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"Unglaublich unausgereift": Wieso die Halo-Einführung platzte

Wieso der Cockpitschutz Halo 2017 doch nicht eingeführt wird, wie die weitere Marschroute aussieht und wieso Alex Wurz vor einem folgenschweren Irrtum warnt

(Motorsport-Total.com) - Eigentlich hatten sich die Teams bereits auf die Einführung des Cockpitschutzes Halo im Jahr 2017 geeinigt, doch bei der Sitzung der Strategiegruppe am Donnerstag in Genf wurde der "Heiligenschein", der den Kopf des Fahrer vor herbeifliegenden Objekten schützen soll, dann doch auf 2018 verschoben. Und zwar einstimmig: Die sechs Teams, die FIA und Bernie Ecclestone sprachen sich dagegen aus. Damit ist das System, das wegen seiner umstrittenen Ästhetik in der Kritik war, vorerst abgeblitzt.

Pierre Gasly, Halo

Pierre Gasly hatte bei seinem Halo-Kurzeinsatz klaustrophobische Zustände Zoom

Die FIA könnte die Einführung 2017 zwar noch mit dem Sicherheitsargument durchboxen, doch selbst das gilt als ausgeschlossen, schließlich ist die Entwicklung der neuen Boliden schon zu weit fortgeschritten, um noch eine Kehrtwende zu machen. "Die Regeln waren vorbereitet, alles war getestet, aber die Strategiegruppe hatte das Gefühl, dass es den Fahrern an Erfahrung damit mangelt", erklärt FIA-Rennleiter Charlie Whiting die Gründe für die Entscheidung. "Dieser mangelnde Input vereitelte die Einführung."

Eigentlich hätte Halo in Spa und Monza im Training von den Teams eingesetzt werden sollen, durch die Einführung nun verschoben wurde, hat man etwas Zeit gewonnen. Dennoch fordert Whiting: "Jeder Fahrer muss Halo diese Saison in einem gesamten Freien Training einsetzen. Die Teams können sich den Ort aussuchen." Zum Einsatz soll eine Attrappe kommen.

Gasley litt bei Halo-Test unter Platzangst

Sebastian Vettel, Halo

Vettel testete das überarbeitete Halo-System in Silverstone Zoom

Grund für die Absage ist die Tatsache, dass bislang nur die beiden Ferrari-Piloten Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen sowie Red-Bull-Tester Pierre Gasly Halo ausprobierten. "Und das nur für eine Runde", wirft der Brite ein. "Die Aussagen über die Sicht reichen uns noch nicht." Zumal der Franzose, der mit einer Spezialbrille inklusive Kamera unterwegs war, damit auch die FIA einen Eindruck der Sicht bekommt, über klaustrophobische Zustände klagte.

"Er fand es nicht sehr angenehm - und das nach nur zwei Runden", erklärt Whiting. "Wir wissen also nicht, was passiert, wenn ein Fahrer länger damit fährt." Generell sei die Sicht aber besser als bei einem LMP1-Auto gewesen. Das haben die Aufzeichnungen ergeben.

Mehr Gefahr, mehr Zuschauer? Wurz sieht keine Zusammenhang

Gar nicht glücklich mit der Entscheidung ist GPDA-Präsident Alex Wurz. Der Österreicher, der sich für Halo stark gemacht hatte, hält den Aufschub gegenüber der 'BBC' für ein Signal, dass "das Geschäft wichtiger ist als die Sicherheit. Es ist viel mehr als eine Entscheidung gegen Halo oder einen Cockpitschutz."

"Ich hoffe wirklich, dass wir diese Entscheidung nicht eines Tages bitter bereuen werden." Alex Wurz

Damit spielt er darauf an, dass sich vor allem Formel-1-Boss Ecclestone massiv gegen eine Einführung quergelegt hatte, weil er durch das Aussehen des Systems und die immer geringer werdende Gefahr einen weiteren Zuschauerrückgang befürchtet.

Wurz sieht diesbezüglich gegenüber 'Sky Sports F1' keinen Zusammenhang: "In den 1960er-Jahren starb bei jedem siebten Rennen ein Fahrer, aber 2009 hatte die Formel 1 die meisten TV-Zuschauer. Diese Zahl stieg immer weiter an, während die Zahl der Unfalltoten genau in die entgegengesetzte Richtung ging. Warum brauchen wir also Gefahr, damit die Popularität größer wird? Außerdem könnte es Halo sogar ermöglichen, dass die Fahrer noch schneller und aggressiver fahren."

Wurz warnt vor möglicher Katastrophe

Alexander Wurz

Alex Wurz setzt sich in der Formel 1 im Namen der Fahrer für Halo ein Zoom

Auch das Aussehen sieht Wurz nicht als Problem: "Halo ist ästhetisch nicht gerade ansprechend, aber es wird noch verbessert. Das gilt auch für das Aussehen. Außerdem ist das System in der Lage, Leben zu retten. Das haben wissenschaftliche Untersuchungen von FIA-Sicherheitsexperten ergeben."

Der ehemalige Formel-1-Pilot warnt davor, dass die Entscheidung fatale Folgen haben könnte: "Ich hoffe wirklich, dass wir diese Entscheidung nicht eines Tages bitter bereuen werden." Darauf angesprochen meint Whiting: "Darüber haben wir nachgedacht. Aber es hätte auch sein können, dass wir zu Saisonbeginn ein Problem mit der Sicht haben, weil das System nicht ordentlich getestet wurde."

Kommt der unsichtbare Halo?

Neben der Windschutzscheibe, die optisch zumindest etwas besser ankam, aber bei einem Frontalcrash zu große Sicherheitsmängel hat, wird in der Formel 1 derzeit über ein ausfahrbares Halo-System diskutiert, so wie er in der Serie in Form eines Überrollbügels längst verwendet wird. Über Sensoren sollen herannahende Objekte erkannt werden, wodurch das System aktiviert wird. Dadurch wäre das Ästhetikproblem gelöst. Whiting ist aber skeptisch, dass das auch in der Formel 1 funktioniert könnte: "Für mich sieht das technisch nicht umsetzbar aus. Ich weiß nicht, wie die Sensoren das rechtzeitig erfassen sollen."


"Halo"-Konzept: Überrollbügel im FIA-Crashtest

Neben Tests mit Jet-Kanzeln wurde 2011 auch ein Überrollbügel, Vorgänger zum akutellen "Halo"-Konzept, von der FIA getestet Weitere Formel-1-Videos

Die Teams sind im Gegensatz zu Wurz mit der Entscheidung zufrieden. "Wie um Himmels Willen kann man ein unausgereiftes System einführen, das zu weiteren Problemen führen könnte und mit dem nur zwei Fahrer und ein Testfahrer eine Installationsrunde absolviert haben?", regt sich Red-Bull-Teamchef Christian Horner gegenüber 'Sky Sports F1' auf.

Horner & Fernley: System viel zu unausgereift

Außerdem sei nicht gesagt, dass das System die Formel 1 definitiv sicherer macht. "Bei Massas Unfall hätte die Feder auch vom Halo auf seinen Oberkörper abgelenkt werden können", spekuliert der Brite. Und der stellvertretende Force-India-Teamchef Robert Fernley findet die Argumente der FIA, dass Henry Surtees und Justin Wilson bei ihren Unfällen durch Halo gerettet worden wären, unpassend: "Surtees Unfall wäre durch die aktuellen Stahlseile, mit denen die Räder befestigt sind, vielleicht gar nicht passiert. Und einen Unfall, der in einem Indy-Oval passiert, können wir nicht mit der Formel 1 vergleichen."

Zudem biete das Halo-System, das auch Jules Bianchis Leben nicht gerettet hätte, nicht den notwendigen Schutz, der eine Einführung rechtfertigt: "Selbst mit Halo sind wir Objekten, die frontal kommen, immer noch zu 83 Prozent ausgeliefert. Das reicht nicht und ist für uns inakzeptabel. Das System ist für uns unglaublich unausgereift."

Einer, der Halo überhaupt für unnötig hält, ist der ehemalige McLaren-Teammanger Jo Ramirez, der zwischen den 1960er-Jahren und der Jahrtausendwende in der Formel 1 tätig war. Der Mexikaner bezeichnet den Cockpitschutz im Rahmen der Oldtimer-Rallye Ennstal Classic für "das Ende des Monoposto-Sports. Ich hoffe, dass Bernie Ecclestone, Niki Lauda, Lewis Hamilton und alle anderen wirklichen Racer es verhindern werden. Wenn die Fahrer es haben wollen, dann sollen sie in Le Mans LMP1-Prototypen fahren."

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