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Liberty "für immer" in der F1: "Mit dem Fan fängt alles an"

Ist er der "neue Bernie"? Motorsport-Manager Zak Brown zeichnet seine Vision von der Zukunft der Formel 1: Rennen in Deutschland, weniger Kosten, bessere Fahrer

(Motorsport-Total.com) - Motorsport-Manager Zak Brown, von vielen bereits als möglicher Mitarbeiter des künftigen Führungsteams der Formel 1 gehandelt, glaubt, dass die Königsklasse des Motorsports verstärkt auf die Interessen und Wünsche der Fans hören muss. Liberty Media sei dafür der seiner Meinung nach perfekte Eigentümer, weil es dem amerikanischen Medienunternehmen nicht um kurzfristigen Return on Investment geht, sondern um langfristigen, nachhaltigen Erfolg.

Bernie Ecclestone, Zak Brown

Zak Brown im Gespräch mit Formel-1-Boss Bernie Ecclestone Zoom

Brown erwartet, dass Liberty "einen sehr strategischen Blick auf die Dinge" haben wird, weil sie "für immer Eigentümer dieses Sports sein werden". Dass CVC Capital Partners weniger in den Sport investiert als damit verdient hat, sei nachvollziehbar, denn: "CVC ist eine Private-Equity-Firma, die investiert und zehn Jahre später verkauft." Aber die Ausgangslage bei Liberty, sagt Brown gegenüber 'Sky Sports F1', sei eine ganz andere: "Die Wirtschaftsdaten sind sehr wichtig, aber wir alle erkennen die Erfordernis nach strategischen Investments und strategischen Entscheidungen."

Im Mittelpunkt dieser Strategie muss seiner Meinung nach der Fan stehen: "Wir müssen uns auf den Fan konzentrieren. Mit ihm fängt alles an. Wenn wir mehr Fans bekommen, jüngere Fans, unterschiedlichere Fans, dann haben wir größere TV-Verträge, Sponsoren, die bereit sind mehr zu zahlen, mehr Sponsoren, die Teams werden gesünder sein, die Veranstalter mehr Eintrittskarten verkaufen. Wir müssen uns also auf die Fans konzentrieren. Wenn wir das schaffen und viele von ihnen begeistern können, dann wird sich alles andere von selbst regeln."

Rennen in Deutschland nicht verhandelbar

Zu dieser Fan-Orientierung gehört in den Augen des leidenschaftlichen Rennwagen-Sammlers zum Beispiel ein Grand Prix von Deutschland: "Die Sponsoren waren nichts als enttäuscht darüber, dass es 2015 kein Rennen in Deutschland gegeben hat. Bei Italien wäre die Reaktion sicher gleich", wird Brown von 'Reuters' zitiert. "Einige der neuen Märkte, Mexiko etwa, sind fantastisch. Einige andere neue Märkte sind das weniger. Es gibt ein paar gute, aber..."

Negativ erwähnt er die kolportierten Pläne, ein drittes Rennen im Nahen Osten auszutragen, etwa in Katar. "Wie kann es sein, dass wir drei Rennen im Nahen Osten haben, aber kein einziges in Deutschland?", regt er sich auf, nimmt Bahrain und Abu Dhabi aber explizit in Schutz: "Die zwei bestehenden Rennen, die wir haben, sind außergewöhnlich und leisten einen wichtigen Beitrag für den Sport. Aber ein drittes? Ich glaube nicht, dass der Markt das hergibt."

Brown glaubt außerdem, dass die Kosten für die Teams drastisch zurückgefahren werden müssen. Damit greift er alte Pläne auf, die einst FIA-Präsident Max Mosley mit seiner Budgetobergrenze hatte. "Die Budgets", sagt der Amerikaner, "sind außer Kontrolle geraten. Das wiederum zwingt das gesamte Ecosystem der Formel 1 in die Knie. Die Kosten, die der Sport verursacht, stimmen nicht mehr mit dem kommerziellen Wert der Rennserie überein."

Weniger Kosten, günstigere Eintrittspreise

"Die Budgets liegen inzwischen bei 200, 300, 400 Millionen Dollar. Das ist doch total verrückt! Und wenn wir keine 400-Millionen-Budgets brauchen, dann brauchen wir auch keine aberwitzigen Grand-Prix-Gebühren, die dazu führen, dass die Rennstrecken kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr haben. Und das wiederum führt dazu, dass wir von den Zuschauern keine so hohen Eintrittspreise mehr verlangen müssen", erklärt Brown.

"Ich halte es für wichtig, dass die Fahrer erfolgreich sind. Die Leute halten zu Siegertypen." Zak Brown

Wichtig für eine gesunde Formel 1 sei außerdem das Fahrerfeld. Rio Haryanto etwa war in Indonesien ein Superstar mit hunderten Millionen Anhängern - ein Ausmaß, wie es in Europa nur von Lewis Hamilton annähernd erreicht wird. Keinen asiatischen Fahrer mehr zu haben, "hilft nicht", räumt Brown ein. Wichtiger als irgendeinen Fahrer aus jeder Region der Welt zu haben sei aber, konkurrenzfähige Fahrer zu haben, die die Fans begeistern können. Die richtige Nationalität sei dann "nice to have", aber kein "Must".

"Ich halte es für wichtig, dass die Fahrer erfolgreich sind. Die Leute halten zu Siegertypen. In der idealen Startaufstellung wären die Nationalitäten schön verteilt. Und wir hätten Susie Wolff. Das wäre fantastisch", sagt Brown. "Was Amerika angeht: Schade, dass Michael Andretti nicht funktioniert hat. Das hätte für den nordamerikanischen Markt sehr gut gewesen, so wie sich die Kanadier hinter den Villeneuves versammelt haben. Wir brauchen Vielseitigkeit, aber es muss immer die Qualität der Fahrer stimmen."

Eine Milliarde Dollar in die Formel 1 gebracht

Der 44-Jährige weiß, wovon er spricht. Als (ehemaliger) Chef einer Motorsport-Marketingagentur hat er eigenen Angaben nach ein Sponsorenvolumen in der Höhe von nahezu einer Milliarde Dollar in die Formel 1 vermittelt. Zu seinen Kunden zählen namhafte Unternehmen wie Johnnie Walker, Martini und UBS. Außerdem besitzt Brown sein eigenes Motorsport-Team United Autosports. Aus seinem Jugendtraum, es selbst als Formel-1-Fahrer zu schaffen, ist allerdings nichts geworden.


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Jetzt wird er als heißer Anwärter auf einen Posten im neuen Führungsteam der Formel 1 gehandelt. Seine Position als Geschäftsführer der Agentur CSM Sport & Entertainment hat er kürzlich zurückgelegt. "Ich möchte den Rest meines Lebens im Motorsport sein. Damit habe ich mein ganzes Leben verbracht. Ich liebe die Formel 1, ich liebe alle wichtigen Formen des Motorsports", sagt Brown.

"Ich habe das Gefühl, dass ich dem Sport schon einiges gegeben habe, und ich möchte weiterhin involviert sein. Ich glaube nicht, dass es jemals einen neuen Bernie geben wird, und sicher werde das nicht ich sein. Aber ich möchte involviert sein", betont der Amerikaner. Und: "Chase Carey hat schon erklärt, dass es eine Teamleistung sein muss. Wir haben in den vergangenen Jahren schon oft gehört, dass es, wenn der Tag einmal kommt, ein neues Management geben wird. Das werden nicht ein oder zwei Leute sein, das wird eine Organisation sein."

Ecclestone: "In Gewohnheiten ziemlich festgefahren"

"Bernie hat so einen gigantischen Sport auf die Beine gestellt. Er braucht nur mehr Leute, die ihm helfen", findet er. "Ich glaube, er erkennt, dass ihm Social Media bei einigen Sponsorenverträgen geholfen hat. Die Frage wird sein, wo er Hilfe will und wo er keine Hilfe will. Das werden faszinierende Zeiten, denn er ist in seinen Gewohnheiten ziemlich festgefahren. Chase und Liberty wissen genau, was sie können, und sie wissen auch, was sie nicht können. Chase und Bernie arbeiten zusammen. Sie werden eine Reihe neuer Ressourcen und Mitarbeiter einbringen, um zu helfen."

"Ich glaube nicht, dass in naher Zukunft etwas Drastisches passieren wird." Zak Brown

Kurzfristige Änderungen erwartet Brown nicht. Liberty müsse sich erst mal ein Bild von der aktuellen Situation machen, ehe konkrete Maßnahmen ergriffen werden. "Ich glaube nicht, dass in naher Zukunft etwas Drastisches passieren wird. 2017 ist schon festgelegt. Der Kalender steht fest, die TV-Verträge sind geregelt, die Sponsorenverträge bestehen", so Brawn. "2017 wird ein Lehrjahr für Liberty. Ich gehe davon aus, dass wir den Einfluss 2018 sehen werden." Nämlich durch: "Bessere TV-Quoten, mehr Zuschauer, mehr Sponsoren. Das dauert."

Eine erste Änderung könnte es allerdings schon beim Grand Prix von Japan am kommenden Wochenende geben. Denn die Filmaufnahmen vom Fahrerbriefing am Freitagabend sollen den TV-Anstalten zur Verfügung gestellt werden. Bisher waren diese stets unter Verschluss gehalten worden. Bei nachträglichen Veröffentlichungen wie etwa der Senna-Dokumentation zeigte sich aber, dass die Fahrerbriefings durchaus spannenden Content für die Fans bieten.