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Als Formel-1-Piloten noch richtige Männer waren...

Jackie Stewart erinnert sich an eine Zeit, als man sich noch ausrechnen konnte, wann der nächste Fahrer sterben würde

(Motorsport-Total.com) - Mehr als zehn Jahre ist es nun schon wieder her, dass die Formel 1 an ihrem schwärzesten Wochenende erst Roland Ratzenberger und einen Tag später die Legende Ayrton Senna in Imola verloren hat. Die Sicherheitsstandards in der Königsklasse sind inzwischen so hoch, dass tödliche Unfälle äußerst unwahrscheinlich geworden sind. Das war aber nicht immer so.

Ken Tyrrell und Jackie Stewart

Jackie Stewart, seit 2001 offiziell ein Sir, 1969 mit Ken Tyrrell in England Zoom

Einer, der die Formel 1 noch erlebt hat, als die Rennfahrerfrauen noch jeden zweiten Sonntag um ihre Männer beten mussten, ist Jackie Stewart. Der Schotte hätte eigentlich nie in den Motorsport einsteigen sollen, wenn es nach seinen Eltern gegangen wäre, doch dadurch, dass auch sein Bruder Jimmy eine Leidenschaft für schnelle Autos hatte, die 1953 sogar zu einem Start beim britischen Grand Prix führte und von der Familie toleriert wurde, konnte man Jackie schlecht Steine in den Weg legen.#w1#

Stewart litt schon als Schüler unter einer Lesestörung

Der heute 65-Jährige war kein besonders guter Schüler, wusste damals jedoch noch nicht, dass er an einer inzwischen wissenschaftlich bestätigten Lesestörung litt. Also suchte er sich andere Beschäftigungen, in denen er wesentlich besser abschnitt: Zuerst versuchte er, sich als Tontaubenschütze für die Olympischen Spiele 1960 in Rom zu qualifizieren, anschließend verfolgte er das Ziel, es als Rennfahrer bis zum Gewinn der Formel-1-Weltmeisterschaft zu bringen.

Nachdem er bei einem Test in Goodwood einen gewissen Bruce McLaren hatte alt aussehen lassen, nahm Ken Tyrrell Stewart für die Formel 3 unter Vertrag. Der logische Aufstieg in die Formel 1 folgte 1965, als er für BRM beim Premieren-Grand-Prix am 1. Januar in East London Sechster wurde und am 12. August desselben Jahres in Monza seinen ersten von insgesamt 27 Siegen feierte. Auch 1966 und 1967 fuhr Stewart für BRM.

1968 wechselte er zurück zu Tyrrell, wo er seine größten Erfolge feiern sollte: Stewart gewann die Weltmeisterschaften 1969, 1971 und 1973, zog sich aber im Jahr seines letzten Titels vor seinem geplanten letzten Start in Watkins Glen überraschend zurück, weil er den Tod seines Freundes François Cévert im Training nicht verkraftete. Nach 99 Grands Prix, 27 Siegen, 17 Pole Positions, 15 schnellsten Rennrunden, 359 Punkten und drei WM-Titeln gab er seinen Rücktritt bekannt.

"Mein Sohn Paul hat gefragt, wann ich sterben werde'

Aber was hat ihn dazu bewogen, in der Folge nie wieder an einem Autorennen teilzunehmen? "Ich habe meine Freunde sterben gesehen. Ich habe gesehen, was meine Frau durchmachen musste", erklärte er der 'Times' im Interview. "Sie haben mir erzählt, dass mein Sohn Paul gefragt hat, wann ich sterben werde, und ich erkannte das nervöse Ticken, das er entwickelte. Deswegen habe ich aber nicht aufgehört. Ich habe auch nicht aufgehört, weil ich dachte, ich würde im Rennauto sterben. Ich habe nur aufgehört, weil ich ausgelaugt war und keinen Spaß mehr hatte."

Dennoch gibt er heute zu, dass Céverts Unfall ein Schlüsselerlebnis war: "Das war mein schlimmster Moment, ganz sicher." Nicht einmal der Tod Jochen Rindts in Monza 1970 habe ihn dermaßen mitgenommen: "Jochen war einer meiner engsten Freunde, aber zumindest habe ich seinen Unfall nicht gesehen. Bei François war ich dort." Stewart, zu dem Zeitpunkt bereits fix Weltmeister 1973, hing kurzerhand den Helm an den Nagel und bestritt nie wieder einen Grand Prix.

Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bedauert: "Ich wurde oft gefragt, ob ich nicht wieder Rennen fahren will, aber ich hatte nie ein Problem damit, diese Angebote auszuschlagen. Ich habe gesagt, ich würde nie wieder ein Rennen fahren, und ich habe das noch nie bereut." Kurioserweise verfügt er seit fünf Jahren nicht einmal mehr über einen Führerschein: "Ich sehe mich selbst inzwischen als einen unterdurchschnittlichen Fahrer. Ich fahre fast nie. Mein Auto ist so etwas wie mein zweites Büro, und natürlich habe ich einen Fahrer."

Stewart war der erste Fahrer, der sich für die Sicherheit einsetzte

Rittert der Schotte heute nur noch mit Bernie Ecclestone um den Grand Prix in Silverstone, so war er zu seiner aktiven Zeit der größte Verfechter der Sicherheit. Stewart galt damals als erfolgreichster Rennfahrer der Geschichte, sieht man einmal von Juan-Manuel Fangio und seinen fünf Weltmeisterschaften ab, und hatte entsprechenden Einfluss auf die Obrigkeiten. Erst später, als Niki Lauda nach seinem verheerenden Nürburgring-Crash ein Licht aufging, was die enormen Risiken in der Formel 1 betraf, wurde seine Philosophie fortgeführt.

"Als ich Rennen gefahren bin, hatten viele die Einstellung, dass die Formel 1 ein Gladiatorenkampf sein sollte, und darum sind so viele Fahrer gestorben", so Stewart. "Ich wurde damals ziemlich offen kritisiert, aber mit der Hilfe einiger Kollegen ist es uns gelungen, doch einiges zu bewegen." Es ist nicht zuletzt seiner Pionierarbeit zu verdanken, dass seit einem Jahrzehnt kein einziger Formel-1-Fahrer mehr auf der Rennstrecke gestorben ist.

Auch heute setzt er sich noch für die Sicherheit ein: "Die Overalls, die die Jungs heutzutage tragen, sind ziemlich heiß, und wir haben herausgefunden, dass die Fahrer die Ärmel und Beine abgeschnitten haben, um es etwas kühler zu haben. Sie kümmern sich um so etwas nicht von selbst, also müssen sie gezwungen werden. Heute gibt es eine Regel, die besagt, dass die feuerfeste Unterwäsche nicht mehr zusammengeschnitten werden darf."

Größere Anzüge wären laut Stewart eine sinnvolle Maßnahme

Außerdem fordert Stewart größere Overalls, "die zwar nicht so gut aussehen", aber ihren Zweck erfüllen. Denn: "Luft ist immer noch der beste Isolator. Raumanzüge sehen auch nicht großartig aus, wenn die Astronauten in die Kapsel steigen, aber sie funktionieren vorzüglich, wenn es darum geht, ihre Träger am Leben zu halten." So gesehen ist Jacques Villeneuve mit seinen XXL-Overalls wohl ein Vorreiter für Sicherheit, wenn auch sicher eher unabsichtlich...

Stewart hat zwar seit Mosport 1973 nie wieder ein ernsthaftes Autorennen bestritten, kam aber doch nie ganz vom Motorsport los. 1997 gründete er gemeinsam mit seinem Sohn Paul ein eigenes Formel-1-Team, welches nach einem Sieg am Nürburgring 1999 überaus lohnend an den Ford-Konzern verkauft wurde. Beim damals neuen Jaguar-Rennstall saß Stewart, nach wie vor ein Ford-Aushängeschild im Motorsport, immer im Vorstand.

Darüber hinaus geht er verschiedenen anderen Tätigkeiten nach: Als Präsident des 'BRDC' liegt ihm der Grand Prix in Silverstone sehr am Herzen, für die 'Royal Bank of Scotland' hat er einen zwölf Millionen Euro schweren Sponsoringdeal mit BMW-Williams eingefädelt und für Firmen wie 'Rolex' oder 'Moët et Chandon' ist er nach wie vor als weltweiter Werbebotschafter tätig. Genug zu tun hat er also auch ohne aktive Karriere im Motorsport...

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