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Villeneuve beantwortet Leserfragen: "'Wer bitte ist der Kerl?!'"

Der Weltmeister von 1997 beantwortet Fragen der 'Motorsport-Total.com'-Leser: Von kulturlosem Nachwuchs, Respektlosigkeit und dem Dank an Michael Schumacher

(Motorsport-Total.com) - Schlabbernder Übergrößen-Overall, verrückte Haarpracht und immer dafür zu haben, aus der Reihe zu tanzen: So kannten die Formel-1-Fans Jacques Villeneuve zu seinen aktiven Zeiten. Heute ist der 44-Jährige TV-Experte im italienischen Fernsehen, bei seiner Kleiderwahl auf lässige Polohemden und luftige Jeans umgestiegen, aber weiter nicht verlegen, seine Meinung kundzutun. Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' beantwortet Villeneuve Leserfragen - und geht mit der Königsklasse hart ins Gericht.

Jacques Villeneuve

Jacques Villeneuve ist und bleibt ein Querdenker wie zu seiner aktiven Zeit Zoom

Frage: "Jacques, du hast kürzlich bekanntgegeben, dass du bald in der Formel E an den Start gehst. Unser Leser Nowien Armani (@NowienArmani) möchte wissen, was dich an der Elektroserie so reizt."
Jacques Villeneuve: "Das ist einfach Motorsport! Ordentlicher, internationaler, professioneller Motorsport. Es geht mir weniger darum, wieder in einen Monoposto zurückzukehren. Was ich wirklich mag, ist das Rennformat. Es geht immer durch Innenstädte, auf kleinen Kursen, bei denen die Mauern nahe an der Strecke stehen und die Straße uneben ist. Das ist aufregend."

Frage: "Denkst du, dass die Serie der Formel 1 eine mögliche Zukunftsperspektive aufzeigt?"
Villeneuve: "Nein, ganz klar nein! Die Formel 1 sollte die Formel 1 bleiben und die Formel E die Formel E bleiben. Die Formel 1 hat vergessen, was sie wirklich sein möchte. Sie versucht, eine Langstrecken-Serie zu sein, wenn sie nur noch vier Motoren pro Saison erlaubt. Aber das sollte sie nicht. Sie versucht auch, Elektromotoren einzusetzen. Aber lasst die Formel E doch bitte die Formel E sein. Lasst Le Mans auch einfach Le Mans sein."

Motorensound? "Bereitet mehr Kopfschmerzen als Spaß"

Michael Schumacher, Jacques Villeneuve

Die Szene, die 1997 die Weltmeisterschaft entschied: Schumacher rammt Villeneuve Zoom

Frage: "Wenn ein Auto kaum noch einen Motorensound von sich gibt: Wird das für dich nicht ein merkwürdiges Gefühl sein?"
Villeneuve: "Das juckt mich nicht. Schlussendlich beschert einem der Sound respektive die Lautstärke nur Kopfschmerzen. Es mag von außen gut klingen, aber im Cockpit ist es nicht unbedingt schön. Mir gefällt noch immer ein mächtiger V8-Motor, wie er in einem NASCAR-Auto steckt. Aber wenn man damit drei Stunden fährt, brummt einem nur der Schädel."

Frage: "Nowien Armani (@NowienArmani) interessiert auch auch die Szene, als 1997 in Jerez die Weltmeisterschaft entschieden wurde. Du, Michael Schumacher und der Rammstoß. Was ging dir in diesem Moment durch den Kopf?"
Villeneuve: "Ich dachte: 'Danke! Danke, Michael!' Er kam von der Strecke ab, ich bleib auf der Bahn. Wäre er nicht abgeflogen, hätte er mich später vielleicht wieder überholen können."

Jacques Villeneuve

Jacques Villeneuve brauchte keine lange Anlaufzeit für den ersten Titelgewinn Zoom

Frage: "Du hast gar keine Wut verspürt?"
Villeneuve: "Wegen des Unfalls? Nein, ich habe die WM gewonnen. Ich war im Nachgang sauer, als Aufnahmen dazu gebraucht wurden, um es so aussehen zu lassen, als hätte er nichts falsch gemacht. Das hat mich wütend gemacht, nicht der Zwischenfall an sich."

Frage: "Unserem Leser Hamel (@HamelVilleneuve) geht es um deinen Wechsel zu BAR in der Saison 1999. Bereust du diesen Schritt oder würdest du es noch einmal genauso machen?"
Villeneuve: "Ich war einer der Mitbesitzer. Das Team aufzubauen war toll, eine großartige Erfahrung. Wir haben uns am Anfang sogar unter den Top 6 qualifiziert, was viel besser ist als das, was McLaren-Honda derzeit abliefert. Wir waren konkurrenzfähig und hätten nach dem aktuellen Punktesystem sogar WM-Zähler geholt, wenn wir in den Rennen unter die Top 8 gekommen sind. Das klingt für mich nicht allzu schlimm. Wir haben später Podiumsplätze geholt, nach sechs Jahren haben wir sogar ständig in diesen Regionen gekämpft. Heute heißt das Team Mercedes. Was bitte soll daran falsch gewesen sein?! Es war ein tolles Projekt."

BAR erfüllt Villeneuve nicht mit Reue - Er wäre gerne Ingenieur

Jacques Villeneuve

Legendäres Reißverschluss-Auto: Das BAR-Projekt sei ein Erfolg gewesen Zoom

Frage: "Worin bestand der Unterschied, einfach nur angestellter Fahrer zu sein oder auch einer der Besitzer?"
Villeneuve: "Weiß ich nicht, weil ich nicht aktiv an der Teamführung beteiligt war. Ich war einer der Eigner, aber schon das hat im Hintergrund zu Problemen geführt, weil politische Debatten angestoßen wurden, die ich so nicht überblicken konnte."

Frage: "Kannst du dir vorstellen, eines Tages hauptberuflich Teamchef zu sein?"
Villeneuve: "Warum nicht? Oder auch Ingenieur. Das hat mir immer gefallen. Beide Jobs wären interessant."

Frage: "2011 wäre es fast soweit gewesen. Es wurde darüber gesprochen, dass Villeneuve Racing in die Formel 1 einsteigt. Wie realistisch war das?"
Villeneuve: "Sehr realistisch. Es gab Sponsoren und wir haben sogar schon bei der FIA vorgesprochen. Es gab damals die Möglichkeit, aber es war nicht mein Ziel. Mein Ziel war, irgendwie zu fahren. Aber es wenn sich Geldgeber dafür interessieren, warum nicht so?"

Jacques Villeneuve, Craig Pollock

Jacques Villeneuve und Craig Pollock: Nicht nur Partner, auch enge Freunde Zoom

Frage: "Zurück zum Ende deiner Formel-1-Karriere in der Saison 2006. Ninja3116 (@Ninja31160) fragt sich, wie du es empfunden hast, bei BMW-Sauber rausgeworfen zu werden?"
Villeneuve: "Ich wurde rausgeworfen, Tatsache! Ich war damals wirklich unglücklich, weil ich besser war als mein Teamkollege (Nick Heidfeld; Anm. d. Red.) und es keinen wirklichen Grund dafür gab. Es war frustrierend, besonders, weil ich nicht mit Respekt behandelt wurde. Gerade weil ich schon so viel in diesem Sport erreicht hatte. Das lag mehrheitlich an einer Person, die noch nicht einmal richtig aus der Motorsport-Szene kommt. Ich wusste aber schon, dass es sich abzeichnet. Im Winter musste ich Änderungen an meinem Vertrag vornehmen lassen, ich war im Team nicht mehr erwünscht. Von Anfang an."

Frage: "Ärgerst du dich darüber, dass deine aktive Formel-1-Karriere so ein Ende gefunden hat?"
Villeneuve: "Ich war damals noch nicht so weit, aufzuhören. Es war frustrierend, weil es einem die künftige Karrierechancen verbaut. Aber so ist das Leben. Ich war nicht der Erste, dem das passiert ist, und ich werde auch nicht der Letzte gewesen sein."

Schumacher und das Familienerbe verbauten den Ferrari-Traum

Frage: "Du bist nie für Ferrari gefahren, aber auch nie für McLaren, wie unserem Leser Marcel (@StarkTarg130212) aufgefallen ist. Er fragt sich: Hättest du gerne in Woking unterschrieben?"
Villeneuve: "McLaren? Nein! Ferrari? Ja. McLaren ist nicht Ferrari. Ferrari ist das Juwel. Wenn man sich die aktuellen Ergebnisse ansieht, dann will doch niemand für McLaren fahren. Sie sind wie Williams, wenn man die Geschichte betrachtet. Nicht wie Ferrari."


Fotostrecke: Michael Schumacher: Die Ferrari-Jahre

Frage: "Also war es dein Wunsch, in Rot auf die Strecke zu gehen?"
Villeneuve: "Nicht, als ich noch aktiv war. Michael (Schumacher; Anm. d. Red.) war immer dort, also gab es nie die Möglichkeit. Heute glaube ich, dass es toll gewesen wäre, einige Jahre bei Ferrari zu verbringen. Aber es war unmöglich. Natürlich hätte ich mich gerne dem Vergleich gestellt, aber Michael hätte das nicht zugelassen. Imagemäßig wäre es mit der Erinnerung an meinen Vater auch eine zu große Sache gewesen."

Villeneuve vermisst Respekt vor routinierten Piloten

Frage: "Es gab noch das ominöse Stefan-GP-Projekt und eine angebliche Sitzanpassung..."
Villeneuve: "Ich weiß nicht, ob es überhaupt ein Team gab! Keine Ahnung, was es war! Ich war damals zufällig in der Gegend und bekam einen Anruf. Es hieß: 'Komm', lass uns eine Sitzanpassung machen.' Ich hatte aber nie einen Vertrag. Toyota ging es ähnlich. Sie haben weiter an ihrem Auto gearbeitet, weil sie Stefan GP wirklich für ein Team hielten. Aber es war offenbar nicht der Fall."

"Es heißt, man müsste 20 Jahre oder jünger sein, sonst hätte man in der Formel 1 nichts zu suchen." Jacques Villeneuve

Frage: "Und heute mit 44 Jahren? Könntest du dir vorstellen, ein Formel-1-Comeback zu starten? Das würde unseren Leser Ninja3116 (@Ninja31160) brennend interessieren."
Villeneuve: "Wieso nicht? Die Autos sind nicht schwierig zu fahren. Piloten kommen ohne jede Erfahrung, springen in das Cockpit und sind sofort schnell. In den Kurven sind die Boliden viel langsamer unterwegs als zu meiner aktiven Zeit. Es wäre kein Problem. Aber ich mache mir keine Gedanken darüber, denn die Möglichkeit wird es nie geben. Die Leute reden darüber, dass McLaren Jenson Button loswerden sollte, weil er zu alt wäre. Dabei fährt er gut. Es herrscht die Meinung vor, man müsste 20 Jahre alt oder sogar jünger sein, sonst hätte man in der Formel 1 nichts zu suchen. Es gibt keinen Respekt vor der Erfahrung seitens Fans und Medien."

"Heute schauen mich viele an und denken: 'Wer ist der Kerl?'"

Frage: "Wie sieht dein Verhältnis zu den aktuellen Formel-1-Piloten aus? Hamel (@HamelVilleneuve) überlegt, ob du mit einigen von ihren noch in regelmäßigem freundschaftlichen Kontakt stehst?"
Villeneuve: "Nein, nicht wirklich. Sie haben überhaupt nicht gelernt, was die Formel 1 einmal gewesen ist. Sie wissen gar nicht, wer vor 15 Jahren gefahren ist. Ich wusste damals, wer Emerson Fittipaldi war, wer Niki Lauda war - die ganzen Jungs, die vor 30 oder 40 Jahren unterwegs waren. Ich hatte großen Respekt vor ihren Leistungen. Heute schauen mich viele an und denken: 'Wer ist der Kerl?' Und meine Zeit ist nicht so lange vorbei. Aber sie wissen nicht einmal, wer Mika Häkkinen ist. Ihnen fehlt eine Motorsport-Kultur. Das ist schon merkwürdig und seltsam."

Jacques Villeneuve

Jacques Villeneuve fährt bald in der Formel E - und ist stets im Formel-1-Paddock Zoom

Frage: "Lässt sich dagegen etwas unternehmen?"
Villeneuve: "Nichts. Es ist schlichtweg zu einfach, in die Formel 1 aufzusteigen. Es ist gar nicht nötig, sich durch die Serien zu arbeiten. Viele kommen einfach an und sagen: 'Hier sind zehn Millionen, lass' mich fahren!' Es ist ganz anders."

Frage: "Zu einem ganz anderen Thema: Wie oft besuchst du in Salzburg noch deinen ehemaligen Physiotherapeuten Erwin Göllner?"
Villeneuve: "Anlässlich des Österreich-Grand-Prix bin ich im vergangenen Jahr für ein gemeinsames Abendessen vorbeigefahren. Wir sprechen von Zeit zu Zeit. Aber mir fehlt der Freiraum. Ich habe meine Verpflichtungen in der Formel 1, jetzt auch in der Formel E. Es ist etwas anderes, wenn man Frau und Kinder hat. Wir haben 1996 zusammen einen Simulator mit der originalgetreuen Sitzposition gebaut, um die Muskulatur zu trainieren. Heute hilft er jungen Piloten in der GP2 und anderen Serien."

Frage: "Prima! Dann könntest du doch ein Geschäft daraus machen und ihn verkaufen."
Villeneuve: "Nein! Die Formel 1 ist doch überhaupt nicht mehr physisch belastend. Die Fahrer wiegen 50 Kilogramm und alles sieht einfach aus."