powered by Motorsport.com

Kolumne: Sotschi in 41:45 Minuten

Track-Run und Smalltalk mit Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer: Schlüsselstellen der neuen Strecke in Sotschi und warum Österreicher nur selten Fußball schauen

Bernd Mayländer

Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer beim Track-Run am Mittwoch in Sotschi Zoom

Liebe Leser,

es herrscht eine eigenartige Stimmung im Paddock in Sotschi. Und das noch nicht einmal wegen der Gerüchte, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Siegerehrung am Sonntag unbedingt höchstpersönlich vornehmen möchte. Angeblich, so heißt es, soll kurzfristig Panzerglas installiert werden, um Attentatsversuchen vorzubeugen. Für die Formel-1-Verantwortlichen, die sich um politische Verantwortung immer mit der Begründung drücken, man sei doch lediglich hier, um Sport zu machen, wäre ein prominenter Auftritt von Putin schwierig zu argumentieren. Aber das ist momentan Nebensache.

Das Hauptthema ist vielmehr der Gesundheitszustand von Jules Bianchi im Allgemeinen Krankenhaus in Yokkaichi. Dass es noch keine Entwarnung gibt, lässt viele Journalistenkollegen das Schlimmste befürchten. Noch dazu findet Sotschi "back to back" nach Suzuka statt, sodass kaum jemand Zeit hatte, sich intensiv mit Sotschi-Vorschauen auseinanderzusetzen. Der Rummel um Sebastian Vettels Abschied von Red Bull hat dazu auch seinen Beitrag geleistet. Am Dienstagabend traf man am Flughafen viele sehr müde Gesichter an. Aber die Politik soll heute ohnehin nicht das Thema sein.

Der erste Eindruck: Das machoeske Klischee von den hübschen Frauen bewahrheitet sich. Dass die Russen, auch die freiwilligen Helfer an der Rennstrecke, überwiegend schlecht bis gar nicht Englisch sprechen, ebenfalls. Aber man ist bemüht in Sotschi, der Formel-1-Gemeinde warmherzig und hilfreich zu begegnen, und so werden anfängliche Detailprobleme in der Organisation sicher bald überwunden sein. Mal auf ein Transfershuttle vom Flughafen stundenlang warten zu müssen oder dann noch einmal eine Stunde im Bus herumzuirren, weil der Fahrer das Hotel nicht findet (und man ihm auch nichts erklären kann, eben wegen der Sprachbarriere) - man wird es verschmerzen.

Paddock mit optimalen Dimensionen

Das Autodrom, gelegen mitten im Olympischen Park, macht einen modernen Eindruck. Der Paddock ist nicht zu groß und nicht zu klein, das Media-Center top ausgerüstet und das Internet (zumindest bisher) flüssig. Ja, die Strecke ist sicher nicht das Aufregendste, was die Formel 1 je erlebt hat, aber Architekt Hermann Tilke hatte zwischen den Austragungsstätten der Winterspiele 2014 auch kaum Möglichkeiten, irgendetwas anders zu machen. So bewegt sich Sotschi vom Schwierigkeitsgrad voraussichtlich irgendwo im Bereich der ähnlich angelegten Strecken in Abu Dhabi oder der Hafencity von Valencia.


Fotostrecke: Track-Run in Sotschi

Um die Anlage genauer unter die Lupe zu nehmen und mir ein Bild von der neuen Strecke zu verschaffen, schnappte ich mir am Mittwoch unseren Kolumnisten und Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer für einen Track-Run. In einer Rundenzeit, die die Silberpfeile sicher locker unterbieten werden, joggten wir durch die 18 Kurven, verteilt auf 5,872 Kilometer.

"Wie, du willst das wirklich laufen?", grinst Bernd, als ich meinen unglaublich athletischen Luxuskörper in meine eng anliegende, besonders sexy wirkende Runninghose quetsche. Na dann los! Urteil über die erste Kurve, die man wohl eher als Bogen bezeichnen muss: Vollgas! Die 20.000 Zuschauer auf der gigantischen Haupttribüne (insgesamt 53.000 rund um die Strecke) bekommen die Formel-1-Autos also gleich mal bei voller Geschwindigkeit zu sehen. Aber die Details zur Streckenführung gibt's in unserer Fotostrecke.

Medical-Car kommt zur Hilfe angerauscht

Bernd und ich haben noch nicht einmal Kurve 2 durchjoggt, da kommen schon die AMG-Mechaniker mit dem Medical- und Safety-Car angerauscht - natürlich nicht spaßeshalber, sondern wegen erster Funktionstests. Aber bei ihrem "Chef" bleiben sie gleich mal stehen: "Na, Bernd, sollen wir dich schon mitnehmen?" Ebenso schlagfertiger wie gelogener Konter: "Jungs, ist ja schon unsere dritte Runde!"

Bernd Mayländer

Das Olympische Feuer im Hintergrund: Noch geht's auch ohne Medical-Car... Zoom

Als Bernd vom Asphaltboden ein winziges Metallteil aufhebt und zur Seite wirft, wird mir klar, wie sehr der Inspektions- und Sicherheitsgedanke inzwischen in ihm verankert ist. Der ehemalige DTM-Pilot sieht seine Aufgabe nicht nur darin, das Safety-Car möglichst sicher durch seine Einsätze zu kutschieren, sondern blickt über den Tellerrand - und kann so den FIA-Rennleitern Charlie Whiting und Herbie Blash Feedback geben, wenn ihm etwas auffällt. Unser Track-Run ist also nicht nur eine Spaßveranstaltung, sondern hat durchaus einen ernsten Hintergrund.

Zwischendurch schweifen wir vom Thema Sotschi ab. Immer wieder ist der Unfall von Jules Bianchi ein Thema. Wie Bernd diesen sieht, könnt ihr in seiner aktuellen Kolumne nachlesen. Und wir kommen natürlich auch auf den WM-Kampf zu sprechen, Lewis Hamilton vs. Nico Rosberg. Ja, mir ist klar, die Senna-Prost-Parallele ist für uns Journalisten ein gefundenes Fressen. Aber das macht sie nicht weniger wahr.

Hamiltons vs. Rosberg und Senna vs. Prost

Der eine mit gottgegebenem Talent gesegnet, vom puren Speed her wahrscheinlich der Schnellste seiner Generation, mit dem Selbstverständnis, dass ihm Siege zustehen; der andere dafür umso rationaler und smarter, besonders akribisch in der Vorgehensweise. Der eine kann mit einem losen Heck wunderbar umgehen, der andere hat die Balance am liebsten völlig neutral. "Ich bin mir sicher, dass Lewis hier ein paar Mal das Rad stehen lassen wird", sagt Bernd vor einer engen Rechtskurve. "Er bremst extrem spät - oft später als alle anderen."

Aber wir verständigen uns auf einen Einwand: An seinen guten Tagen steht Rosberg Hamilton auch in Sachen Speed nichts nach. Siehe die fantastische Pole in Suzuka - unter anderem. Die Senna-Prost-Parallele ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen. "Nur eins fehlt noch", lacht Bernd. "Sie müssen sich noch einmal in die Karre fahren!" Ich werfe ein: "Eher noch öfter..."

In der langgezogenen Kurve 3 (die zwar spektakulär aussieht, aber wahrscheinlich voll gehen wird) macht Bernd kurz Halt, um ein Foto vom Medal Plaza zu knipsen. Dort wurden im Februar die Goldmedaillen an die Olympiasieger vergeben. "Hast du die Spiele eigentlich verfolgt?", frage ich ihn. "Klar", meint er. Was hängen geblieben ist: zum Beispiel der Dopingskandal um Evi Sachenbacher-Stehle. "Es waren leider nicht die erfolgreichsten Spiele für uns."

Fußball ist nichts für Österreicher

Beim Smalltalk über Passivsport driften wir von der Formel 1 ab: "Ich interessiere mich sehr für Sport, zumindest für die Großereignisse. Also Fußball-WM und -EM, ein bisschen Bundesliga, die Finalphase der Champions League." Für mich als Österreicher kaum interessante Themen: Bei einer Fußball-WM waren wir zuletzt 1998, bei einer Euro gab's uns 2008 nur, weil wir Veranstalter waren, und für ein Champions-League-Finale mit österreichischer Beteiligung muss der FC Bayern David Alaba aufstellen.


Rosberg freut sich auf Sotschi

Mercedes-Pilot Nico Rosberg erklärt, warum er sich auf den Russland-Grand-Prix freut Weitere Formel-1-Videos

Zurück zum Thema Sotschi. Mit welcher anderen Strecke siehst du am ehesten Parallelen, Bernd? "Es ist eigentlich fast wie ein Stadtkurs. Vielleicht Südkorea oder Abu Dhabi", sagt er. Nach unserem Track-Run, beim Umziehen in der FIA-Garage, meint einer der AMG-Mechaniker: Valencia. Breiter Konsens unter allen Gesprächsteilnehmern. Mit dem Unterschied, dass das Ambiente hinter den Betonmauern in Sotschi wesentlich spektakulärer ist.

Abends laufe ich die Strecke ein zweites Mal ab. Bei Start und Ziel wird in der Dunkelheit von dutzenden Kindern gerade eine Choreografie geübt, mutmaßlich für das Vorprogramm am Rennsonntag. Im Dunkeln sind alle olympischen Gebäude beleuchtet, die Atmosphäre ist stimmungsvoll. Die Idee, hier ein Nachtrennen zu fahren, hat Charme. Und die Rundenzeit ist ohne Smalltalk mit Bernd auch um rund zehn Minuten schneller, reicht bei der Charity-Initiative Runthattrack aber immer noch nur für einen der hinteren Plätze...

Ihr

Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!