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Porträt Jean Todt (2): Wie er Ferrari auf die Siegerstraße führte

Wieso Jean Todt bei Ferrari omnipräsent war, welche Qualen er in den größten Zeiten litt und wie er mit Schumachers Hilfe Bond-Girl Michelle Yeoh eroberte (2/2)

(Motorsport-Total.com) - Noch im Jahr 1995 bemühte sich Michael Schumachers Manager Willi Weber über Teamberater Niki Lauda um einen Kontakt nach Maranello, da er seinen Schützling bei Ferrari unterbringen wollte (Hier klicken: Teil 1 des Jean-Todt-Porträts!). Lauda, der heute bei Mercedes als Aufsichtsratsvorsitzender agiert, trat damit an Todt heran. Daraufhin trafen sich Todt und Weber in der Wohnung des Franzosen in Paris zu Verhandlungen.

Schumacher, der eben mit Benetton auf dem Weg zum zweiten Titel war, zeigte ursprünglich an Ferrari gar kein Interesse: "Er wollte unbedingt zu McLaren", verrät Weber gegenüber 'Motorsport-Total.com'. "Für ihn war der Ferrari damals das am leichtesten zu überholende Auto auf der Rennstrecke. Er hat gesagt: 'Willi, was willst du von mir? Die sind so langsam, das kann nicht wahr sein.'"

Doch der Manager und der Ferrari-Teamchef redeten erfolgreich auf den jungen Senkrechtstarter ein: "Die Herausforderung war das entscheidende Element", sagt Todt. "Er war bereits Weltmeister mit einer weniger klingenden Marke. Wenn ihm das aber mit Ferrari gelingt, dann würde er eine andere Dimension erreichen."

Wie Todt Berater Lauda bei Ferrari abservierte

Luca di Montezemolo, Niki Lauda, Jean Alesi

Von Montezemolo zu Ferrari geholt, von Todt abgesägt: Berater Niki Lauda Zoom

Für Todt war es der entscheidende Coup, denn mit Schumachers Wechsel im Jahr 1996 kamen auch Designer Rory Byrne und Technikchef Ross Brawn nach Maranello. Die Tage von Barnard waren gezählt und auch Teamberater Lauda, der noch heute für sich beansprucht, dass der Franzose seine "Idee" gewesen sei, wurde in die Wüste geschickt.

"Wir hatten nicht gerade das beste Verhältnis", sagt Todt nüchtern und wirft Lauda vor, dass er zu wenig Einsatz für Ferrari zeigte. "Ich hatte einfach einen anderen Ansatz als er. Wenn ich eine Sache anpacke, dann mit Hingabe, da opfere ich mich nicht nur an Rennwochenenden auf."

Paranoia bei Ferrari: Der Chef sieht alles

Genau diese Arbeitshaltung fordert der Franzose auch von jedem anderen Mitarbeiter ein: "Er hat in seinen Teams immer Druck gemacht, von morgens bis abends", erinnert sich Yannick Dalmas, unter Todt für Peugeot in Le Mans am Start. "Und er lässt niemals Zweifel aufkommen, dass jeder an der Umsetzung seiner Vorgaben zu arbeiten hat. Er macht das nicht unfreundlich, aber sehr bestimmt."

Todt überließ nichts dem Zufall: "Keiner soll glauben, dass ich von manchen Dingen nichts weiß." Und auch Dalmas deutet an, dass Todt seine Mitarbeiter stets im Blick hatte: "Er will in seinen Teams immer alles - und zwar wirklich alles - mitbekommen."

Genau diese Kontrolle gab Schumacher die Versicherung, dass die Richtung stimmt, auch wenn der Weg steinig war. 1997 hätte es mit dem Titel fast geklappt, doch dann wurde dem Kerpener wegen des Rammstoßes in Jerez gegen Jacques Villeneuve der Titel des Vizeweltmeisters aberkannt. 1998 musste er sich Mika Häkkinen und McLaren geschlagen geben, 1999 brach er sich beim Unfall in Silverstone das Bein.

Dominanz und Stallorder-Skandale

Rubens Barrichello, Michael Schumacher

Todts Zahlenspiele: Barrichello schenkt Schumacher widerwillig den Sieg Zoom

Erst im Jahr 2000 platzte der Knoten, und Schumacher und Ferrari leiteten eine beispiellose Erfolgsserie ein, die den Kerpener zum erfolgreichsten Formel-1-Fahrer aller Zeiten machen sollte. Als Rubens Barrichello in der Triumphsaison als Ersatz für Eddie Irvine zu Ferrari kam, spürte er rasch, dass die Bindung zwischen dem Boss und Schumacher kaum zu durchbrechen ist. "Ich musste akzeptieren, dass Jean für Michael wie ein Vater ist", sagte der Brasilianer gegenüber 'F1 Racing'.

Auch auf der Strecke setzte Ferrari stets alles auf die Karte Schumacher - und Todt auf eine Stallregie, mit der er sich schon bei der Rallye Dakar Kritik zugezogen hatte. 2001 wurde Barrichello beim erst sechsten Saisonrennen vom Franzosen in der Endphase zurückgepfiffen - mit den legendäre Worten: "Let Michael pass for the Championship!" Das Schauspiel wiederholte sich 2002 in Österreich erneut, nur diesmal war die Scuderia drückend überlegen und es ging um den Sieg. Doch Todt zeigte keine Skrupel.

Barrichello hatte die Nase voll und ließ Schumacher, dem die Sache unangenehm war, demonstrativ wenige Meter vor dem Ziel vorbei. Laut eigenen Angaben, weil ihm per Funk mit dem Rauswurf gedroht wurde. Ein Pfeifkonzert der Zuschauer war die Folge, Stallregie wurde daraufhin von der FIA verboten.

Privates Glück: Todt erobert Bond-Girl mit Schumachers Hilfe

Der Erfolg blieb Todt und Schumacher dennoch treu: Von 2000 bis 2004 holte man fünfmal in Folge beide Titel. Das ist nach wie vor Rekord. Und auch privat war das Verhältnis der beiden eng: Schumacher half Todt sogar dabei, der malaysischen Schauspielerin Michelle Yeoh, die im Bond-Film "Der Morgen stirbt nie" Weltruhm erlangt hatte, den Hof zu machen.

Jean Todt, Michelle Yeoh

Todt ist mit der 17 Jahre jüngeren Schauspielerin Michelle Yeoh verlobt Zoom

"Ich habe sie im Juni 2005 in Schanghai kennengelernt und wollte dann mit ihr kommunizieren", erzählt der Franzose, der bis heute keinen Computer bedienen kann und sich alle E-Mails ausdrucken lässt. "Ich wusste damals nicht, wie man SMS schreibt. Michael hat es mir gezeigt."

Todt, der aus erster Ehe den Formel-1-Fahrermanager Nicolas Todt als Sohn hat, wurde privat mit der Malaysierin glücklich, doch die Erfolgsära in der Formel 1 neigte sich dem Ende zu. Und da Ferrari-Boss Luca di Montezemolo Kimi Räikkönen engagierte, löste er den ersten Rücktritt des Rekord-Weltmeisters aus, was sich auch auf die Atmosphäre zwischen Schumacher-Intimus Todt und dem Italiener negativ auswirkte.

Warum sich Todt als Teamchef zurückzog

Daraufhin brach das Superteam auseinander - Todt gab Anfang 2008 die Führung an Stefano Domenicali ab, nachdem er mit Kimi Räikkönen Weltmeister geworden war, und zog sich zurück. Auch, weil er laut eigenen Angaben unter dem enormen Druck litt: "Das hat mich aufgefressen. Ich habe noch das Bild im Kopf, als Michael 2004 praktisch zu Saisonmitte Weltmeister war. Und zwei Rennen später in Monza litt ich in der Startaufstellung Qualen, als hätte ich nie ein Rennen gewonnen."

Da half nicht einmal, dass ihn am Ende seiner Ferrari-Laufbahn in seinem Büro jeden Tag über 100 gerahmte Podestfotos aller Siege unter seiner Regie an die nicht enden wollende Triumphserie erinnerten. Abgesehen vom Nägelkauen verursachte die Belastung der Grand-Prix-Wochenenden auch physischen Schmerzen: "In den letzten 15 Minuten ist die Anspannung oft so groß, dass ich mit dem Atmen aus dem Rhythmus komme."

Trotzdem hielt es Todt nach seinem Ferrari-Ende nicht lange auf der Wohnzimmercouch aus: 2009 zog es ihn auf das politische Parkett und er kandidierte als FIA-Präsident. Bei der Wahl setzte er sich souverän gegen seinen ehemaligen Piloten Ari Vatanen durch - nach dem Münzwurf 1989 also die zweite Ohrfeige für den Finnen, zumal Todts Kandidatur von dessen damaligen Stallrivalen Jacky Ickx unterstützt wurde.

Todt als FIA-Boss: Weniger Macht, dafür mehr Geld

Als FIA-Boss war es aber dann eher der Franzose, der Ohrfeigen kassierte: "Er ist ein Max für Arme", schimpfte Formel-1-Boss Bernie Ecclestone. "Seit er den Hut des Präsidenten aufgesetzt hat, hat sich seine Persönlichkeit geändert." Im Gegensatz zu Vorgänger Max Mosley macht Todt nicht mit dem Briten gemeinsame Sache, sondern bemühte sich stets um einen Konsens zwischen Rechteinhaber, FIA und den Teams. Auch sein Stil ist komplett anders: Während Mosley stets über die Medien provozierte und seine Kämpfe öffentlich austrug, fallen die Entscheidungen nun im Hintergrund.

Bernie Ecclestone und Jean Todt

Immer wieder im Clinch: Formel-1-Boss Bernie Ecclestone und Jean Todt Zoom

Zudem setzt er andere Prioritäten und hat die FIA in seiner Ära finanziell auf eine gesunde Basis gestellt hat: Der Weltverband erhält von Formel-1-Rechteinhaber CVC Capital Partners 40 Millionen Dollar pro Jahr, auch die Teams und Fahrer werden bei den Gebühren im Vergleich zu früher deutlich mehr zur Kasse gebeten.

Kritiker meinen, dass sich der Franzose als Zugeständnis dafür kaum in die Reglement- und Kostendebatte einmischt, obwohl dort eine starke übergeordnete Instanz wie die FIA dringend benötigt werden würde. "Bernie und Jean haben ihre Macht verkauft", stichelt Todts Ex-Pilot Gerhard Berger gegenüber 'auto motor und sport'.

Verkehrssicherheit als oberste Priorität

Todt verteidigt sich: "Wir sind nur der Regelhüter. Wenn die Teams so viel ausgeben wollen und damit glücklich sind, dann ist das auch ihre Verantwortung - und ihr Geld." Ihm sei zwar bewusst, dass die FIA in der Formel 1 im Vergleich zu früher "keine sehr große Autorität und Führung mehr besitzt", aber um das zu ändern, müsste man die Verträge ändern. Interessante Aussagen, denn auch im Rallye- und im Langstreckensport fiel Todt nicht mit Mut und Entscheidungsfreudigkeit auf.

Vielmehr gilt er als vehementer Kämpfer für mehr Verkehrssicherheit - der absolute Schwerpunkt seiner Präsidentschaft. Das wurde auch deutlich, als er im Vorjahr Stunden nach den Terroranschlägen in Paris vor dem Start des Grand Prix von Brasilien eine Schweigeminute abhalten ließ - allerdings für die weltweiten Opfer im Straßenverkehr.

Während viele im Fahrerlager ungläubig den Kopf schüttelten und Todt mangelndes Taktgefühl vorwarfen, argumentierte Todt einmal mehr mit Zahlen: "Jeden Tag sterben 3.500 Menschen auf den Straßen. Das sind 30 Mal so viele Tote wie in Paris. Und 50 Millionen Menschen werden im Jahr verletzt."

Schumacher-Schicksal bewegt Todt sehr

Michael Schumacher, Jean Todt

"Mehr als ein Freund": Todt steht auch in schwierigen Zeiten zu Schumacher Zoom

Überhaupt verfehlt Todt rhetorisch manchmal das Ziel. Als er gefragt wird, ob der 21 Rennen umfassende Formel-1-Kalender 2016 nicht zu einer Übersättigung der Zuschauer führen könnte, antwortet er: "Man muss darüber glücklich sein, denn auf dem Planeten gibt es Menschen, die keinen Zugang zu den Rennen haben - oder zu Trinkwasser."

Einen sensiblen Umgang hat Todt hingegen, wenn es um seinen Freund Michael Schumacher geht. Das Unglück des Superstars, der sich Ende 2013 bei einem Skiunfall schwere Hirnverletzungen zuzog und über dessen wahren Gesundheitszustand nur wenige Bescheid wissen, ging dem Franzosen sehr nahe.

"Er ist für mich wie meine Familie", beschreibt Todt sein Verhältnis zu Schumacher. "Es tut sehr weh, wenn so jemand schwer verletzt ist - man muss der Familie beistehen." Während Ecclestone und Ex-Teamchef Flavio Briatore sagen, sie wollen Schumacher nicht sehen, weil sie ihn als großen Sportler in Erinnerung behalten wollen, nimmt Todt eine andere Haltung ein: "Ich sehe ihn und seine Familie sehr oft, bin stolz auf ihn." Zudem tritt der FIA-Boss immer wieder bei Charity-Veranstaltungen zugunsten der Hirn- und Rückenmarksforschung auf.

Todt und Schumacher gründeten Hirnforschungs-Klinik

Nach seinem Abschied von Ferrari, also lange vor dem Drama um Schumacher, baute der Arztsohn das medizinischen Institut ICM (Institute for Cerebral and Medullary Disorders) in Paris auf - eine top-ausgerüstete, acht Stockwerke umfassende Klinik zur Hirnforschung mit den besten Ärzten der Welt. Zwei weitere Gründungsmitglieder: Spitzenchirurg Gerard Saillant, der in Schumachers Rettung intensiv eingebunden war, und der Rekord-Weltmeister selbst.

"Dinge, die auf den ersten Blick sehr schwierig erscheinen, reizen mich sehr", erklärte Todt 2008 gegenüber der 'Wirtschaftswoche' die Beweggründe seines Engagement beim ICM. Eine Aussage, die nun in Anbetracht der Ereignisse um Schumacher, der für Todt "mehr als ein Freund" ist, in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Für Weggefährte Ari Vatanen hat Todt in seinem Leben fast alles erreicht, obwohl er nur ein einfaches Studium in seinem Lebenslauf vorzuweisen hat. Eine Ausnahmeerscheinung sei Todt auf dem Papier genauso wenig wie optisch: "Er mag formal nicht hochgebildet sein, aber er hat bewiesen, dass man mit Talent und Fleiß sehr weit kommen kann", so der Finne, der kaum noch Möglichkeiten sieht, sich in Sachen beruflicher Erfolg zu steigern: "Wird er jetzt Regierungschef? Was ist der nächste Level?", fragt Vatanen. Die Antwort kennt wohl nur der "kleine Napoleon" selbst.

Lesen Sie hier den ersten Teil des Porträts von Jean Todt!

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