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Silverstone 1973: Der größte Massencrash bis Spa 1998

In Silverstone fand 1973 der größte Massencrash der Formel 1 bis Spa 1998 statt - Zeitzeugen erinnern sich an den Unfall, der von Jody Scheckter ausgelöst wurde

(Motorsport-Total.com) - 1973 löste Jody Scheckter in Silverstone einen der schlimmsten Unfälle der Formel-1-Geschichte aus. Am Ende der ersten Runde des Großen Preises von Großbritannien liegt Youngster Scheckter auf Rang vier, als sein McLaren am Ausgang der ultraschnellen Woodcote-Kurve zu weit nach außen rutscht.

Roger Williamson

Neun Autos wurden in den Massencrash in der ersten Runde verwickelt Zoom

In den folgenden Unfall werden neun Fahrzeuge verwickelt, wodurch er zu einem der berühmtesten Massenunfälle der Formel 1 wird - vermutlich nur hinter dem Crash am Start zum Belgien-Grand-Prix 1998.

Erstaunlicherweise ist Andrea de Adamich der einzige Fahrer, der dabei Verletzungen davonträgt. Fast eine Stunde dauert es, um ihn aus seinem Brabham BT42 zu schneiden. Der Italiener muss seine Karriere im Formelsport anschließend beenden.

"Wir haben am linken Hinterreifen auf eine härtere Mischung gewechselt", erinnert sich Scheckter. "Ich glaube nicht, dass wir zuvor damit gefahren waren. Aber wir haben es für das Rennen gemacht, weil wir nicht dachten, dass der weichere Reifen halten würde. Alle Kurven waren Rechtskurven, und Woodcote ging zwar nicht Vollgas, aber fast."

"Ich war schon halb durch, als das Auto plötzlich rutschte und ich auf den Dreck kam. Ich drehte mich zur Seite und meine Vorderräder blockierten komplett. Ich dachte, dass ich die Bremse lösen könnte und das Auto dann vorwärts rollen würde, sodass ich weiterfahren kann, aber ich fuhr direkt in die Mauer", schildert er weiter.

"Ich schaute nach oben, und Autos fuhren einfach ineinander, bevor sie mich trafen. Ich sah nach unten, und es schien ziemlich ruhig zu sein, also wollte ich aussteigen. Dann sah ich wieder nach oben und sie crashten immer noch", so Scheckter.

Unfall 1973

Jody Scheckter löste den Unfall aus, als er auf das Gras kam Zoom

"Damals gab es noch nicht so viele Regeln wie heute. Heutzutage würden sie mich für ein paar Rennen aus dem Verkehr ziehen. Ich stieg aus und fragte nach dem Ersatzauto, aber unser Teammanager Phil Kerr sagte, ich sollte mich verstecken! Mir wurde das Leben richtig schwer gemacht."

"Wenn ich vielleicht etwas langsamer gefahren wäre, wäre ich nicht abgeflogen. Vielleicht war ich im Alter etwas vorsichtiger. Aber verunfallen und eine gute Leistung zeigen, liegen manchmal eng beisammen. Darum geht es im Rennsport", so der Südafrikaner.

"In jungen Jahren hat mich das nicht gejuckt. Ich hasste den Gedanken, dass jemand bei einem Unfall von mir verletzt werden würde, aber man denkt nicht, dass man selbst verletzt wird. Das erste Mal, als ich gemerkt habe, dass ich verletzt werden könnte, war beim tödlichen Unfall von Francois Cevert. Ich war der Erste am Unfallort ..."

De Adamich: Ich verurteile Scheckter nicht

Wie Unfallopfer Andrea de Adamich den Unfall erlebt hat, das hat er in einem Interview erzählt:

Frage: "Woran erinnern Sie sich bei dem Unfall?"
Andrea de Adamich: "Leider erinnere ich mich noch an alles. Ich habe nie das Bewusstsein verloren. Erst als alles vorbei war und ich in den Rettungswagen transportiert wurde, verschwand mein Geist."

"Im alten Silverstone sind wir vor den Boxen mit Vollgas bei 160 Meilen pro Stunde unterwegs gewesen - und das mit vollen Tanks. Wenn du siehst, dass vor dir etwas passiert, dann denkt der Fahrer nur daran, wie er am besten durch die anderen Autos kommen kann, ohne Zeit zu verlieren."

"Ich habe vor mir eine gute Lücke gesehen, bin von der Bremse gegangen und habe angefangen zu beschleunigen. Gleichzeitig wurde der BRM von Jean-Pierre Beltoise von hinten von jemand anderem getroffen und um 90 Grad nach links gedreht. Damit war meine Lücke geschlossen."

"Ich fuhr mit meiner Nase richtig hart in den Motor des BRM, und mein Brabham wurde in die Leitplanke geschickt, wo ich noch einmal einen Unfall hatte."

Frage: "Warum hat es so lange gedauert, Sie aus dem Auto zu holen?"
De Adamich: "Es hat 52 Minuten gedauert. Das Hauptproblem waren die vollen Benzintanks. Die Tanks um meinen Sitz und das Cockpit waren ziemlich beschädigt."

Andrea de Adamich

Über 50 Minuten dauerte die Bergung von Andrea de Adamich Zoom

"Die Armaturen und Plastikgehäuse wurden von röhrenförmigen Elementen gestützt, die in meine Beine zusammengebrochen waren. Um mich herauszuholen, musste man das Auto längs aufschneiden, um die seitlichen Tanks nicht zu zerstören."

"Die Streckenposten nutzten auch Wasserstrahlschneider, um Funken zu vermeiden. Das wäre mit dem Benzin und den Dämpfen riskant gewesen."

Frage: "Welche Verletzungen haben Sie davongetragen?"
De Adamich: "Ich habe mir das linke Knie und den rechten Knöchel ziemlich übel gebrochen. Aber am schlimmsten war der linke Knöchel. Ich konnte drei Monate lang nicht aufstehen."

Frage: "Scheckter wurde hart kritisiert. Hat er es übertreiben?"
De Adamich: "Ich verurteile Jody für den Unfall nicht. Es war ein Fehler. Aber ich kritisiere seine Unhöflichkeit. Er hat weder mich noch mein Team je angerufen, um eine schnelle Rückkehr zu wünschen."

Fittipaldi-Brüder: Knapp vorbei!

Die Brüder Emerson (Lotus) und Wilson (Brabham) Fittipaldi kämpften Rad-an-Rad, als der Unfall von Scheckter passierte. "Es war genau vor mir", erinnert sich Emerson. "Das Rennen war etwas ganz Besonderes. Meine Mutter wollte nie zuschauen. Sie kam zu den Rennen, blieb aber auf dem Parkplatz. Ich habe ihr gesagt: 'Du wirst so nervös. Du solltest dir einen Grand Prix anschauen."

"Sie ging auf die Garagen und schaute ... in Woodcote! Nach dem Rennen sagte sie, dass sie nie wieder ein Rennen anschauen würde. Das war zu viel für sie" sagt der Brasilianer. "Mein Bruder und ich kamen knapp davon."

Jochen Mass

Von vielen Autos - hier Jochen Mass - blieb nur Schrott übrig Zoom

"Ich habe die schwarze Nase von Emersons Lotus neben mir gesehen", erinnert sich Bruder Wilson. "Als wir aus der Kurve kamen, habe ich nach vorne gesehen. Jody stand komplett seitlich. Ich habe mich gefragt, ob ich lieber auf der Straße bleiben oder ins Gras ausweichen soll."

"Meine Entscheidung hieß Gras, aber ich fuhr auch seitwärts. Emerson wich ebenfalls auf das Gras aus und wir kamen geradeso vorbei."

Die Konsequenzen

Peter Revson konnte das Rennen schließlich für McLaren gewinnen, doch der Unfall sorgte nicht gerade dafür, dass Scheckters Ruf, schnell und wild zu sein, sich änderte.

"Die Mentalität war damals eine andere, weil so viele Leute ums Leben kamen", sagt Jackie Stewart, der in dem Jahr seinen dritten WM-Titel holte und seine Karriere beendete. "Die Fahrergewerkschaft traf sich bei jedem Grand Prix. Einem jungen Fahrer, der auf der Rennstrecke ein Hooligan war, wurde Disziplin eingebläut. Drei GPDA-Mitglieder kamen auf dich zu und redeten mit dir."

Hat nach Silverstone jemand mit Jody Scheckter gesprochen? "Oh ja ...", sagt Stewart.

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