen, wie viel mehr wir unbedingt benötigen. Dann geht der Inhaber der kommerziellen Rechte los und schaut, wie er das finanziert bekommt."

"Wir wollen bis nächste Woche in Brasilien Lösungen sehen und bis zum Finale in Abu Dhabi einen Vertrag", wird der 42-jährige Lotus-Boss von 'auto motor und sport' zitiert. "Bernie hat doch selbst gesagt, dass er glaubt, dass das System nicht passt. Er hat das in Meetings angesprochen, aber einige Teams fanden das Thema nicht so wichtig. Jetzt ist dieses Thema aber doch sehr wichtig. Ich hoffe also, dass wir in dieser Woche über die Details sprechen. Die Idee ist es, dass wir bis Brasilien ein Konzept finden und es dann schnellstmöglich umsetzen."

Droht schlimmstenfalls ein Boykott in Abu Dhabi?

"In den Gesprächen mit dem Inhaber der kommerziellen Rechte wurde nun eine Basis gelegt - so würde ich es vorsichtig mal ausdrücken. Nun müssen aber auch Taten folgen", appelliert Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn. "Unsere Forderungen sind keinesfalls überzogen. Wir wollen einfach nur solide in diesem Sport weitermachen können. Wir erwarten keinesfalls, dass man uns hier ein kuscheliges Leben ermöglicht. Wir sagen nur, dass es die Gesamteinnahmen des Sports doch erlauben müssten, dass alle Beteiligten in der Szene vernünftig überleben können und nicht jeden Monat und jedes Jahr in arge Probleme geraten."

Monisha Kaltenborn

Intensive Gespräche: Lotus-Boss Lopez und Sauber-Teamchefin Kaltenborn Zoom

"CVC als Besitzer der Formel 1 muss ein Interesse daran haben, dass der Sport gesund ist. Nur so hat das Produkt einen guten Wert", stellt die Österreicherin dar. Von einer angeblichen Boykott-Drohung in Austin will plötzlich niemand mehr etwas wissen. Aber: "Wir erwarten eine baldige Reaktion", sagt Kaltenborn. Lopez geht zudem davon aus, dass man im Falle einer schnellen Einigung "nicht zum Äußersten greifen" müsste. Was heißt dies? Eben doch ein Rennboykott - beim großen Finale im steinreichen Abu Dhabi.

"Ich bin kein Fan von Streiks", sagt Mercedes-Motorsportchef Wolff. "Ich bin deswegen schon mit Air France und Lufthansa gestrandet. Ich denke daher nicht, dass man in diesen Tagen streiken sollte - und schon gar nicht damit drohen sollte. Ich denke nicht, dass es gut für die Formel 1 wäre. Das würde auch den kleinen Teams nicht helfen." Bernie Ecclestone droht für den Fall des Falles: "Soweit ich weiß, würden sie damit nur sich selbst schaden."

"Force India versucht McLaren zu schlagen. Wenn sie ihre Autos in der Garage lassen, dann erreichen sie rein gar nichts. Das funktioniert einfach nicht", meint auch Horner. "Auch diese Dinge in der Öffentlichkeit diskutieren zu wollen, ist aus meiner Sicht der falsche Weg. Was in den vergangenen Wochen öffentlich über die Formel 1 gebracht wurde, schadet dem gesamten Sport. Die Themen Geld und Politik sollten hinter verschlossenen Türen mit dem Inhaber der kommerziellen Rechte besprochen werden."