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Toro Rosso: John Booth mehr Guru als Messias

Mit dem ehemaligen Marussia-Teamchef John Booth will Toro Rosso endlich Vorschusslorbeeren ernten, die ihnen vor der Saison zugesprochen wurden

(Motorsport-Total.com) - Trotzdem Toro Rosso erst Ende 2015 kurzfristig von Renault-Antriebseinheiten auf Ferrari-Motoren wechselte, sagten Experten dem Red-Bull-Schwesterteam einen Sensations-Saisonauftakt voraus. Trotzdem das italienische Aggregat ein Vorjahresmodell ist, überzeugte das Team aus Faenza bei den Tests in Barcelona mit einem tollem Chassis und Rundenzeiten, die Red Bull Konkurrenz machen sollten. Trotz all dieser Vorschusslorbeeren blieb die Mannschaft aber bisher einen Beweis ihres Potentials schuldigen. Kann John Booth die letzten Puzzleteile zusammenfügen?

John Booth

Um die Personalie Booth gab es in Sotschi viele Spekulationen Zoom

Der ehemalige Marussia-Teamchef wurde bei Toro Rosso als Renndirektor eingestellt um eins und eins zusammenzuzählen. "Wir haben viele Leute die unheimlich viel Detailarbeit erledigen", erklärt der Technische Direktor James Key. "John soll uns helfen, einen Schritt zurückzugehen, das Gesamtbild zu betrachten und einzuschätzen, ob wir einige Dinge nicht anders zusammenfügen können."

Max Verstappen und Carlos Sainz haben mit dem STR11 in vier Rennen nur 17 Punkte einfahren können. In der Gesamtwertung der Konstrukteure liegen sie auf Rang sechs, noch hinter dem Neueinsteigerteam Haas. Dabei gehört ihre größte Sorge der Vergangenheit an: die Zuverlässigkeit. Der defektanfällige Renault-Motor hatte sie 2015 immer wieder aus dem Mittelfeldkampf geworfen. Eine "veraltete" Ferrari-Antriebseinheit im Heck zu haben, ist da ein Vorteil.


Fotos: Toro Rosso, Großer Preis von Russland


Und doch blitzen die nahmen der jungen Bullen nur Gelegentlich in der oberen Tabelle auf. "Wir waren in Australien im Qualifying sehr gut, konnten aber daraus im Rennen keine Profit schlagen", erklärt Sainz. "In Bahrain kam ich nicht ins Ziel, also konnten wir nicht zeigen, wie schnell das Auto dort war. In China haben wir mit den Plätzen acht und neun das Maximum herausgeholt. Das Auto ist gut, aber nicht gut genug, um in jedem Rennen auf Platz fünf zu kommen. Es ist eher gut für Platz acht oder in manchen Rennen für Platz sieben."

Und plötzlich klingen die prophezeiten Red-Bull-Herausforderer wieder ganz bescheiden. "Wir haben keine Zuverlässigkeitsprobleme und fahren Punkte ein, es sieht also nicht schlecht aus", sagt Verstappen. "Natürlich wollen wir mehr Punkte, wie jeder andere auch. Aber wir bewegen uns in die richtige Richtung. Wir versuchen immer unser Bestes. Auch wenn wir eine 2016-Antreibseinheit hätten, wäre der Druck aufs Team groß, weil man so viele Punkte wie möglich sammeln muss. Wir versuchen einfach in jedem Rennen den bestmöglichen Job zu erledigen. Wenn das nur Platz neuen bedeutet, ist es eben so."

Mit Rennkollisionen und ungelegenen Safety-Car-Phasen kann man dem Team sicherlich auch einen gewissen Anteil Pech zusprechen. Und ein Chassis innerhalb weniger Wochen auf eine neue Antriebseinheit zuzuschneidern mag Effektivitätsrückstände erklären. Aber die Zeit drängt. Die Konkurrenz wird über die Saison mit Motorenupdates ausgestattet werden. Toro Rosso kann nur aerodynamisch kontern.

"Die Formel 1 ist noch komplexer geworden mit den neuen Reifenvorgaben, den Setups, der Funkeinschränkung uns so weiter. Ein konkurrenzfähiges Auto und talentierte Fahrer zu haben, wie es bei uns der Fall ist, reicht da nicht mehr aus", räumt Teamchef Franz Tost ein und verweist darauf, was Booth für seine Mannschaft leisten soll: "Ich bin mir sicher, dass uns John mit seiner enormen Erfahrung helfen kann uns zu verbessern und die Rennwochenende effektiver zu gestalten."

Carlos Sainz, John Booth

Mit dem Team konnte sich John Booth in Russland bereits anfreunden Zoom

Wie auch immer das dem 61-Jährigen gelingen soll, im Team sorgt die neue Personalie schon mal für Aufbruchsstimmung. "Eine erfahrene Personalie wie in dazuzugewinnen wird uns sicherlich nicht schlechter, sondern ein wenig besser machen", sagt Sainz. "Ich denke, er wird erst einmal alles analysieren und schauen, wie wir arbeiten und dann wird er uns Tipps geben. Ich bin sicher, dass er helfen kann und kann nur Positives daran finden, dass er zu uns gekommen ist."

"Für mich ändert sich dadurch nicht viel, aber es ist ein Mann mehr mit einer Menge Erfahrung, der dem Team Ratschläge geben kann", findet Verstappen. "Es ist immer besser jemanden wie John an Bord zu haben, der das Team antreibt. Er wird sich alle anschauen und uns sagen, was er davon hält."

Der 18-Jährige und sein 21-Jährige Teamkollege könnten besonders von Booth profitieren. Schließlich kann dieser auf eine erfolgreiche Laufbahn als Ausbilder namenhafter Talente wie Kimi Räikkönen und Lewis Hamilton zurückblicken, denen er schon in den Nachwuchsserien auf die Sprünge half. Hinter vorgehaltener Hand munkelt man im Fahrerlager, er würde als Puffer zwischen den jungen Wilden und Teamchef Tost eingesetzt. Denn aufmüpfiges Verhalten, wie von Verstappen in Melbourne, hat im Team in der Vergangenheit für Unruhe gesorgt.


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Als krisensicher gilt Booth auch. Gemeinsam mit Sportdirektor Graeme Lowdon hat er Marussia durch die Insolvenz geführt und in der Königsklasse gehalten. Ende 2015 sollte dann eigentlich Schluss sein mit der Formel 1. "Ende vergangenen Jahres war ich einfach ausgebrannt und hatte das Gefühl nicht mal mehr ein Rennauto ansehen zu können", erklärt er. "Aber nach einem Winter Abwesenheit... wenn ich die Chance abgeschlagen hätte, hätte ich das mein ganzes Leben lang bereut. Ich fühle mich wirklich geehrt hier sein zu dürfen."

Eine beratende Rolle, nicht die eines punktebringenden Messias soll Booth also einnehmen. Den Rest muss das Team schon selbst schaffen. "Was die Punkte angeht bleiben wir bisher unter unserem Potential", so Key. "Das hat verschiedene Gründe. Es gibt keinen bestimmten Bereich, in dem man eine Schwäche ausmachen könnte. Viele verschiedene Umstände haben uns Punkte gekostete und davon müssen wir uns erholen. Dafür ist John aber nicht hier. Er ist hier um uns zu beraten. Er wird in den kommenden Monaten mit zu den Rennen kommen und uns helfen, wo er kann."

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