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Wie Kimi Räikkönen zu alter Stärke fand

Kimi Räikkönen hat nach einem wahren Horrorjahr zu seiner guten Form zurückgefunden: Doch woran liegt es und kann der Finne den Schwung halten?

(Motorsport-Total.com) - Fans von Kimi Räikkönen hatten in den vergangenen 18 Monaten nicht viel zu feiern. Bis zum jüngsten Bahrain-Grand-Prix ging Räikkönen 24 Mal ins Rennen, ohne am Ende den Champagner auf dem Podium zu schmecken. Seinen letzten Podestplatz fuhr er beim Südkorea-Rennen 2013 für Lotus ein, bevor er die letzten Läufe aufgrund einer Rücken-OP inmitten von finanziellen Schwierigkeiten in Enstone ausließ (und wieder bei Ferrari unterschrieb).

Kimi Räikkönen

Kimi Räikkönen fuhr in Bahrain erstmals in diesem Jahrzehnt in Rot auf das Podest Zoom

Es sah wie ein gewiefter Schachzug für Räikkönen aus, dem technischen Genie James Allison nach Maranello zu folgen, aber 2014 war ein Desaster. Ja, der F14-T war für Ferrari-Verhältnisse ein schlechtes Auto, trotzdem waren Räikkönens Ergebnisse schrecklich. Er wurde miserabler Zwölfter in der Weltmeisterschaft, konnte zum ersten Mal seit seinem Einstieg 2001 nicht auf das Podest fahren, und wurde von einer heftigen Niederlage gegen Teamkollege Fernando Alonso demoralisiert, der es sich seit 2010 im Team gemütlich gemacht hatte.

Aber der Winterumbruch bei Ferrari kam Räikkönen zugute. Die Scuderia hat ein viel besseres Auto produziert, und Räikkönen fährt ebenfalls besser. Seine Karriere scheint dadurch neuen Aufschwung bekommen zu haben. Er fährt gut, hat wieder Spaß, und die Ergebnisse werden besser. Durch seinen zweiten Platz in Bahrain hat er nun 42 Punkte nach vier Rennen gesammelt. Zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr waren es lediglich elf...


Fotos: Kimi Räikkönen, Großer Preis von Bahrain, Sonntag


In Sakhir lag er nur 3,3 Sekunden hinter Sieger Lewis Hamilton. Hätten Mercedes die Probleme mit dem Brake-by-Wire-System früher erreicht - oder wäre das Rennen ein wenig länger gewesen - hätte Räikkönen seinen 21. Grand-Prix-Sieg gefeiert. Das war weit entfernt von dem, was wir im vergangenen Jahr vom Weltmeister von 2007 gesehen haben. War das erste Podium seiner zweiten Ferrari-Karriere der Beginn der Wiederauferstehung des "Iceman"? Und was muss er tun um sicherzustellen, dass wir kein Strohfeuer beobachten? Um das herauszufinden, müssen wir auf die Schlüsselstellen für Kimi Räikkönens Aufschwung 2015 schauen.

Verbessertes Auto

Räikkönen hat sich pausenlos über das fehlende Gefühl an der Vorderachse des letztjährigen Ferrari beschwert. Sein Stil verlangt eine präzise Antwort der Vorderreifen, aber der F14-T neigte zum Untersteuern - und damit kann Räikkönen nicht umgehen. Zu seiner ersten Ferrari-Zeit von 2007 bis 2009 war das ähnlich, als Bridgestone der Reifenlieferant war. Je länger das Rennen andauerte, desto stärker wurde er, da die Hinterreifen abbauten und die Front besser antwortete.

Räikkönen fühlte sich seit seinem ersten Einsatz im diesjährigen SF15-T wohler. Das gleiche gilt für Teamkollege Sebastian Vettel, der im vergangenen Jahr bei Red Bull ebenfalls Probleme hatte. Vettel und Räikkönen haben ähnliche Fahrstile, daher wird was immer dem einen einen Schub gegeben hat, dem anderen wahrscheinlich ebenfalls geholfen haben. Vettel hat vor dem Malaysia-Grand-Prix gesagt, dass die neue Hinterreifenkonstruktion von Pirelli geholfen hat, die Instabilität am Heck zu kurieren, die ihn im vergangenen Jahr eingebremst hat.


DHL Fastest Lap: Bahrain

Die schnellste Runde des Grand Prix von Bahrain ging an Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen Weitere Formel-1-Videos

Analysen von Pirelli zeigen, dass alle Formel-1-Autos aufgrund dieser Änderungen in dieser Saison von Front bis Heck besser ausbalanciert sind. Die Erklärung ist, dass die aufgemotzten Hinterreifen den Teams ermöglicht haben, Gewicht von der Vorderachse weg zu verlagern, weil sie sich nicht mehr so große Sorgen darüber machen müssen, die Hinterreifen zu belasten. Ein besser ausbalanciertes Auto wird dem Fahrer immer mehr Vertrauen geben, und es scheint, dass Räikkönen nun in der Lage ist, die gewünschte Kurvengeschwindigkeit zu fahren, ohne den äußeren Vorderreifen zu überlasten und somit ein Untersteuern zu provozieren.

Extra-Performance aus den Verbesserungen vom Motor und der Aerodynamik wird Räikkönen ebenfalls dabei geholfen haben, besser mit den Reifen zu arbeiten. In der vergangenen Saison gab es Zeiten, wo er in einem Teufelskreis aus Benzinsparen und dem Verlust von Reifentemperatur in den Rennen feststeckte. Das ist nicht länger der Fall. Zudem - und das ist unter Allison keine Überraschung - besitzt der Ferrari auf beiden Achsen keinen hohen Reifenverschleiß, was die Konstanz erhöht hat und den Fahrern ermöglicht, die Stints im Rennen zu verlängern, ohne einen hohen Abbau zu haben.

Pirelli schätzt, dass es irgendeinen Kniff am Ferrari gibt, der es dem Team ermöglicht, das besser als jedes andere Team im Moment zu machen. Das spielt ebenfalls in Räikkönens Stärken, da er seit seiner Rückkehr in die Formel 1 2012 ein Meister des Reifenmanagements ist.

Bessere Atmosphäre

Der Wind der Veränderung, der über den Winter in Maranello wehte, kam Räikkönen ebenfalls zugute. Alonso ist nun bei McLaren, und Räikkönen fühlt sich nicht länger als Teil von "Alonsos Team" (wenn es denn überhaupt der Fall war). Er und Vettel sind abseits der Strecke Freunde, von daher wurde die Teamkollegen-Dynamik sofort zu einem konstruktiven Aspekt.

Sebastian Vettel, Kimi Räikkönen

Mit Teamkollege Sebastian Vettel versteht sich der Iceman gut Zoom

Und auch die Ernennung von Maurizio Arrivabene als Teamchef scheint Räikkönen einen riesigen Schub gegeben zu haben. Jemanden in der Führungsetage zu haben, der ihn eindeutig unterstützt, hat Räikkönen die Nervosität genommen, und der Finne behauptet nun, die Atmosphäre bei Ferrari sei die beste, die er je in der Formel 1 hatte.

"Kimi muss die Unterstützung des Teams um ihn herum, und besonders des Teamchefs, spüren", sagt Arrivabene. "Er wird Iceman genannt, aber abseits dieses Images ist er ein sehr starker Kerl, aber dennoch sehr sensibel. Wenn er fühlt, dass das Team zu ihm steht und ihn anfeuert, dann kann Kimi uns ein sehr gutes Ergebnis und eine perfekte Performance bescheren."

Dass er Anfang des Jahres erstmals Vater geworden ist, wird unzweifelhaft dazu beigetragen haben, dass Räikkönens Privatleben ein wenig stabiler geworden ist. Es benötigt einen tieferen Fokus und Einsatz von ihm, jetzt wo ein kleines Leben von seinem Bemühen abhängt. Es ist wichtig, den potenziell umformenden Effekt, den diese Dinge auf einen Sportler haben, nicht zu unterschätzen. Darum hat der legendäre Trainer von Manchester United, Alex Ferguson, seine Spieler angehalten, bei der erstbesten Möglichkeit einen Hausstand zu gründen und zu heiraten!

Rennstärke

Zusätzlicher Grundspeed bedeutet, dass Räikkönen in der Startaufstellung generell besser platziert sein wird als 2014, wo er in zu viele Erstrundenzwischenfälle verwickelt war. Dieses Muster schien sich auch in den ersten beiden Rennen dieses Jahres zu wiederholen, aber in den vergangenen beiden Rennen hat Räikkönen das Ruder rumgerissen. In China hat er sich mit einer kämpferischen Leistung in der ersten Runde vor beide Williams gesetzt, was die Grundlage für einen soliden vierten Platz war.

Das hätte ein Podestplatz werden können (da er im letzten Stint auf Vettel aufschloss), doch das Rennen endete hinter dem Safety-Car. In Bahrain kam sein exzellentes Reifenmanagement voll zum Tragen, da er seine Stints verlängert und am Ende den Kampf mit Mercedes aufgenommen hat. Sein Gespür für das schwierige Pirelli-Gummi hat ihm beinahe einen unwahrscheinlichen Sieg in Sakhir beschert. Er muss weiter diese Stärke zeigen.

Qualifying

Es gab mal eine Zeit, in der Räikkönen unzweifelhaft der schnellste Fahrer in der Formel 1 war, aber diese Zeiten sind wohl seit 2006 vorbei, als Räikkönen McLaren verließ und Wunderkind Lewis Hamilton auf die Bühne trat. Es ist unklar, ob die Zeit (Räikkönen ist nun 35) ein paar Zehntel seiner ultimativen Pace verschlungen hat, trotzdem muss sich sein Qualifying-Schnitt verbessern.

Nico Rosberg, Kimi Räikkönen

In Bahrain konnte Räikkönen gegen die Mercedes kämpfen Zoom

Seine durchschnittliche Startposition war im vergangenen Jahr Neunter, und sechsmal verpasste er den Sprung in Q3. Teamkollege Alonso passierte das nur ein einziges Mal, als schlechtes Strategiemanagement dafür sorgte, dass Ferrari im durchnässten Silverstone beide Autos in Q1 verlor. Bis jetzt hat Vettel einen Durchschnitt von 2,75 in diesem Jahr, während Räikkönens bester Startplatz Rang vier und sein Durchschnitt 6,5 ist.

Diese Zahlen zeigen, dass Räikkönen samstags unterperformt - etwas, das er selbst als "schlechte Angewohnheit" zugegeben hat. Über die gesamte Saison gesehen macht dies sein Leben viel schwerer als nötig. Nico Rosberg entdeckt derzeit, wie schwierig ein Sonntag werden kann, wenn man den Samstag nicht hinbekommt. Wenn Räikkönen vermeiden möchte, dass er das strategische Versuchskaninchen wird, wenn sich der Kampf mit Mercedes zuspitzt, dann muss er sein Qualifying drastisch verbessern, oder er riskiert, dass er zum Helfer seines Teamkollegen wird.

Aussicht auf einen neuen Vertrag

Räikkönens aktueller Vertrag mit der Scuderia läuft nach dieser Saison aus, allerdings besitzt er eine Option auf eine Verlängerung bis 2016. Ferrari wird Räikkönen aber nicht weiter verpflichten, außer er liefert Leistung. Von daher gibt es einen extra Anreiz, in diesem Jahr eine gute Leistung zu zeigen. Typischerweise sagte Räikkönen während der Wintertests, dass ihn diese Situation nicht sonderlich stört: "Es gibt eine Option im Vertrag. Das ist mir egal. Es liegt an mir und am Team, in diesem Jahr einen guten Job zu machen."

"Wenn es schlecht läuft und ich nicht unterschreibe, dann unterschreibe ich nicht. Es ist nicht das Ende der Welt. Das Ziel ist, gute Leistungen zu zeigen, gute Zeiten zu haben und dass jeder glücklich ist. Ich bin sicher, dass wir ein gutes Jahr haben können, und dann sehen wir, was in Zukunft passiert. Ich mache mir darüber keinen Kopf und muss mir auch keine Gedanken darüber machen. Wir werden es irgendwann herausfinden."

Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene findet allerdings, dass es ein guter Weg ist, den Finnen zu motivieren, wenn man ihm die Karotte der Vertragsverlängerung vor das Gesicht hängt. "Ich bin glücklich mit unseren Fahrern. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich morgen mit Kimi verlängern werde", sagte er nach Räikkönens toller Performance in Bahrain. "Wir haben deutlich gemacht, dass es von der Performance abhängt, und er hat gezeigt, dass er ein großartiger Fahrer ist."


Fotostrecke: "Classic Kimi": Räikkönens Top 15 Momente

"Wenn man mich fragt, ob er es verdient, die Option nun zu ziehen, dann würde ich ja sagen. Aber wenn ich ja sage, dann möchte ich nicht, dass der Fahrer einschläft. Kimi ist am besten, wenn er ein wenig in Schwierigkeiten steckt - das ist ein psychologischer Ansatz." Die Idee dahinter ist, dass Räikkönen auf seinem besten Level fährt, wenn er nicht weiß, wie die Zukunft aussieht.

Doch unabhängig von Ferraris "psychologischem Ansatz" sagt Räikkönens Teamkollege Vettel, dass der Finne zurück in Form ist und verdient, weitermachen zu dürfen: "Ich denke, er macht einen sehr, sehr guten Job", sagt er. "Vermutlich wurde das im vergangenen Jahr nicht so sehr bemerkt, aber innerhalb des Teams wurde es das mit Sicherheit. Ich denke, es liegt in seiner Hand, ob er in der Formel 1 weitermachen will."

"Es gibt großes Interesse an einem schnellen und erfahrenen Fahrer wie ihm, wenn er in der Formel 1 weitermachen möchte. Und wenn er das nicht möchte, dann hört er auf." Im Moment scheint Räikkönen konkurrenzfähiger und motivierter zu sein, als wir ihn für eine lange Zeit gesehen haben, und das macht ihn zu einem echten Wert für die Formel 1 und für Ferrari - eher als eine Last. Hoffen wir, dass das so weitergeht.

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