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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Valtteri Bottas

Valtteri Bottas hat in Baku nichts getan, um sich für eine Vertragsverlängerung zu empfehlen, weshalb es für seine Zukunft in der Formel 1 düster aussieht

Valtteri Bottas

Valtteri Bottas steht vor einem Wendepunkt in seiner Formel-1-Karriere Zoom

Liebe Leser/-innen,

die Liste derer, die heute mein Aufmacherthema in dieser "Verliererkolumne" sein könnten, ist lang: Lance Stroll könnte letzte Nacht schlecht geschlafen haben, denn es muss ein ziemlicher Schock sein, wenn dir der Reifen platzt und du bei 300+ km/h plötzlich vom Piloten zum Passagier wirst.

Lewis Hamilton wäre ein Kandidat, denn nach Imola war Baku schon das (mindestens!) zweite Rennwochenende 2021, an dem der siebenmalige Weltmeister unter Druck Nerven gezeigt hat.

Oder auch Nikita Masepin, der mit seinen hirnrissigen Aktionen in besorgniserregender Regelmäßigkeit alle Kritiker wie mich bestätigt, die hämisch behaupten, er sei in erster Linie wegen Papas Rubel in der Formel 1.

Zu Max Verstappen, natürlich, würde mir auch einiges einfallen. Allerdings habe ich die Theorie, dass sein Schlaf um einiges ruhiger geworden ist, als man ihm beim Blutdruckmessen im Medical Center mitgeteilt hat, dass zumindest auch Hamilton leer ausgegangen ist und er die WM-Führung behält.

Und dann ist da natürlich noch Pirelli-Sportchef Mario Isola, der noch gar keine Erklärung für die Reifenschäden abgeliefert hatte, dafür aber schon im Vorhinein mit scharfer Zunge von Verstappen kritisiert wurde. Nicht gerade die beste Werbung für den Reifenhersteller, der immer nur dann in die Schlagzeilen gerät und sein Logo in den Nachrichtensendungen zeigen darf, wenn etwas schiefläuft in der Formel 1.

Aber der Verlierer des Grand Prix von Aserbaidschan, dem ich diese Kolumne widmen möchte, ist Valtteri Bottas.


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Bereits vor dem Wochenende habe ich mich mal in Ruhe hingesetzt und mir genau angeschaut, welche Karrieremöglichkeiten er für 2022 hat, wenn sein Mercedes-Vertrag nicht für ein sechstes Jahr verlängert werden sollte. Und let's face it: Da sieht's ziemlich düster aus!

Team by Team: Bottas' Cockpitchancen 2022

Red Bull: Keine Chance. Helmut Marko (und der entscheidet das letztendlich, gemeinsam mit Dietrich Mateschitz) hat noch nie viel von Bottas gehalten. Außerdem macht Sergio Perez seinen Job als Nummer 2 für Verstappen gut. Und selbst wenn man den Mexikaner austauschen sollte, dann wohl eher gegen einen Junior aus dem eigenen Kader als gegen Bottas.

McLaren: Sowohl Lando Norris als auch Daniel Ricciardo haben Vertrag für 2022.

Aston Martin: Sebastian Vettel und Lance Stroll sind gesetzt.

Alpine: Bei Renault war Bottas schon mal Thema. Aber Fernando Alonso hat Vertrag, und Esteban Ocon tut alles, damit er einen neuen bekommt, weil er weiß, dass er bei Mercedes kein Thema mehr ist. Selbst wenn nicht, wäre wohl eher Pierre Gasly auf Poleposition als Bottas. Wegen seines französischen Reisepasses.

Ferrari: Charles Leclerc und Carlos Sainz werden auch 2022 für die Scuderia fahren.

AlphaTauri: Warum sollte Red Bull eine ausrangierte Nummer 2 von Mercedes in die hauseigene Talenteförderung integrieren? Das wäre ähnlich absurd wie ein Young-Driver-Test für Alonso.

Weil auch bei Haas nicht zu erwarten ist, dass Günther Steiner einen seiner beiden Rookies vor die Tür setzen wird (Mick Schumacher wegen seiner Leistungen, Masepin wegen Papas Uralkali-Rubel), bleiben Alfa Romeo (eher unwahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen - Fred Vasseur ist ein enger Freund von Toto Wolff) und Williams (eine Rückkehr zu seinem früheren Team erscheint möglich) als realistische Optionen.

Man muss kein Hellseher sein, um zu prognostizieren: Bottas' Zeit als Topfahrer in der Formel 1 neigt sich dem Ende zu.

Baku: Keine Empfehlung für eine Vertragsverlängerung

Denn dass Wolff seinen Vertrag ein weiteres Mal verlängert, das erscheint von außen betrachtet zunehmend unwahrscheinlich. Erstens, weil Bottas aktuell wenig dafür tut. Mit ansehen zu müssen, wie er nach dem Neustart in Baku vier Positionen in einer Runde verloren hat, tat weh. Und dass er sich dagegen nicht mehr gewehrt hat, kann man selbst bei viel gutem Willen nicht nur auf zu kalte Reifen schieben.

Der 31-Jährige ist immer noch eine Nummer 2 auf hohem Niveau, die Hamilton an guten Tagen sogar in dessen Paradedisziplin, dem Qualifying, schlagen kann. Das können aus eigenem Speed heraus nur ganz wenige in der Formel 1. Und Bottas ist einer, der erwiesenermaßen keine Unruhe ins Team bringt und somit Hamilton und das Team bestmöglich dabei unterstützt, einen WM-Titel nach dem anderen zu gewinnen. Das sind erstmal gute Voraussetzungen.

Aber die Zeit spielt gegen ihn. Das Spielchen, sich jedes Jahr aufs Neue einreden zu müssen, doch eine Chance gegen den erfolgreichsten Formel-1-Fahrer aller Zeiten zu haben, und diesem Ziel immer wieder alles unterzuordnen und so viel Energie dafür zu investieren, ist kräftezehrend. Rosberg hat schon nach vier Jahren das Handtuch geworfen. 2021 ist Bottas' fünftes Jahr an Hamiltons Seite.

Dazu kommt, dass dem festgefahrenen Mercedes-Team, das so viel Wert auf die Rotation seiner Talente legt, ein bisschen frischer Wind im Cockpit guttun würde. Und Wolff kriegt ohnehin ein Problem, wenn er George Russell 2022 nicht endlich befördert. Ein viertes Jahr bei Williams wäre für das 23-jährige Ausnahmetalent, das 2020 in Bahrain auf Anhieb bewiesen hat, dass er mindestens auf Bottas-Niveau Formel 1 fahren kann, wohl nur schwer zu ertragen.

George Russell, Valtteri Bottas

George Russell oder Valtteri Bottas: Wer sitzt 2022 im Mercedes-Cockpit? Zoom

Was also tun an Wolffs Stelle? Noch einmal auf Bottas setzen, im Sinne des Seelenfriedens bei Mercedes, auf einen Fahrer, der für das Gestern steht? Oder doch lieber Russell seine Chance geben, auch auf die Gefahr hin, dass der für ein bisschen Stress sorgt, um sicherzustellen, dass er nicht in Versuchung gerät, bei Red Bull oder einem anderen Team anzuheuern?

Für mich wäre die Antwort klar: Russell ist Mercedes' Zukunft, Bottas ist die Vergangenheit.

Bottas & Mercedes: Eine positive Bilanz

Für den Finnen ist die Bilanz von fünf Jahren Mercedes allen Unkenrufen zum Trotz eine positive. Wer kann schon von sich behaupten, den erfolgreichsten Formel-1-Fahrer aller Zeiten fünf Jahre lang auf sehr hohem Niveau herausgefordert zu haben? Dabei hat Bottas gutes Geld verdient und im Vorbeigehen neun Grands Prix gewonnen. Nur um das richtig einzuordnen: Das sind mehr Siege als Jacky Ickx, Jochen Rindt oder Gilles Villeneuve. Nicht schlecht für einen Jungen aus Nastola.

Angesichts der fehlenden Alternativen in der Formel 1 braucht Bottas von Mercedes möglichst rasch eine Antwort, ob es weitergeht oder nicht. Insgeheim kennt er die Antwort wahrscheinlich schon. Auch wenn Wolff meine Frage danach am Wochenende ausweichend beantwortet hat. Man sei immer fair miteinander umgegangen, hat er gesagt, und das werde man auch in Zukunft tun.

Dementiert, dass Bottas 2022 nicht mehr für Mercedes fahren wird, hat er nicht.

Übrigens: Auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de habe ich am Sonntagabend das Rennen aus deutscher Sicht analysiert - Sebastian Vettels fantastische Fahrt aufs Podium und die Situation rund um Mick Schumacher, die hinter den Kulissen zu Zoff beim Haas-Team führt. Den nächsten Livestream gibt's am Montagtabend um 19:00 Uhr, wenn mein Kollege Stefan Ehlen und ich unter dem Motto #LetzteNacht das Rennen ganz ohne deutsche Brille analysieren.

Stefan Ehlen hat auf unserem Schwesterportal Motorsport.com Deutschland wie immer die Begleitkolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" verfasst - und sich diesmal mit Helmut Marko auseinandergesetzt.

Ihr

Christian Nimmervoll

P.S.: Folge mir auf Facebook unter "Formel 1 inside" mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's alle von mir verfassten Formel-1-Texte sowie Insiderinfos, Meinungen und Einschätzungen zu aktuellen Themen. Und natürlich die Möglichkeit, diese Kolumne zu kritisieren und zu diskutieren!

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