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Porträt Jean Todt (1): Wie er mit Peugeot Le Mans eroberte

Wie Jean Todt den Job des Co-Piloten erfand, Peugeot zum Dauersieger der 1980er machte und Ferrari in der Formel 1 Zigaretten und Rotwein austrieb (1/2)

(Motorsport-Total.com) - Ein kleiner Mann mit zerknautschtem Gesicht öffnet die Tür seines Autos. Überall Getuschel, feurige Blicke. Jean Todt soll das gedemütigte Ferrari-Team wieder in die Erfolgsspur bringen. Doch der erste nicht italienische Ferrari-Teamchef fährt beim Dienstantritt 1993 ausgerechnet mit einem Mercedes vor. "Entweder dieser Todt ist völlig ignorant, oder er ist verrückt", schnaubt der leidenschaftliche Ferrari-Boss Luca di Montezemolo, der sich in seinem Stolz verletzt fühlt.

Der Rest ist Geschichte: Der Franzose, der heute 70 Jahre alt wird, führte den legendären Rennstall in seine bislang erfolgreichste Ära. Todt blickt auf 14 WM-Titel und 106 Siege zurück - die meisten gemeinsam mit Michael Schumacher. Diese einzigartige Bilanz stellt andere Highlights seiner Karriere in den Schatten: Todt war erfolgreicher Co-Pilot in der Rallye-WM, führte Peugeot später in der gefürchteten Gruppe-B-Ära, bei der Rallye-Dakar und bei den 24 Stunden von Le Mans zu mehreren Titeln. Und heute ist er FIA-Präsident und mit einem "Bond-Girl" verheiratet.

Wer Todt aber kennt, der weiß, dass er selbst an seinem Ehrentag nicht innehalten und zurückzublicken wird: Er ist ein Getriebener. Einladungen zum Abendessen ließ er früher oft platzen - oder er kreuzte erst nach 23 Uhr auf -, weil er sein Ziel noch nicht erreicht hatte und weitergrübelte: 15-Stunden-Arbeitstage waren in seiner Zeit als Ferrari-Teamchef die Regel. Die Fingernägel musste er mit Klebeband schützen - vor sich selbst: "Ich reiße sie mir sonst auf, weil ich Angst habe, nie mehr ein Rennen zu gewinnen", erklärte er damals sein zwanghaftes Verhalten.

Blamage bei der Führerscheinprüfung

Und auch Yannick Dalmas, 1992 und 1993 mit Todt bei Peugeot Le-Mans-Sieger und heute FIA-WEC-Delegierter - also ein langjähriger Wegbegleiter -, bestätigt gegenüber 'Motorsport-Total.com': "Er hasst Niederlagen und ist ein absoluter Winnertyp." Ari Vatanen, der ihn aus gemeinsamen Rallye-Tagen und als Konkurrenten um das Amt des FIA-Präsidenten bestens kennt, kommt zu einem ähnlichen Schluss, wenn er sagt: "Er ist ein Workaholic. Aber er weiß, dass er andere Leute braucht, um voranzukommen. Er ist aber kein Armeegeneral und noch weniger ein Entertainer."

Jean Todt, Hannu Mikkola, 1975

Die Anfänge: Jean Todt dirigiert Rallye-Legende Hannu Mikkola im Jahr 1975 Zoom

Die Fingernägel standen also schon in jungen Jahren unter enormer Belastung: Die Führerscheinprüfung endete nämlich für den heutigen Chef aller Autofahrer in einer Blamage, als der 18-Jährige beim theoretischen Teil scheiterte. "Das war mir sehr unangenehm", gibt er zu. "Ich habe es dann beim zweiten Versuch geschafft."

Schon damals war beim Wirtschaftsstudenten das Interesse für den Motorsport entflammt. Mit 19 Jahren lieh sich Todt den Mini Cooper des Vaters aus, nahm an Rallyes teil und "genoss den Adrenalinkick". Doch Todt sen., ein jüdischer Arzt, der im Zweiten Weltkrieg von Polen nach Frankreich geflohen war, zeigte sich von den Rennambitionen seines Sohnes weniger begeistert.

Wie Todt den Rallye-Co-Pilotenjob erfand

Todt wechselte die Seite und begann eine Karriere als Co-Pilot. Plötzlich war er im Element: "Ich hatte den Ruf, der beste Co-Pilot am Markt zu sein", erinnert sich Todt gegenüber der 'Financial Times'. "Es war unter anderem mein Verdienst, dass das ein Beruf wurde, denn davor konnte niemand davon leben."

Bei Todt war das anders: Die Topstars der Szene wie Rauno Altonen, Ove Anderson, Hannu Nikkola und Guy Frequelin, mit dem er 1981 Vizeweltmeister wurde und den Herstellertitel für die Peugeot-Tochter Talbot holte, buhlten um die Dienste des Organisationstalents.

Als die Co-Piloten-Koryphäe an einem Donnerstag im Oktober 1981 offenbarte, dass er seine letzte Rallye bestreiten würde, war die Überraschung groß - am nächsten Morgen startete er bei Peugeot als Rennleiter durch. Zu Beginn hatte er zwar "nur eine gute Idee und sonst nichts", aber die Firmenleitung stattete den Quereinsteiger mit allen Kompetenzen und einem Top-Budget aus.

Peugeot unter Todt Dauersieger: Schatten durch Münzwurf

Jean Todt, Ari Vatanen, 1989

Münzwurf-Aufreger: Jean Todt macht Ari Vatanen 1989 zum Dakar-Sieger Zoom

Das Ergebnis: Unter seinem Zepter kehrte Peugeot als Werksteam 1984 in die Rallye-WM zurück und beendete bereits im zweiten Jahr die Dominanz des legendären Audi quattro. Auch 1986 gelang der Titel, doch mit Saisonende wurden die gefährlichen Gruppe-B-Monster verboten. Todt zog daraufhin Peugeot aus der Rallye-WM ab und setzte ab sofort auf die Rallye Dakar.

Die nächste Triumphserie ließ nicht lange auf sich warten: Von 1987 bis 1990 siegte Peugeot ununterbrochen bei der legendären Wüstenrallye. Und Todt drückte der Veranstaltung 1989 gewohnt pragmatisch seinen Stempel auf. Damit die Superstar-Teamkollegen Ari Vatanen und Jacky Ickx in ihrem erbitterten Duell Peugeot nicht um den Sieg brachten, warf er eine Zehn-Franc-Münze, um den Gewinner zu bestimmen. Der Münzwurf entschied zugunsten von Vatanen, der sich aber über den wenig heroischen Sieg verschnupft zeigte.

Das war Todt herzlich egal. Für den "kleinen Napoleon", wie er genannt wurde, zählten nur die nackten Zahlen - und die gaben ihm recht. Schon als Kind fühlte sich Todt in der Welt der Mathematik am wohlsten, wie er verrät: "Als ich sechs Jahre alt war, da zeigte mir meine Mutter das Einmaleins. Noch am selben Abend konnte ich besser zählen als alle anderen im Haus. Ich habe diese Gabe. Ich zählte schneller als der Lehrer, schneller als die Rechenmaschine."

Todt erobert Le Mans und schlägt Rivalen in die Flucht

Auch strategisch war Todt allen anderen oft einen Schritt voraus. Während Vatanen dem vereitelten direkten Duell noch nachtrauerte, hatte Todt längst den nächsten Motorsport-Klassiker anvisiert: Peugeot sollte unter seiner Leitung den immer populärer werdenden Langstreckensport erobern und die legendären 24 Stunden von Le Mans gewinnen.

Keke Rosberg, 1991, Peugeot

Peugeot eroberte unter Todt das Heimspiel Le Mans und siegte 1992 und 1993 Zoom

Angeblich lobbyierte der Peugeot-Sportchef damals bei der FISA intensiv dafür, dass das Reglement auf 3,5-Liter-Saugmotoren umgestellt wurde. Eine Änderung, die den Franzosen in die Hände spielte: Mit dem größten Budget ausgestattet, baute man unter Todts Leitung einen Formel-1-artigen Motor für den neuen Le-Mans-Prototypen, mit dem man nach anfänglichen Zuverlässigkeitsproblemen 1992 und 1993 den 24-Stunden-Klassiker gewann.

So wenig Todt die Zukunft der Gruppe C am Herzen lag, die 1993 wegen der Reglementänderungen eingestellt werden musste, so sehr drehte er Peugeot-intern an den richtigen Stellschrauben, um Erfolge zu gewährleisten. "Ich kam als Teamkollege des großen Keke Rosberg in den Peugeot und stand unter Druck", erinnert sich Pilot Yannick Dalmas an das Jahr 1991. Der Franzose war damals 30 und hatte seine wenig erfolgreiche Formel-1-Karriere bereits hinter sich. Immer wieder war er von Verletzungen zurückgeworfen worden.

Le-Mans-Sieger Dalmas: Wieso Todt so erfolgreich ist

"Todt wollte, dass ich ihm mein Können beweise - und zwar jeden Tag aufs Neue", schildert Dalmas. "Er will, dass du zu 100 Prozent mit deinen Gedanken bei der Arbeit bist, er gibt sich mit weniger niemals zufrieden. Arbeit ist kein Spaß - so sieht er das. Du musst dein Potenzial nicht nur darstellen, sondern es jedes Mal voll ausschöpfen."

Yannick Dalmas

Dalmas gewann unter Todt Le Mans und ist heute FIA-Delegierter in der WEC Zoom

Todt sorgt aber laut Dalmas auch dafür, dass die Mannschaft perfekte Rahmenbedingungen vorfindet: "Er unterstützt dich bei der Ausübung deiner Arbeit in jeder Beziehung maximal und verschafft dir so die besten Möglichkeiten. Das heißt im Umkehrschluss, dass du keine Ausreden mehr finden kannst, falls du mal nicht 100 Prozent lieferst", schmunzelt der ehemalige Langstreckenpilot heute über die wirksame Strategie Todts. "Es ist positiver, aber extrem intensiver Druck. Da ist er regelrecht besessen."

Nach dem Dreifachsieg in Le Mans 1993 war Todt in Frankreich ein Nationalheld, doch der damals 47-Jährige strebte nach höheren Zielen: Weil er bei Peugeot keine weiteren Perspektiven sah, nahm er ein Angebot von Ferrari als Rennleiter an und wechselte in die Formel 1. "Du wirst dort höchstens eineinhalb Jahre überleben", warnte ihn Landsmann und Weltmeister Alain Prost, der sich mit dem nach Enzo Ferraris Tod führungslosen Team überworfen hatte, dann aber sogar selbst als Teamchef im Gespräch war.

Wie Todt Ferrari Rotwein und Zigaretten austrieb

Todt ließ sich von derartigen Ansagen nur wenig beeindrucken und zeigte kaum Interesse, sich an die Gepflogenheiten in Maranello anzupassen. Auf seinen aufsehenerregenden Dienstantritt im Mercedes folgte eine groteske erste Pressekonferenz: "Ich fügte an das Ende der französischen Worte einfach ein O, ein A oder ein I an, damit es nach Italienisch klingt", grinst Todt. Schon nach sechs Monaten beherrschte er die Sprache perfekt.

Somit wurde ihm die Lage bewusst: "Als ich kam, war der Mythos Ferrari völlig verwüstet." Disziplin war ein Fremdwort, die Scuderia hatte technisch komplett den Anschluss verloren. Während in den heiligen Werkshallen schon zu Mittag Rotwein getrunken wurde, tüftelte Technikchef John Barnard in seinem Büro in Großbritannien an der Entwicklung. Der Brite hasste Italien und schickte seine technischen Pläne per Fax.

Doch Todt räumte mit eiserner Hand auf: "Man kann nicht arbeiten in einem schmutzigen oder unaufgeräumten Büro, und ich hasse Zigarettenstummel auf dem Fußboden", schilderte er damals dem 'Spiegel'. "Als ich antrat, habe ich den Leuten erklärt, dass an einem Grand-Prix-Wochenende nicht nur das Auto in bestmöglicher Verfassung sein muss, sondern auch die Mechaniker. Das bedeutet: kein Alkohol, sauberes Hemd, frische Rasur."

Senna wollte 1994 zu Ferrari

Nur den Dreitagebart konnte er den Italienern nicht austreiben: "Ich habe eingesehen, dass die italienische Mentalität eine besondere ist und es wichtigere Dinge gibt, für die man seine Prinzipien aufrechterhalten muss als das tägliche Rasieren."

Gerhard Berger, Jean Alesi, David Coulthard

Als Todt zu Ferrari kam, flogen bei den Roten immer wieder die Fetzen Zoom

Nicht nur bei den Mechanikern erkannte er Verbesserungspotenzial, sondern auch bei den Fahrern und im Management. Er bemühte sich bereits rund um das Monza-Wochenende 1993 um das Interesse von Ayrton Senna. "Er wollte schon 1994 wechseln", verrät Todt. Doch seines Erachtens war das Team zu diesem Zeitpunkt noch nicht reif für den Brasilianer.

Beim Fahrergespann Gerhard Berger und Jean Alesi vermisste er die letzte Aufopferung. 1995 verschrotteten die beiden Todts privaten Lancia Delta Integrale, als sie nach der Präsentation des neuen Boliden von der Fabrik zur Teststrecke fuhren - eine legendäre Episode, wie sie später bei Ferrari undenkbar wurde.

Berger und Alesi provozieren den "Napoleon"

"Jean glühte wie ein Bescheuerter aus dem Haupttor und baute genügend Speed auf, um die erste Rechtskurve im Drift zu nehmen, wobei ich ihn an der Handbremse unterstützte", erzählt Berger das denkwürdige Ereignis in seinem Buch 'Zielgerade'. "Plötzlich kriegte ein einziges Vorderrad Grip und leitete die anmutigste Bewegung ein, deren ein Auto fähig ist: seitlich übers Vorderrad."

Der nicht angeschnallte Alesi verletzte sich beim Überschlag durch die Glassplitter an der Hand und am Kopf und suchte rasch das Weite, Berger absolvierte den Test und beichtete Todt im Anschluss in gebrochenem Englisch kleinlaut den Vorfall. Als der Teamchef das Ausmaß erkannte, musste Berger einen Tobsuchtsanfall über sich ergehen lassen.

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Porträts von Jean Todt! Wie er aus der Ferrari-Chaostruppe gemeinsam mit Michael Schumacher ein Wunderteam machte und wie ihm der Rekord-Weltmeister half, das Herz von Ex-Bond-Girl Michelle Yeoh zu erobern.

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