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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Lewis Hamilton

Der König ist noch nicht tot, aber die jungen Prinzen rütteln schon am Thron: Geht die große Ära Lewis Hamilton in der Formel 1 früher zu Ende als gedacht?

Lewis Hamilton (Mercedes) geht nach dem Crash mit Max Verstappen (Red Bull) beim Grand Prix von Italien in Monza 2021 enttäuscht zurück an die Box und wird dabei von einem Kameramann verfolgt

Lewis Hamilton: Geht seine glanzvolle Titelserie schon 2021 zu Ende? Zoom

Liebe Leser/-innen,

nein, der große Crash ist heute nicht das Thema dieser Kolumne. Warum? Ich teile zwar die Ansicht der Rennkommissare, dass wenn überhaupt, dann Max Verstappen ein bisschen mehr schuld an der Kollision in der Variante del Rettifilo war.

Aber meine Auffassung ist eigentlich, dass das Ding in die Kategorie Rennunfall fällt, weil auch Lewis Hamilton zurückstecken hätte können, wenn er das wirklich gewollt hätte. Aber das Thema haben wir im Livestream am Sonntagabend auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de ohnehin ausführlich besprochen.

Und ich hätte nach Spa auch ein weiteres Mal den Formel-1-Fan schlecht schlafen lassen können, denn 1.085 Euro für ein Ticket auf der Haupttribüne, das erscheint nicht nur mir Wucher, sondern selbst nach Meinung von Mercedes-Teamchef Toto Wolff ist das eine Preispolitik "total an der Realität vorbei". Aber dazu habe ich ja auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll" schon einen mahnenden Kommentar geschrieben.

Nein, das Thema des Wochenendes, das, wo der rote Pfeil nach unten zeigt (über das mit dem grünen Pfeil nach oben schreibt mein Kollege Stefan Ehlen auf der Schwesterplattform Motorsport.com Deutschland), ist für mich Lewis Hamilton. Und zwar nicht wegen des Crashs in Runde 26 des Grand Prix von Italien.

Hamilton und der achte WM-Titel

Es hätte alles so perfekt werden können. Viele waren sich vor Saisonbeginn sicher, dass Hamilton 2021 seinen achten Titel quasi nur noch abholen muss, dass er am Jahresende den ewigen Rekord des großen Michael Schumacher nicht nur eingestellt, sondern übertroffen haben wird. Wie auch sonst, wenn Mercedes mit bemerkenswerter Konstanz das beste Auto der Formel 1 baut?

Und dann, als achtmaliger Weltmeister, kann er beruhigt in den Ruhestand gehen und sich um die Rettung des Planeten (gemeinsam mit Sebastian Vettel) und die Karriere in Hollywood (eher ohne Vettel) kümmern.

Denkste.


Verstappen-Hamilton-Crash: Dankbar, dass ich lebe!

Was meint Wolff mit "taktischem Foul"? Wie geht's Hamilton nach dem Horrorcrash, bei dem ihm Halo das Leben gerettet hat? Und wie sieht's Verstappen? Weitere Formel-1-Videos

Hamilton, (noch) 36 Jahre alt, scheint zwar die Glücksgöttin Fortuna auf seiner Seite zu wissen, denken wir nur an Verstappens Reifenschaden in Baku oder die Kollision in Silverstone, die Verstappen das Rennen kostete, während Hamilton trotzdem gewinnen konnte. Aber in der Fahrer-WM liegt er nach 14 von 23 (geplanten) Rennen trotzdem fünf Punkte hinter Verstappen.

(Apropos 23 geplante Rennen: 21 würden's doch auch tun, liebe Gelddruckmaschine Formel 1, denn kein Mensch braucht den Termin am 21. November, für den immer noch kein Austragungsort benannt ist, und am 10. Oktober habe ich keine Zeit für den Grand Prix der Türkei, weil da bereits der Familienurlaub auf einer netten Finca auf Mallorca gebucht ist. Bitte, danke, Stefano!)

Der WM-Titel 2021 ist also kein Selbstläufer, und, da wage ich eine Prognose: Die WM-Titel 2022 und 2023 werden es auch nicht sein. Denn selbst wenn Mercedes wieder mit einem Materialvorsprung in die neue Regelära der Formel 1 starten sollte: Diesmal hat Hamilton mit George Russell einen starken Gegner im eigenen Team.

Fast ein Jahrzehnt lang hat er der Formel 1 seinen Stempel aufgedrückt wie kaum ein anderer zuvor, wahrscheinlich auch Schumacher nicht. Aber jetzt droht die Erfolgsära Hamilton zu Ende zu gehen.

Verstappen ist so schnell, so entschlossen, so kompromisslos, dass er der junge Prinz sein könnte, der den König stürzt. Und auch Russell hat das Zeug dazu, Hamilton genau so aussehen zu lassen, wie er nach Sportlermaßstäben inzwischen geworden ist: alt.

Was Hamilton mit Schumacher gemeinsam hat

Ich sehe da Parallelen zwischen Hamilton und Schumacher.

Schumachers Vertrag bei Ferrari wäre eigentlich Ende 2004, am Höhepunkt des Schaffens, nach sieben WM-Titeln, abgelaufen. Aber auch er hat nochmal zwei Jahre drangehängt, in denen alle Experten davon ausgingen, dass er noch ein, zwei Titel gewinnen würde.

Stattdessen kam Fernando Alonso und stürzte ihn vom Thron, und auch bei Ferrari lief ihm mit Kimi Räikkönen die nächste Generation den Namen ab.

Hamiltons Alonso heißt Verstappen, und sein Räikkönen könnte Russell werden.


Fotostrecke: Bild für Bild: Der Unfall von Verstappen und Hamilton in Monza

Russell kam, sah und siegte (zumindest im metaphorischen Sinn), als er in Bahrain 2020 für ein Wochenende Hamiltons Mercedes übernehmen durfte, als dieser mit COVID-19 im Hotelzimmer isoliert war. Beinahe hätte er gleich im ersten Qualifying Valtteri Bottas geschlagen (am Ende fehlten nur 0,026 Sekunden), der gerade auf eine schnelle Runde wahrlich kein Nasenbohrer ist, und im Rennen konnte ihn nur ein vermurkster Boxenstopp vom Gewinnen abhalten.

Wer völlig unvorbereitet dazu in der Lage ist, Bottas so zu schlagen, sodass im Grunde genommen keiner merkt, dass nicht Hamilton im Auto sitzt, der ist auch dazu in der Lage, ab 2022 den siebenmaligen Weltmeister ernsthaft herauszufordern.

Meine Prognose ist, dass Russell von Anfang an auf Augenhöhe mit Hamilton fahren wird - ein bisschen so wie Nico Rosberg. In zwei von drei Rennen wird am Ende schon Hamilton die Nase vorn haben. Einfach weil er immer noch extrem schnell ist und den Vorteil der Erfahrung auf seiner Seite weiß.

Aber in einem von drei Rennen wird sich Russell durchsetzen. Und je länger die beiden Teamkollegen sind, desto mehr wird das Pendel in Russells Richtung ausschlagen.

Ob's noch reicht für den achten WM-Titel für Sir Lewis? Ich bin da, zumindest was 2021 betrifft, skeptisch. Monza wäre eines der Rennen gewesen, bei dem Mercedes den Vorteil nutzen hätte sollen, um sich auf den noch bevorstehenden Red-Bull-Strecken wie Mexiko oder Brasilien zweite Plätze leisten zu können.

Aber es wäre ein großer Fehler, Hamilton jetzt schon abzuschreiben. Der König ist noch lange nicht tot!

Ihr

Christian Nimmervoll

Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "Breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen.

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