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  • 11.10.2015 · 14:45

  • von Christian Nimmervoll & Fabian Hust

Formel 1 Sotschi 2015: Hamilton rückt dem Titel nahe

Dramatische letzte Runde beim Grand Prix von Russland, aber ein souveräner Sieger (und Fast-Weltmeister) Lewis Hamilton - Pechvogel Nico Rosberg

(Motorsport-Total.com) - Lewis Hamilton ist der erfolgreichen Verteidigung seines WM-Titels beim Grand Prix von Russland 2015 einen großen Schritt näher gekommen. Der Mercedes-Fahrer gewann das Rennen in Sotschi vor Sebastian Vettel (Ferrari) und Sergio Perez (Force India) und hat bei vier noch zu absolvierenden Grands Prix 73 Punkte Vorsprung auf Teamkollege Nico Rosberg, der heute leer ausging und sogar den zweiten WM-Rang um sieben Zähler an Vettel abgeben musste.

"Es ist ein Privileg, Teil dieses Teams zu sein", funkte Hamilton nach der Zieldurchfahrt, 5,9 Sekunden vor Vettel, nachdem er das ganze Rennen hindurch leichtes Spiel hatte. Denn das Problem Rosberg hatte sich schon in der siebten Runde erledigt: Der Polesetter kam gut von der Linie weg, behauptete sich in der ersten echten Kurve gegen Hamilton und führte zunächst relativ sicher - bis er plötzlich überholt wurde, was zunächst nach einem Fahrfehler aussah.

Aber als er einen Gegner nach dem anderen durchlassen und am Ende der Runde die Box ansteuern musste, war klar: Da stimmt etwas nicht. Die "unglaubliche" Ursache für den Ausfall: ein kaputter Gaspedal-Dämpfer. "Ich musste mein Bein anheben, um überhaupt vom Gas zu kommen, und dann konnte ich nicht mehr lenken, weil meine Hände gegen die Knie geschlagen haben", seufzt Rosberg, dem so etwas "noch nie in meiner ganzen Karriere" passiert ist.

Plötzlich führte Hamilton vor Valtteri Bottas (Williams) und Kimi Räikkönen (Ferrari), die am Start an Vettel vorbeigegangen waren. Räikkönen lag kurzzeitig sogar vor seinem Landsmann, verschlief aber den Safety-Car-Restart in der vierten Runde. Als das Safety-Car in der 17. Runde zum zweiten Mal zurück an die Box fuhr, verlor er die nächste Position - diesmal mit etwas mehr Gegenwehr gegen Teamkollege Vettel. Dessen Auto wurde im Rennverlauf immer schneller.

Aber es dauerte bis zum ersten (und einzigen) Boxenstopp, ehe Vettel Bottas hinter sich lassen konnte. Williams benötigte für den Reifenwechsel 3,4, Ferrari 3,1 Sekunden - und hatte auch noch das Pech, dass Bottas in den vier Runden, die dazwischen lagen, im Verkehr steckte. Für Vettel lief es von da an wie am Schnürchen: "Einmal dachte ich kurz, dass ich Lewis unter Druck setzen kann. Aber ich glaube, er hat's relativ ruhig angehen lassen die letzten Runden."

Dahinter tobte ein spannender Vierkampf um den dritten Platz: Perez und Daniel Ricciardo (Red Bull), die schon während der zweiten Safety-Car-Phase Reifen gewechselt hatten, lagen vor Bottas und Räikkönen, die mit viel frischeren Reifen Druck machten. Ricciardo fiel zunächst ans Ende dieses Pakets zurück und schied dann ganz aus, aber bei Perez sah es zunächst so aus, als würde er P3 halten können - zumindest bis zur letzten Runde.

Denn in der war der bis dahin makellose Mexikaner kurz unaufmerksam und musste beide Finnen durchlassen. Als das Podium schon in weiter Ferne schien, half das Schicksal nach: Räikkönen wollte mehr als Platz vier und attackierte auch noch Bottas - wobei es zur Kollision kam. "Für mich ganz klar Kimis Fehler. Er sollte bestraft werden", findet Williams-Chefingenieur Rob Smedley. Bottas schied aus, Räikkönen humpelte als Fünfter mit funkensprühendem Unterboden ins Ziel.

Die finnischen Meinungen über den Crash gehen naturgemäß auseinander: "Vielleicht hat er mich nicht gesehen", vermutet Räikkönen. "Ich habe noch versucht, so weit wie möglich einzulenken, aber ich hatte keinen Platz mehr." Bottas widerspricht: "Ich finde nicht, dass es ein Rennunfall war. Ich habe niemanden gesehen. Ich war vorn, plötzlich traf mich was. Ich bin sehr enttäuscht, dass ich jetzt mit null Punkten dastehe."

Bitter für Nico Hülkenberg, der heute genau wie sein Teamkollege auf das Podium fahren hätte können. Aber für den Deutschen war Sotschi schon nach dem Start vorbei: Dreher vor der ersten echten Kurve, Max Verstappen (Toro Rosso) in einen Dreher geschubst - und mit Marcus Ericsson (Sauber), der nicht mehr ausweichen konnte, kollidiert und verharkt. "Kann passieren", ärgert sich Hülkenberg, gibt aber zu: Es war ein Fahrfehler.

Durch das Chaos in der letzten Runde rückte Felipe Massa (Williams), im Qualifying nur 15., auf den vierten Platz auf, vor Räikkönen, Lokalmatador Daniil Kwjat (Red Bull), Felipe Nasr (Sauber), der mit neuem Renningenieur eine bärenstarke Leistung ablieferte, Pastor Maldonado (Lotus) und den beiden McLaren-Honda-Champions Jenson Button und Fernando Alonso, die während der Safety-Car-Phase wie einige andere Reifen wechselten und richtig pokerten.

Alonso war trotz des WM-Punkts wieder zu einem Honda-kritischen Funkspruch aufgelegt, als Massa in seinem Rückspiegel immer größer wurde: "Fernando, wir racen Massa bis zum Ende", funkte sein Renningenieur. Was der Spanier nicht ernst nahm: "Ich liebe deinen Sinn für Humor!" Das Team nahm's diesmal relativ gelassen zur Kenntnis und antwortete: "Vielleicht haben wir ein bisschen Spaß und probieren es trotzdem."

Sorgen ganz anderer Art hatte Spitzenreiter Hamilton: "Wir hatten eine Instabilität am Heckflügel, die wir nicht analysieren konnten", gesteht Mercedes-Sportchef Toto Wolff, dass nicht alles so locker war, wie es von außen aussah. Hamilton wurde sogar gebeten, DRS in den letzten Runden nicht mehr zu verwenden. Aber das war nicht die einzige Situation, die heute aus Sicht des angehenden Weltmeisters (WM-Entscheidung schon in Austin möglich) brenzlig war.

Am Start verhielt er sich laut Wolff "defensiver, als wir ihn normalerweise kennen, wahrscheinlich im Hinblick auf die Meisterschaft". Und gleich zu Beginn wäre er dann beinahe Rosberg ins Heck gefahren, als dieser wegen der Safety-Car-Phase (Hülkenberg/Ericsson) abrupt abbremste. Am Ende reichte es trotzdem zum 42. Sieg - einer mehr als der große Ayrton Senna, gleich viele wie Vettel. Hamilton: "Es ist ein besonderer Moment für mich, Ayrton zu übertreffen!"

Ein stiller Held des Rennens war Carlos Sainz (Toro Rosso), der nach seinem Horror-Crash am Samstag vom letzten Platz gestartet war, früh Reifen wechselte und vor Kwjat an siebter Stelle lag, als er wegen Überquerens der weißen Linie eine Fünf-Sekunden-Strafe aufgebrummt bekam. Später flog er ab - ausgerechnet wieder in Kurve 13! Die Heckflügel-Platte, die dabei auf der Strecke liegen blieb, brachte ein russischer Streckenposten in Sicherheit.

Wobei "Sicherheit" in dem Kontext das falsche Wort ist: Als der Streckenposten unter dem Zaun hervorkroch, um das Toro-Rosso-Teil zu holen und eine dritte Safety-Car-Phase zu verhindern, raste gerade Vettel heran - der überhaupt nicht vorgewarnt war, weil vor der schwer einsehbaren Kurve grüne Flaggen geschwenkt wurden. Vettel bemerkte dann auch am Boxenfunk: "Der war mutig!" Zum Glück ging die Situation glimpflich aus.

Wie auch der Crash von Romain Grosjean (Lotus) in der zwölften Runde. Der Franzose kam ins Rutschen, lenkte zu stark gegen, krachte in die Barrieren und war noch etwas schwindlig, als er aus eigener Kraft aussteigen konnte. "Ich wusste, dass das ein harter Einschlag wird", so Grosjean. "Aber die Sicherheitsvorkehrungen wie HANS-System und TecPro-Barrieren haben perfekt funktioniert." Das Rennen musste danach für fünf Runden neutralisiert werden.

Insgesamt sahen 13 Fahrer die Zielflagge, 15 wurden gewertet. Weiter geht's in zwei Wochen in Austin (USA). Dort kann Hamilton Weltmeister werden, wenn er neun Punkte mehr holt als Vettel und zwei als Rosberg. "Echt? Wusste ich gar nicht", staunt der siegreiche Mercedes-Fahrer - und philosophiert: "Das ist die beste Zeit meiner ganzen Karriere. Ich habe Glück, dass die Zuverlässigkeit auf meiner Seite der Garage stimmt."

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