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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Auf Kriegsfuß mit den Medien: Warum Lewis Hamiltons Umgang mit Facebook, Twitter und Instagram eine Gefahr für den Formel-1-Fan ist

Lewis Hamilton

Spielt lieber mit Snapchat als kritische Fragen zu beantworten: Lewis Hamilton Zoom

Liebe Leser,

jetzt gibt es sie also auch in der Formel 1, die Lügenpresse-Diskussion. Auf einem wesentlich weniger bedeutsamen Niveau freilich, denn wir befassen uns hier nicht mit dem Wohl einer ganzen Gesellschaft, sondern nur mit 22 Autos, die alle zwei Wochen im Kreis fahren. Das mag für manche Menschen sehr wichtig sein; im gesamtgesellschaftlichen Kontext ist es das nicht.

Ich muss vermutlich nicht nacherzählen, was in der FIA-PK am Donnerstag und nach dem Qualifying am Samstag passiert ist. Lewis Hamilton fand es witzig, via Snapchat seinen Kollegen Hasenohren zu malen. Auf die Fragen der Journalisten freilich hatte er sehr wenig Lust. "Habe ich doch schon auf Instagram gepostet", lautete eine seiner Standardantworten.

Die Sache mit der angeblichen Respektlosigkeit stört mich weniger. Kimi Räikkönen ist eine coole Sau, weil er einfach so ein vereinbartes Interview abbricht, aufsteht und geht, aber Hamilton soll deswegen respektlos sein? Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Ich an seiner Stelle würde mich anders verhalten, aber ich bin auch nur Möchtegern-Rennfahrer. Es steht mir nicht zu, jemandem vorzuschreiben, dass er die FIA-PKs toll finden muss.

Social Media ist ein nettes Add-on, aber nicht der Hauptact

Was mich viel mehr stört, ist die Sache mit Instagram. Hamilton mag seine Kommunikation vor allem via Facebook, Twitter und Instagram führen, um mit seinen Fans direkt in Kontakt zu treten. Nehme ich ihm ab und ist soweit okay. Ich kann mich auch in ihn hineinversetzen: Es macht mehr Spaß, nach einem verpatzten Rennen via Instagram tausende aufmunternde Kommentare von den eigenen Fans zu lesen, als sich mit den immer gleichen Journalisten auseinanderzusetzen, die dann vielleicht auch noch auf die Idee kommen, kritische Fragen zu stellen. Da kommt kein Rockstar-Feeling auf.

Formel-1-Weltmeister sind auch nur Menschen. Das Problem mit Social Media ist: Jeder hat mindestens einen entfernten Bekannten in seiner Friendslist, der schon einmal ein Vorher/Nachher-Foto gepostet hat. Weil er/sie entweder so viel abgenommen hat, weil die neue Frisur so toll sitzt oder weil das sündteure Kleid für die nächste Gala einfach wunderschön ist. Und die Friends liken das dann. Derjenige, der das Foto postet, fühlt sich mit jedem Like bestätigt. Es ist eine virtuelle Selbstwert-Kultur, die Facebook zu einem Milliardengeschäft gemacht hat.

Aber haben Sie auch einen Friend, der so ein Foto schon mal andersrum gepostet hat? Zuerst mit 75 und dann mit 95 Kilo? Mit der tollen Hochzeitsfrisur am Morgen danach? Oder verkatert im Jogginganzug, weil jede Gala irgendwann zu Ende geht? Nein? Eben. Genau das ist die Aufgabe der Medien. Den Finger in die Wunde zu legen, wenn der Herr Formel-1-Fahrer in Problemen steckt, aber gerade keine Lust hat, es Millionen von Fans mitzuteilen.

Warum sollte Lewis Hamilton auf Instagram posten, dass die Mercedes-Chefs sein Verhalten, das jenem eines beleidigten Kleinkindes gleicht, missfällt? Würde er wirklich zugeben, dass sein Lebensstil vielleicht doch eine Schippe zu viel ist und Nico Rosberg deswegen Weltmeister wird? Ich glaube nicht. Aber dafür gibt es ja uns Journalisten.

Die Medien fürchten ja nur um ihre Stellung...

Spricht man das Thema Social Media und die damit verbundenen Gefahren kritisch an, muss man mit Gegenwind rechnen. "Gefährlich für wen? Die Presse? Ich verstehe den Punkt nicht", schreibt mir ein User auf Twitter. Ein anderer wird noch deutlicher: "Die Presse ist nicht unabhängig. Entspannt euch lieber, statt euch über die Konkurrenz zu beschweren, die ihr durch Social Media habt." Und ein dritter meint: "Medien interpretieren falsch und lassen Lewis schlecht aussehen. Damit habt ihr sein Vertrauen verloren."

Lügenpresse also.

An der Stelle muss ich einschreiten und meinen Berufsstand verteidigen.


Fotostrecke: F1 Backstage: Suzuka

Es mag sein, dass uns dann und wann Fehler unterlaufen; wir jemanden zu kritisch abbilden, der eigentlich eine bessere Darstellung verdient gehabt hätte, oder umgekehrt. Und - was die Leser nicht mitbekommen - wir diskutieren darüber auch intern. Einer meiner Kollegen beispielsweise hatte Hamiltons Auftritt in der FIA-PK am Donnerstag als "Eklat" dargestellt. Ich fand das übertrieben. Wir haben den betroffenen Artikel anschließend abgeschwächt.

Medien mögen nicht perfekt sein, aber zumindest für meine Redaktion kann ich sagen: Niemand wird systematisch niedergeschrieben, und Fehleinschätzungen passieren nicht absichtlich.

Jeder Follower bedeutet potenziell bare Münze

Das kann man von Social Media nicht behaupten. Ja, Lewis Hamilton findet es sicher toll, seinen Fans Einblicke in sein Leben zu gewähren. Das finde auch ich dann und wann durchaus interessant, schließlich kennen wir Normalsterbliche so ein Leben nicht. Solche Insights können wir klassischen Medien nicht bieten. Aber natürlich macht er das alles auch aus Eigennutz. 3,9 Millionen Facebook-Friends, 3,8 Millionen Follower auf Twitter und 3,4 Millionen auf Instagram bedeuten für ihn vor allem eins: bare Münze.

Jedes Posting, das ein Star auf Social Media absetzt, ist potenziell Geld wert. Das kann ein neues Mercedes-Modell sein, das derjenige dann natürlich supertoll findet, obwohl zu Hause in Wahrheit ein Ferrari in der Garage steht. Das kann auch mal ein Action-Foto sein, mit dem Logo des Hauptsponsors riesengroß im Hintergrund. Hamiltons wichtigstes Motiv, mit Social Media zu hantieren, wie er das tut, ist sicher nicht Geld. Aber er nimmt es mit. Da bleibt die ganze Wahrheit dann schon mal auf der Strecke.

Verwerflich ist das nicht. Gefährlich für den Fan grundsätzlich auch nicht.

Lieber Instagram posten statt Fragen beantworten

Gefährlich für den Fan wird es aber an dem Punkt, an dem die traditionellen Medien wie wir ersatzlos ausgehebelt und umgangen werden. An dem PK-Fragen nicht mehr beantwortet werden, weil eh schon alles auf Instagram steht. An dem geplante Medienrunden gar nicht mehr stattfinden, weil ein paar Journalisten seine Instagram-Postings nicht blind nachgeplappert, sondern kritisch hinterfragt haben. Schöne neue Welt!

Jeder Formel-1-Fan kann selbst beurteilen, ob er journalistischen Kontext für wichtig hält. Ob er Formate wie "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" lesen möchte oder nicht. Das nicht zu tun, ist völlig legitim. Aber wir sind uns hoffentlich einig, dass die Formel 1 ganz ohne die klassischen Medien für viele Fans ein schlechterer Ort wäre.

"Man dankt lieber den Fans, die sowieso bei jedem Grand Prix die besten der Welt sind."

Nehmen wir die Podiums-Interviews als Beispiel: Es ist eine Unart, dass in der Regel nicht einmal mehr versucht wird, auf die Fragen der Interviewer zum Rennen einzugehen. Nein, man dankt lieber den Fans, die sowieso bei jedem Grand Prix die besten der Welt sind, das Team hat auch wieder einen super Job gemacht, und, ach ja, Gratulation dem Teamkollegen, der diesmal einfach besser war. Wir haben uns ja so doll lieb!

Ist es nicht auch in Ihrem Interesse, wenn das von unsereins später noch ein bisschen genauer hinterfragt wird?

Twitter-Verwirrung um Mercedes-Protest

Ein gutes Beispiel dafür, wie das mit Social Media und der ganzen Wahrheit laufen kann, lieferte Hamilton gestern Abend unfreiwillig selbst. Live aus dem Privatjet twitterte er: "Es gibt keinen Protest von mir oder dem Mercedes-Team. Irgendein Idiot hat das behauptet, aber es stimmt nicht." Idioten! Lügenpresse! Verschwörung!

Zu dem Zeitpunkt hielten wir die offizielle FIA-Bestätigung, dass Mercedes Protest eingelegt hat, übrigens schon in der Hand. Nur gut, dass so ein Tweet schnell gelöscht ist. Da kann man das mit der Wahrheit dann auch mal ein bisschen lockerer nehmen.

Nebenbei bemerkt: Schlecht geschlafen hat Hamilton nicht, weil er mit seinem Verhalten ein paar Journalisten auf den Schlips getreten ist. Schlecht geschlafen hat er, weil ihm die WM langsam durch die Finger gleitet. Und weil es sicher nicht hilfreich ist, an der Medienfront einen zweiten Kriegsschauplatz aufzumachen...

PS: Ich würde mein Geld immer noch auf Hamilton setzen. Die WM 2016 ist noch lange nicht entschieden.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Carlos Sainz: Übermotiviert unterwegs auf der Strecke, wie man an der Verteidigung gegen Felipe Massa in der ersten Kurve sehen konnte, versucht der Spanier, die immer eklatanter werdende PS-Schwäche des Toro-Rosso-Ferrari zu kaschieren. Er muss auch auffallen, schließlich geht es um seine Zukunft. Der Wechsel zu Renault, den sein Vater Carlos sen. unbedingt will, droht zu platzen. Dort steht Nico Hülkenberg plötzlich hoch im Kurs (auch wenn uns Force India versichert, davon nichts zu wissen). Bei Toro Rosso würde Sainz versauern, weil Red Bull im A-Team auf Jahre hinaus keinen Platz haben wird.

Yusuke Hasegawa: Vor einem Jahr war es Fernando Alonsos legendärer Funkspruch "GP2-Engine", der Honda beim Heim-Grand-Prix in Japan schlecht schlafen hat lassen. Gestern antwortete er auf den Befehl seines Renningenieurs, er möge jetzt bitte attackieren, trotzig: "I wish!" Honda ist immer noch weit weg von der Spitze, und das war ausgerechnet in Suzuka besonders deutlich zu sehen. Aber die Situation ist eine andere als vor einem Jahr. Damals war "GP2-Engine" das Sinnbild einer verkorksten Partnerschaft. Heute ist "I wish!" eher ein Ausrutscher nach unten.

Ihr

Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

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