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"Weltmeister-Potenzial": Wie BMW Robert Kubica "blind" engagiert hat

Der frühere BMW-Sportchef Mario Theissen schildert, wie er 2005 auf Robert Kubica aufmerksam geworden und was 2008 wirklich geschehen ist

(Motorsport-Total.com) - "Eigentlich haben wir für das Jahr 2006 nur noch einen Testfahrer gebraucht", sagt Mario Theissen. Der ehemalige BMW-Sportchef tat genau das Richtige: Er holte den Polen Robert Kubica zu BMW-Sauber, mit dem das Team nur zwei Jahre später den einzigen Grand-Prix-Sieg erreichte.

Robert Kubica, BMW

Robert Kubica bei Formel-1-Testfahrten in der Saison 2006 im BMW-Sauber Zoom

Aber wie genau war BMW eigentlich auf Kubica aufmerksam geworden? Das erklärt Theissen im Formel-1-Podcast 'Starting Grid' und meint: "Den Robert Kubica haben wir mehr oder weniger blind zum Testfahrer gemacht."

Er habe Kubica zuvor nur "ein einziges Mal" selbst auf der Rennstrecke erlebt. "Das war [beim Formel-3-Klassiker] in Macau im November 2005", sagt Theissen. "Wir hatten mangels Tests aber keine Gelegenheit, ihn einmal bei uns ins Auto zu setzen. Wir sind dann einfach das Risiko eingegangen, ihn als Testfahrer zu engagieren."

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Doch eben dieses Risiko habe sich als ein "absoluter Glücksgriff" herausgestellt, meint Theissen weiter. "Es war nämlich so, dass wir zur Saisonhälfte mit der Leistung von Jacques Villeneuve nicht so sehr zufrieden waren. Wir haben dann Robert Kubica ins Auto gesetzt und er ist schon im dritten Rennen in Monza aufs Podest gefahren."


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Kubica sorgte schließlich auch für die dramatischen Höhepunkte der Ära BMW-Sauber in der Formel 1: 2007 überstand er in Montreal einen der wildesten Unfälle der jüngeren Grand-Prix-Historie beinahe unverletzt, 2008 gewann er an gleicher Stelle das einzige Rennen für BMW-Sauber.

Und: 2008 mischte Kubica lange Zeit im WM-Titelkampf mit. Jahre später erhob der Pole den Vorwurf, BMW hätte sich in dieser entscheidenden Phase zu wenig engagiert und habe so noch bessere Ergebnisse verhindert.

Vorwurf an BMW: Nicht alles gegeben?

Konkret sprach Kubica im Jahr 2014 über ein "ziemlich cooles Update", das BMW-Sauber für die Schlussphase der Saison 2008 noch in der Hinterhand gehabt habe. "Das hätte uns einen weiteren Performance-Schub gegeben", meint er. "Aber aus irgendeinem Grund fand es nie seinen Weg an das Auto."

Er sei BMW dankbar für die Chance, die er erhalten habe, "aber wenn du dann in so einer Situation bist, ist es normal, dass du alles versuchen willst", erklärt Kubica weiter. Er wiederholt seinen Vorwurf in Richtung BMW: "Vielleicht hatten sie ihre Prioritäten irgendwie anders gesetzt zu dem Zeitpunkt."


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Wie Theissen heute dazu steht, dass BMW Kubica im Titelkampf zu wenig unterstütz haben könnte? So: "Das habe ich damals nicht so gesehen und sehe es auch heute nicht so. Die Aussage kam ja maßgeblich von Robert Kubica, so als Beschwerde, dass wir das 2008er-Auto nicht weiterverfolgt und uns zu früh auf 2009 konzentriert hätten."

Theissen reagiert auf Kubica-Vorwürfe

Laut Theissen stellte sich die BMW-Situation 2008 anders dar als von Kubica geschildert. Im Podcast 'Starting Grid', einer Koproduktion von meinsportpodcast.de und Motorsport-Total.com/Formel1.de, sagt Theissen: "Wir haben das 2008er-Auto im Laufe der Saison - auch in der zweiten Saisonhälfte - noch mindestens so stark weiterentwickelt wie im Jahr davor."

"Natürlich haben wir schon 2009 im Auge gehabt, weil das eine gravierende Reglementänderung war. Das haben alle anderen Teams aber auch gemacht." Er sehe daher "diese [von Kubica angedeutete] Vernachlässigung nicht".

Warum es mit dem WM-Titelgewinn 2008 nicht geklappt habe, hätte andere Ursachen gehabt. Theissen: "Wir haben es einfach in der zweiten Saisonhälfte nicht ganz geschafft, den Speed beizubehalten, den wir hatten. Es sind immer eine Vielzahl von Faktoren, die da zusammenkommen."

2006: BMW-Sportchef Mario Theissen, Robert Kubica

Mario Theissen und Robert Kubica bei der Verpflichtung als Testfahrer 2006 Zoom

"Am Ende hat es nicht ganz gereicht. Schade. Aber 2008 hatten wir ein Auto, mit dem wir den WM-Titel hätten holen können."

Eben dieser ging am Ende mit 98 Punkten denkbar knapp an McLaren-Fahrer Lewis Hamilton, nur einen Punkt vor Ferrari-Fahrer Felipe Massa. Kubica wurde punktgleich mit Ferrari-Mann Kimi Räikkönen mit 75 Zählern WM-Vierter. Und BMW stieg nach der Saison 2009 aus der Formel 1 aus.

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