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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Max Verstappen

Während wir uns fragen, welches Rennen Ferrari eigentlich gesehen hat, schläft diesmal, erstmals in dieser Saison, Weltmeister Max Verstappen schlecht

Max Verstappen

Max Verstappen wird sich wahrscheinlich in Suzuka zum Weltmeister krönen Zoom

Liebe Leser/-innen,

ach, Ferrari.

Da stellt sich Mattia Binotto nach dem Rennen hin und sagt, er sei zufrieden damit, wie sein Team diesmal operativ aufgetreten ist. "Well executed", auf beiden Seiten der Garage, nennt Carlos Sainz das. Und Charles Leclerc findet: "Die Entscheidungen, die wir heute getroffen haben, waren die richtigen."

Da frage ich mich, aus der gemütlichen Beobachterposition im trockenen Büro heraus, aus der es sich immer leicht meckern lässt: Freunde, habt ihr ein anderes Rennen gesehen als ich?

Und damit beziehe ich mich noch nichtmal auf Leclercs verpatzten Boxenstopp, der um zweieinhalb Sekunden länger dauerte als der von Red Bull bei Sergio Perez; sondern auf eine Szene, die sich kurz davor abgespielt hat.

Hat Leclerc den Befehl von Ferrari ignoriert?

Es ist Runde 33 im "Night-Race" in Singapur, Perez führt 2,748 Sekunden vor Leclerc, die schnellsten Fahrer drehen 1:57er-Runden - und nähern sich dem sogenannten "Crossover", an dem der Slick schneller wird als der Intermediate.

An 15. und letzter Stelle fährt George Russell im Mercedes, und der wird nicht nur von unserer Redaktion, sondern auch von den Kommandoständen genau beobachtet, weil er der Erste war, der auf Slicks umgesteckt hat. Seine Zeiten sind der Gradmesser dafür, wann sich der Reifenwechsel lohnen könnte.

Es passiert etwas (zumindest 2022) Ungewöhnliches: Die Ferrari-Strategen kapieren geistesgegenwärtig, dass sich die große Chance bieten könnte, in Führung zu gehen, als Russell am Ende von Leclercs 33. Runde persönliche Bestzeit im ersten und absolute Bestzeit im zweiten Sektor fährt. Das ist das Signal: Jetzt sofort Reifenwechsel!

"Opposite Red Bull, Red Bull", funken sie Leclerc ins Cockpit, und geben somit die klare Anweisung: Wenn Perez draußen bleiben sollte, komm du rein zum Boxenstopp! Aber Leclerc ignoriert das und fährt an der Boxeneinfahrt vorbei, kurz bevor sein Renningenieur es sich anders überlegt und ihm durchgibt: "Bleib draußen, bleib draußen!"

Warum kam Leclerc nicht sofort an die Box?

Offensichtlich war Leclerc ein so früher Reifenwechsel ob der noch nicht hundertprozentig trockenen Fahrbahn nicht geheuer. Es blieb lang ruhig am Boxenfunk, ehe er sich in Runde 34 erkundigte: "Wenn wir an die Box kommen, wie viele Positionen verlieren wir dann?"

Weiter hinten im Feld wird Russell jetzt noch schneller. Er fährt absolute Bestzeit im ersten und zweiten Sektor. Red Bull, sollte man meinen, würde Perez jetzt an die Box holen, um einen möglichen "Undercut" durch Ferrari, wenn auch eine Runde später als im Idealfall möglich, zu unterbinden. Aber Red Bull lässt die Tür nochmal offen. Perez fährt an der Box vorbei.

Ferrari antwortet auf Leclerc: "Es ist ein gratis Boxenstopp, hinter Carlos." Und fordert noch einmal auf: "Opposite Perez!"

Führungswechsel wäre wohl möglich gewesen

Ein zweites Mal ignoriert Leclerc diesen Call nicht. Sein Rückstand auf Perez ist inzwischen auf 3,421 Sekunden angewachsen. Weitere zweieinhalb Sekunden gehen beim viel zu langsamen Boxenstopp verloren. Es sind entscheidende Momente, in denen man die auf dem Silbertablett liegende Führung im Grand Prix Perez überlässt.


Rennanalyse: Warum Perez den Sieg behalten darf

Singapur: Wir erklären das FIA-Urteil rund um die gebrochene Safety-Car-Regel und analysieren die wichtigsten Szenen des Rennens. Weitere Formel-1-Videos

Aber gut, schwamm drüber. Ich kann nicht jeden Montag auf Ferrari rumhacken. Und abgesehen von konkreten Rennszenen fallen mir auch keine neuen Argumente mehr ein, um Binotto oder einen seiner Fahrer schlecht schlafen zu lassen. Dass Ferrari zu fehleranfällig ist, muss ich nicht hier aufschreiben. Das kann jeder Zuschauer im TV sehen.

Verstappen: Dunkle Wolken über Abu Dhabi 2021

Vielleicht ist aber Max Verstappen einer, der mal schlecht schlafen könnte - zum ersten Mal in dieser Saison. Und das nicht nur, weil er 2022 noch nie weiter hinten als auf dem siebten Platz ins Ziel gekommen ist. Sondern vor allem, weil sich dunkle Wolken über seinem WM-Titel 2021 zusammenbrauen.

In unserer großen Story am Sonntagmorgen habe ich alles aufgeschrieben, was es bisher über "Budgetgate" zu wissen gibt. Doch es bleibt die ungute Frage haften: Wenn schon die Safety-Car-Prozedur in Abu Dhabi nicht korrekt durchgeführt wurde und der Red Bull RB16B jetzt auch noch "auf Steroiden" war, wie Toto Wolff das formuliert; wie viel kann dieser WM-Titel dann wirklich wert gewesen sein?

Es sind genau solche Überlegungen, die Christian Horner und Helmut Marko meinen, wenn sie finden, dass das, was ihrer Meinung nach offenbar Wolff und Mercedes in die Welt gesetzt haben, rufschädigend für Red Bull sei. Und das noch dazu - darüber wird nicht gesprochen - an Tagen, an denen die Red-Bull-Familie in Sorge über den Gesundheitszustand ihres "Oberbullen" Dietrich Mateschitz ist.

Muss die FIA im Fall der Fälle hart durchgreifen?

Die FIA befindet sich in einem Dilemma. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, dass Red Bull die Budgetobergrenze überzogen hat, dann muss eigentlich die volle Härte des Gesetzes greifen. Volle Härte bedeutet laut Finanzreglement: nachträglicher Abzug von WM-Punkten (auch in der Fahrerwertung möglich) oder Ausschluss aus der Weltmeisterschaft.

Natürlich könnte man es auch bei einer Geldstrafe bewenden lassen; aber mal ganz ehrlich: Angenommen, es stellt sich ein Jahr nach dem Marathonlauf heraus, dass der neue Olympiasieger gedopt hat, er würde seine Goldmedaille zurückgeben müssen.

Der kleine, aber feine Unterschied ist: Sollte Red Bull den RB16B wirklich mit Steroiden (in dem Fall eher: mit Millionen) vollgepumpt haben, hätte Verstappen, der Goldmedaillengewinner unserer kleinen Analogie, davon mutmaßlich nichts gewusst. Und kann man ihm etwas vorwerfen, wovon er keine Kenntnis hatte?

Was das alles mit Dieter Baumanns Zahnpasta zu tun hat

Ich stelle die Gegenfrage: Hat es seinerzeit jemanden interessiert, dass dem Läufer Dieter Baumann der Missbrauch von Nandrolon nachgewiesen werden konnte und er dafür wegen Doping gesperrt wurde, obwohl das Nandrolon angeblich ohne sein Wissen in seine Zahnpasta gekommen war?

Aber das sind alles Fragen, mit denen wir uns erst am Mittwochabend beschäftigen, dann nämlich, wenn die FIA endlich ihre Certificates of Compliance ausgestellt hat und niemand mehr spekulieren muss, was gewesen sein könnte, sondern die Fakten auf dem Tisch liegen. Denn eins ist klar: Solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, sollten wir Red Bull uneingeschränkt als unschuldig behandeln.

Singapur: Nicht Verstappens bestes Rennen der Saison

Ehrlich gesagt halte ich Verstappen nicht für den Typ Fahrer, der sich von der Politik abseits der Strecke aus der Ruhe bringen lässt. Aber, sind wir mal ganz ehrlich, seine Vorstellung auf der Strecke in Singapur war auch nicht seine größte Tat 2022.

Ich hatte redaktionsintern die kühne Prognose gewagt, dass er spätestens nach 15 Runden führen würde, und angesichts seines zumindest in Ansätzen überragenden Speeds und zweier Safety-Car-Phasen wäre es bei einem anderen Verlauf wohl durchaus möglich gewesen, dass Verstappen in Singapur gewinnt.

Aber statt nach vorn ging's gleich am Start nach hinten, und so fiel er in Runde 1 von P8 auf P13 zurück, statt von P8 auf P3 nach vorn zu kommen. Sein Auto hatte in den Anti-Stall-Modus geschaltet, daher fiel beim Losfahren die Kupplung durch. Ob das Verstappens Fehler war oder einer des Teams, ist mir Stand Montagmorgen nicht bekannt.

Ein paar Mal ließ Verstappen dann aufblitzen, warum er der derzeit wahrscheinlich beste Fahrer der Formel 1 ist. Etwa beim sagenhaften Überholmanöver, aus dem Nichts heraus, gegen Pierre Gasly.

Hat er hinter Norris die Nerven verloren?

Doch er machte auch Fehler. Als er sich den Platten reinbremste, weil er unbedingt Lando Norris überholen wollte, kam kurzzeitig wieder der alte Verstappen zum Vorschein, der sein Talent in entscheidenden Momenten oft nicht beherrschen konnte.

Und auch in einer anderen Szene mit Norris war Verstappen kurz unaufmerksam, als es zumindest aus seiner Onboardperspektive so aussah, als hätte er den McLaren unter VSC-Gelb überholt. Was laut Reglement eigentlich eine Strafe nach sich ziehen müsste, aber von den Rennkommissaren zur Verwunderung vieler Fans nicht einmal untersucht wurde.

FIA gibt Auskunft: Verstappen war nicht vorbei

Die TV-Bilder geben keinen finalen Aufschluss darüber, ob Verstappen nun vorbei war oder nicht; auf meine Anfrage hin argumentiert die FIA aber: Es sei zu keinem Überholmanöver gekommen, sondern Verstappen musste hart bremsen, um ein solches zu vermeiden. Dann wollen wir das mal so stehen lassen.

Dem 25-Jährigen wird das letztendlich egal sein. Wahrscheinlich ist er ganz froh drüber, noch nicht den ersten WM-Matchball verwandelt zu haben. In Suzuka zu feiern, beim Heimrennen von Motorenlieferant Honda, ist viel schöner als in Singapur. Und nach Japan macht die Formel 1 auch erstmal zwei Wochen Pause. Mehr Zeit, um einen etwaigen Kater von der Party in der Karaokekabine auszuschlafen.

Jetzt warten wir mal ab, was am Mittwoch passiert. Ich werde aus der Ferne beobachten, was meine Kollegen in der Redaktion dazu berichten. Und am Mittwochabend ab 19:00 Uhr dann drüber diskutieren. Am virtuellen Stammtisch auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de, mit Stargast Timo Glock. Exklusiv für Kanalmitglieder. (Jetzt Kanalmitglied werden und Timo Glock am Mittwoch via Zoom-Meeting eine Frage stellen!)

Bis dann!

Euer

Christian Nimmervoll

PS: Übrigens hat letzte Nacht auch jemand gut geschlafen, nämlich McLaren-Teamchef Andreas Seidl. Warum, das könnt ihr in der Schwesterkolumne von Stefan Ehlen auf Motorsport.com Deutschland nachlesen.

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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