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Timo Glock: "Carlos Sainz mit der Familie Todt gut verbandelt"

Sebastian-Vettel-Kenner Timo Glock spricht über die Risse, die es bei Ferrari gegeben hat, und die schwindenden Chancen seines Kumpels auf ein Formel-1-Cockpit 2021

(Motorsport-Total.com) - Für den ehemaligen Formel-1-Piloten Timo Glock, einen guten Bekannten von Sebastian Vettel, kamen die jüngsten Entwicklungen auf dem Fahrermarkt nur zum Teil überraschend. Dass sich sein Kumpel Vettel von Ferrari verabschieden würde, hat Glock aber kommen sehen, wie er in einem Interview mit dem Podcast 'Starting Grid' verrät.

Timo Glock

Timo Glock fürchtet, dass Sebastian Vettel 2021 nicht mehr Formel 1 fahren wird Zoom

Geknirscht habe es bereits zuvor, aber spätestens Ferraris Heim-Grand-Prix in Italien 2019, wo es im Qualifying zu einem (angeblichen) Missverständnis zwischen Vettel und Teamkollege Charles Leclerc kam (der dann am Sonntag auch noch das Rennen gewann), sei ein Wendepunkt in der Beziehung zwischen dem viermaligen Weltmeister und seinem Arbeitgeber gewesen, glaubt Glock.

"Monza war in meinen Augen für ihn selbst so ein bisschen der Punkt", sagt der heutige RTL-Experte und BMW-DTM-Werksfahrer. Dann habe es "das Thema in Russland" gegeben, "wo es ständig Diskussionen am Funk gab. Brasilien brauchen wir gar nicht drüber reden - das war natürlich auch ein Thema."

"Das hat sich alles zusammengestaut, und das sind die Punkte, wo er gemerkt hat: 'Erstens ist einer da, der ist auf Augenhöhe mit mir. Der hat einen sehr starken Background mit Todt.' Und somit wusste er, dass er vielleicht so ein bisschen den Rückhalt von Ferrari verliert." Denn: "Ferrari hat sich mit einem Fünfjahresvertrag relativ klar positioniert, wer die Zukunft bei Ferrari ist."

Das Todt-Netzwerk und Ferrari ...

Hintergrund: Leclerc wird von Nicolas Todt gemanagt, dem Sohn des ehemaligen Ferrari-Teamchefs und heutigen FIA-Präsidenten Jean Todt. Dessen Machtnetzwerk, so kritisieren Verschwörungstheoretiker, reiche weit nach Maranello hinein. Und politische Machtspielchen waren noch nie Vettels Stärke.

Das ist bei Leclerc und auch bei Vettel-Nachfolger Carlos Sainz anders: "Carlos Sainz ist mit der Familie Todt gut verbandelt, die kennen sich gut. Somit ist der Austausch da relativ schnell da", unterstellt Glock. "Ich glaube, da hat man sehr schnell einen Weg gefunden, vertraglich die Situation aus dem Weg zu räumen."

Sainz Vater Carlos sen., ebenfalls einer, der das politische Spielchen in der Formel 1 versteht, habe "natürlich Einfluss" auf den Wechsel von McLaren zu Ferrari gehabt. "Aber Nicolas Todt hat auch großen Einfluss und hat eine Plattform gefunden für Charles Leclerc, wo er weiß: 'Okay, da konzentriert sich alles auf Ferrari, und wir ziehen jemanden dran, der jung ist, schnell ist - aber den wir noch ein bisschen steuern können.'"

Denn Sainz, so vermuten es Insider wie Flavio Briatore, wurde bei Ferrari als schnelle, aber letztendlich kontrollierbare Nummer 1b für Leclerc geholt. Dafür wird der junge Spanier ein gutes Schmerzensgeld kassieren: Sein bisheriges McLaren-Gehalt von drei Millionen Euro pro Jahr hat Ferrari verdoppelt - und könnte laut Medienberichten durch Erfolgsprämien im besten Fall auf bis zu neun Millionen Euro ansteigen.

Themen, die für Vettel nicht mehr oberste Priorität haben. Dem viermaligen Weltmeister geht's in seiner Karriere nicht mehr um Geld, sondern um ein glückliches Leben. Seine Chancen auf eine Fortsetzung der Formel-1-Karriere aber "schwinden gerade sehr deutlich", befürchtet Glock.

"Ich weiß nicht, ob er es sich nochmal antun will, in ein Team einzusteigen, wo er weiß, dass er nicht um die WM fahren kann. Wenn er Spaß am Rennfahren hat, so, wie es Kimi Räikkönen gemacht hat, klar, dann gibt's Optionen. Aber wenn er sagt: 'Ich fahre mit, um Weltmeister zu werden!' Dann wird's grad schwierig."

Vettel: Lieber zu Hause bei der Familie?

Zumal Vettels Leben auch ohne die Rennfahrer- und Reiserei erfüllt wäre. Zu Hause in der Schweiz hat er mit Ehefrau Hanna und seinen drei Kindern eine Familie, die sich über ein ruhigeres Leben vermutlich freuen würde. Und die Chance, die eigenen Kinder bewusst und ohne Terminstress aufwachsen zu sehen, hat er nur, wenn er den Helm in der Formel 1 an den Nagel hängt.


Fotostrecke: "Grazie ragazzi": Sebastian Vettels Ferrari-Momente

"Das ist definitiv ein Thema, das in seinem Kopf ist, als er gemerkt hat, dass die Zeit zu Hause mit den Kindern auch schön ist. Die viele Reiserei, das hat er mit Sicherheit in Frage gestellt und wird ein Thema sein", gibt Glock der ersten Einschätzung nach der Ferrari-Bekanntgabe des Abschieds von Vettel recht.

In der Presseaussendung zum Scheitern der Verhandlungen hatte Vettel von veränderten Prioritäten gesprochen - ein Indiz, das viele so werten, dass ihm sein Familienleben immer wichtiger wird und er die Formel 1 nur noch als wunderschöne Nebensache (aber eben auch nicht mehr) empfindet.

Glock, selbst Familienvater, sagt: "Wenn man die Worte liest in der Pressemitteilung, dann kann man so ein bisschen in die Richtung schließen, dass er es momentan genießt, zu Hause zu sein, Zeit mit den Kindern zu verbringen, mit der Familie. Und sich nicht permanent dem Reisestress und dem Druck aussetzen muss. Das hat auch seine angenehmen Seiten."

Übrigens: Das komplette Interview mit Timo Glock über die Möglichkeit eines Mercedes-Ausstiegs aus der Formel 1, den 2010er-Toyota, mit dem er vielleicht Weltmeister geworden wäre, und die Zukunft der krisengeschüttelten DTM gibt's jetzt zum Nachhören in voller Länge (1:20 Stunden) im Audioplayer auf Motorsport-Total.com, bei iTunes oder bei unserem Kooperationspartner meinsportpodcast.de.