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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Nico Rosberg, weil er nie mehr Weltmeister wird, und Christian Horner, weil er bei Red Bull machtlos zuschauen muss, wie andere die großen Entscheidungen treffen

Nico Rosberg

Nico Rosbergs Chancen auf den WM-Titel 2015 sind nach Sotschi praktisch dahin Zoom

Liebe Leser,

es gibt Tage, an denen kann man sich einfach nicht entscheiden, und heute ist so einer. Wer hat letzte Nacht am schlechtesten geschlafen? Die (natürlich metaphorische) Frage, die wir uns in der Redaktion jeden Montagmorgen nach einem Formel-1-Rennen stellen, kann ich heute nicht mit einer einzelnen Person beantworten. Sondern es gibt meiner Meinung nach zwei große Verlierer des Rennwochenendes in Sotschi.

Beginnen wir mit dem offensichtlicheren: Nico Rosberg. 73 Punkte Rückstand auf Lewis Hamilton bedeuten, dass er den WM-Titel 2015 praktisch zu den (unerledigten) Akten legen kann. Holt Hamilton beim nächsten Rennen nur zwei Punkte mehr als er, dann ist der Kuchen schon in Austin gegessen - und Mexiko-Stadt, Sao Paulo und Abu Dhabi wären nur noch ein Schaulaufen. 2014 lag Rosberg vier Rennen vor Schluss nur zehn Punkte hinten, und trotzdem hat's nicht gereicht. Trotz doppelter Punkte in Abu Dhabi.

Anders ausgedrückt: Selbst wenn Rosberg die letzten vier Rennen gewinnen sollte (unwahrscheinlich, ist dieses Jahr noch niemandem gelungen), braucht Hamilton nur 27 Punkte, um den Sack endgültig zuzumachen. Der Punkteschnitt des Titelverteidigers aus den ersten 15 Rennen liegt bei 20,1, hochgerechnet also bei über 80 Zählern aus den letzten vier Grands Prix. Das Thema ist durch.

Rosberg bleibt vom Pech verfolgt

Selbst wenn Rosberg in Sotschi vor Hamilton gewonnen hätte, wäre es das vermutlich gewesen. Aber dann hätte er sich noch an die Hoffnung klammern können. Denn falsch gemacht hat er gestern nichts: "Es lief alles perfekt an dem Wochenende. Pole im Qualifying, schöne Lücke zum Lewis, Duell für mich entschieden in den ersten paar Kurven. Es sah alles gut aus. Ich war sehr sicher, dass ich das Ding nach Hause fahre", so Rosberg in seinem Video-Blog, den er im Auto auf dem Weg zum Flughafen aufzeichnete, noch bevor er sich schlafen legte.

Es ist bezeichnend für seine Saison 2015, dass er selbst dann nicht gewinnt, wenn er alles richtig macht. Der Defekt ist so bizarr, dass man schon fast eine Verschwörung vermuten möchte: ein defekter Gaspedaldämpfer, ein klitzekleines Teil - das nicht von einem Zulieferer, sondern von Mercedes selbst gebaut wird. Und das beim Grand Prix von Russland über Sieg oder Niederlage entschieden hat.

Das Problem: Das Gaspedal ließ sich zwar normal betätigen, kam aber wegen des defekten Dämpfers nicht mehr in die Ausgangsstellung zurück. Die Antriebseinheit lieferte also immer Power, auch wenn der Fahrer das gar nicht wollte. Als Renningenieur Tony Ross funkte, Rosberg solle sich darauf einstellen, meinte er: Wenn du stark genug bremst, wird die Drosselklappe automatisch zurückgeregelt. Aber damit noch schnell zu sein, ist unmöglich - und nicht ganz ungefährlich.

Drive by Wire: Fluch oder Segen?

Es ist der erste bekannte Drive-by-Wire-Defekt der modernen Ära. Früher war die Verbindung zwischen Gaspedal und Drosselklappe rein mechanisch, heutzutage erfassen nur noch Sensoren die Gaspedalstellung und wandeln diese Information in ein elektronisches Signal um. Die Motorsteuerung regelt dann, dass die aktuelle Gaspedalstellung an die Drosselklappe weitergegeben wird. Der gestern kaputt gegangene Dämpfer ist nur dafür verantwortlich, das Gaspedal in die Ausgangsstellung zurückzubringen.


Fotostrecke: GP Russland, Highlights 2015

Wie dem auch sei: Ich habe schon vor einem Jahr in Austin geschrieben, dass Rosberg nie mehr Weltmeister wird, wenn er es 2014 nicht schafft. Genau wie Mark Webber, der seine große Chance 2010 hatte und der danach nie wieder so nah dran war, sondern an seinem übermächtigen Teamkollegen verzweifelte, der von Titel zu Titel fuhr. Rosberg droht ein Webber-Schicksal. Nur: Es gibt Schlimmeres, als mit dem schnellsten Auto in der Formel 1 gutes Geld zu verdienen.

Horner: Nur eine machtlose Marionette?

Daher wollen wir ihn nicht alleine schlecht schlafen lassen, sondern wir legen noch Christian Horner zu ihm ins Bett (natürlich nur rein symbolisch). Nicht etwa, weil Daniil Kwjats fünfter Platz beim Grand Prix von Russland das Höchste der Gefühle war - nein, das Sportliche steht bei Red Bull schon seit Wochen nicht mehr im Vordergrund. Es interessiert sich ja auch kein Mensch dafür, dass Renault für Sotschi irgendwann mal ein großes Update angekündigt hatte, von dem dann weit und breit nichts zu sehen war.

Christian Horner, Helmut Marko

Christian Horner und Helmut Marko im Formel-1-Paddock in Sotschi 2015 Zoom

Aber egal. Horner schläft nicht schlecht, weil er noch keinen Motor für 2016 hat. Sicher, das würde ihm den Job kosten, aber die Situation ist nicht ganz neu. Aber ihm muss dieser Tage bewusst werden, wie machtlos er im Team eigentlich ist. Seine Kritiker haben ihn schon immer als Marionette bezeichnet, die nur die Befehle ausführt, die Dietrich Mateschitz eben so befiehlt - und sich mit lästigen Details des Tagesgeschäfts herumschlägt, für die seine Chefs keine Zeit haben.

Genau das scheint sich jetzt zu bewahrheiten. Denn wenn es darum geht, ob Red Bull in der Formel 1 bleibt oder nicht, hat Horner genau null Einfluss auf die Konzernentscheidung. Nicht einmal die Verhandlungen mit Ferrari laufen über seinen Schreibtisch. Die sind bei Red Bull Chefsache, und Chefsache bedeutet noch nicht einmal Mateschitz, sondern Helmut Marko. Selbst der "Doktor" ist viel mächtiger als Horner. Eine unbequeme Wahrheit, die dieser Tage unübersehbar ist.

Die Etablierten wollten Red Bull nie in der Formel 1

Immerhin 31,86 Prozent unserer Leser wünschen sich nicht, dass Red Bull nicht in der Formel 1 bleibt. Das ist ein genauso hoher Anteil Menschen, wie gestern in meiner Hauptstadt Wien die rechtspopulistische FPÖ gewählt haben, die am liebsten keine Ausländer im Land haben möchte. Und genauso geht es jetzt Red Bull: Die Alteingesessenen in der Formel 1, die Motorenhersteller, die Garagisten, die wollten in Wahrheit nie einen Energydrink-Hersteller an Bord haben.

Wenn Bernie Ecclestone sagt, dass Red Bull längst einen Motor für 2016 hat, dann steht er mit dieser Meinung (zumindest noch) ziemlich alleine da. Selbst bei Red Bull klingt das anders. Oder kommt am Ende doch nochmal der von uns skizzierte Plan B mit einem Nicht-Hybrid-Motor eines unabhängigen Herstellers auf den Tisch? Eins steht jedenfalls fest: Wenn Red Bull doch noch fündig wird, dann war es wohl kaum Horners Verdienst.

Und das hat nichts damit zu tun, ob Horner kompetent ist oder seine Sache gut macht. Tatsache ist: Die ganz großen Entscheidungen trifft bei Red Bull wer anderer. Und auch wenn er Ecclestones Trauzeuge war, so erscheint es mir doch eher wie der Witz des Tages, dass Horner einmal als alleiniger Chefmanager dessen Erbe antreten soll. Aber was soll's. Er kann sich ja zu Hause mit dem Mürbeteigkuchen von Ehefrau Geri trösten...

Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

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