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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Chefredakteur Christian Nimmervoll über die Kritik an Max Verstappen nach dem Rennen in Schanghai und welche Gefahr diese für seine weitere Karriere birgt

Helmut Marko, Max Verstappen

Max Verstappen: War Schanghai ein wichtiger Punkt in seiner Karriere? Zoom

Liebe Leser,

eigentlich widerstrebt es mir, Max Verstappen für seine Vorstellung beim Grand Prix von China schlecht schlafen zu lassen. Es stimmt schon, er hätte das Rennen in Schanghai eigentlich gewinnen müssen. Und er hat es selbst weggeworfen. Aber das Bashing so mancher Experten finde ich ehrlich gesagt übertrieben. Auch wenn die Kritik natürlich nicht völlig aus der Luft gegriffen ist.

Das Problem ist, dass Schanghai nicht aus dem Nichts passiert ist, sondern Verstappen quasi schon "unter Bewährung" fuhr. Nach der Kollision mit Lewis Hamilton in Bahrain schaute ihm die Welt besonders genau auf die Finger, und als er sich nach dem Safety-Car mit den frischeren Reifen anschickte, den Weltmeister im Mercedes zu jagen, warteten in Wahrheit viele nur darauf, dass es kracht.

Viele sagen jetzt: Warum hat Verstappen nicht bis zur langen Gerade gewartet, wo er mit DRS gemütlich an Hamilton vorbeifahren hätte können? Eine berechtigte Frage. Es in Kurve 7 außen zu probieren, wie er es getan hat, gegen einen viermaligen Weltmeister in einem Mercedes, das ist kühn.

Aber zu Verstappens Ehrenrettung sei gesagt: Zumindest aus seiner Onboard-Perspektive sah es für einen Sekundenbruchteil so aus, als hätte Hamilton in der Kurve nach rechts gezuckt und ihn mit diesem Zucken abgedrängt oder zumindest irritiert. Kein grob unfaires Verhalten, dem man groß auf den Zahn fühlen müsste. Aber doch genug, um Verstappen in Schutz zu nehmen. Die Sache hätte auch gutgehen können.

Bei der Aktion mit Sebastian Vettel ein paar Runden später sieht das schon anders aus. Dieser Blackout ist nicht zu verteidigen. Aber das weiß Verstappen auch.

So wird das unter Männern geregelt!

Warum Vettel auf den Abschuss so gelassen reagiert hat, ist mir übrigens immer noch ein Rätsel. Schon sein erster Funkspruch war ziemlich cool, und als er im Parc ferme auf Verstappen traf, flogen nicht die Fäuste, sondern es blieb bei einem freundschaftlichen Schulterklaps.

Wie bitte, Seb, echt jetzt? Ohne die Verstappen-Kollision hätte Vettel jetzt wahrscheinlich 62 Punkte statt 54, und Hamilton 43 statt 45. Macht für die WM zehn Punkte Unterschied. Dafür war seine Reaktion, vor allem gemessen an früheren Ausrastern, ziemlich gelassen. Das spricht für Vettels Selbstbewusstsein und Souveränität 2018. Sehr erwachsen.

Christian Horner, Helmut Marko, Sebastian Vettel

Keine vergiftete Stimmung: Dieses Foto wurde nach dem Rennen aufgenommen Zoom

Einer der Gründe dafür war, dass sich Verstappen sofort entschuldigt hat. Unter vier Augen, persönlich - so, wie Männer das eben regeln. Das hat Vettel imponiert. Und spricht für eine gute Kinderstube durch Papa Jos. Zumindest, was den Racing-Ethos angeht.

Doch Schanghai stellt für die weitere Karriere des 20-Jährigen auch ein gewisses Gefahrenpotenzial dar. Dann nämlich, wenn er auf die Experten hört. Alex Wurz zum Beispiel - ein Fachmann, den ich sehr schätze - ist sich sicher, dass Verstappen aus der jüngsten Kritik seine Lehren ziehen und daraus noch stärker hervorgehen wird. Dass er sich mit den Fehlern von Schanghai genau auseinandersetzen muss.

Bitte nicht auf die Experten hören, Max!

Dem ist nicht zu widersprechen. Aber Verstappens USP ist seine Aggressivität, und die darf er sich nicht wegen ein, zwei verpatzter Rennwochenenden nehmen lassen. Fatal wäre, wenn er jetzt schlecht schläft und stundenlang grübelt, wie er solche Situationen in Zukunft vermeiden kann. Denn an dem Punkt ersetzt der Verstand den Instinkt - und das hat noch keinen begnadeten Rennfahrer schneller gemacht.

Es ist jetzt die Aufgabe von Papa Jos und wahrscheinlich auch Helmut Marko, sich Verstappen zur Brust zu nehmen, ihm konkrete Hilfestellungen für solche Rennsituationen anzubieten ("In Zukunft verhältst du dich in Situation X besser so und in Situation Y besser so") - ihn aber gleichzeitig nicht so einzuschüchtern, dass er verunsichert sein Draufgängertum beiseiteschiebt und mehr nachdenkt als Gas gibt.

Vielleicht kann in Zukunft auch der Kommandostand helfen. Verstappen beim Anflug eines Duells wie jenem mit Hamilton funken: "Max, du bist viel schneller. Deine beste Chance ist DRS auf der langen Gerade. Warte zumindest einmal ab, ob das klappt - und wenn nicht, kannst du immer noch die Brechstange auspacken."

Mehr Hilfestellung am Boxenfunk?

Oder vor der Vettel-Situation, als schon am Beginn der langen Gerade klar war, dass ein Überholversuch nicht klappen kann: "Max, sei vorsichtig." Oder: "Max, du bist nahe genug dran, das könnte klappen."

Vielleicht geht das auch zu weit. Aber man sollte aus Red-Bull-Sicht darüber nachdenken. Erlaubt sind solche Funksprüche wieder. Wenngleich völlig klar sein muss: So etwas kann und soll immer nur Hilfestellung sein. Die Entscheidung des Fahrers im Cockpit muss immer Vorrang haben. Denn wenn der Fahrer seinen Instinkten nicht mehr vertraut, ist schon halb verloren.

Man vergisst immer, wie jung Verstappen noch ist. Gerade mal 20. In dem Alter ist Daniel Ricciardo noch in England Formel 3 gefahren. Der Australier, gestern großer Sieger (zurecht), war 22, als er 2011 in die Formel 1 kam. In dem Alter wird Verstappen schon seine fünfte Formel-1-Saison bestreiten!

Verstappen ist programmiert darauf, so zu fahren, wie er in Schanghai gefahren ist. Nicht taktisch zu warten, bis sich die beste Chance bietet, sondern sofort in jede Lücke zu stechen. Er überrascht damit seine Gegner, die so viel Aggressivität nicht gewohnt sind, und ist meistens erfolgreich. Manchmal geht's auch schief.

Killer-DNA wurde schon auf der Kartbahn eingeimpft

Aber dieses Verhalten abzulegen ist nicht einfach. Papa Jos hat Klein-Max schon auf der Kartbahn darauf getrimmt, immer Vollgas zu geben, jede Chance zu nutzen, mit der Aggressivität nicht nachzulassen. Nie. In diese DNA jetzt einzugreifen, selbst wenn es nur moderat ist, ist ein gefährliches Spiel.

Max Verstappen muss nach dem Rennen in Schanghai fast schlecht geschlafen haben. Jeder 20-Jährige würde das nach so einem Experten-Shitstorm tun. Er soll auch kurz darüber nachdenken, und wenn es dazu führt, dass er sich ein Manöver wie gegen Vettel in Zukunft zweimal überlegt, dann kann das für ihn nur gut sein.

Aber die Aktion gegen Hamilton, die soll er ruhig weiter probieren. Hätte auch gut gehen können.

Und sind wir mal ehrlich: Wir sollten froh sein, ein Naturereignis wie Verstappen in der Formel 1 zu haben, und ihn nicht dafür kritisieren, dass er ist, wie er eben ist ...

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Toto Wolff: Der Mercedes-Sportchef sagt selbst, dass er vor Bahrain mitten in der Nacht wach wurde, weil ihn die Getriebestrafe für Hamilton so beschäftigt hat. Jetzt haben die Silberpfeile erstmals in der Hybrid-Ära (seit 2014) drei Rennen hintereinander nicht gewonnen. Ob das noch mehr schlaflose Nächte gibt? Nur: Man sollte nicht den Fehler machen, Mercedes vorzeitig abzuschreiben. Das Auto hat Potenzial. Und 2017 kam Hamilton auch nicht sofort auf Touren.

Paddy Lowe: Ja, ich weiß schon, wie das mit Pressemitteilungen läuft. Das liest sich immer ein bisschen freundlicher als das, was die (Damen und) Herren wirklich gesagt haben (und eigentlich denken). Aber dem Williams-Technikchef ernsthaft in den Mund zu legen, er freue sich über das "fantastische Ergebnis", dass beide Williams auf P14/15 ins Ziel gekommen sind, spricht Bände über das, was aus Williams geworden ist. Einem hartgesottenen Racing-Fan wie mir kommen dabei fast die Tränen. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Übrigens: Die Schwesternkolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" kann jetzt auf unserem Schwesternportal de.motorsport.com nachgelesen werden. Mein Kollege Stefan Ehlen setzt sich darin mit der unglaublichen Geschichte von China-Sieger Daniel Ricciardo am vergangenen Wochenende auseinander.

Ihr

Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

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