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Hamilton im Geiste Sennas

Lewis Hamilton möchte am Wochenende in Brasilien Weltmeister werden, aber auch der Besuch an Ayrton Sennas Grab ist ihm wichtig

(Motorsport-Total.com) - Weit entfernt vom Lärm, Smog und Gedränge der Megalopolis São Paulo liegt der Friedhof von Morumbi. Er ist die letzte Ruhestätte von Ayrton Senna, eines der größten Rennfahrers aller Zeiten. Lewis Hamilton hofft am Heimatort seines Kindheitshelden Geschichte schreiben und ihm damit Tribut zollen zu können.

Lewis Hamilton

Lewis Hamilton will nach dem WM-Finale das Grab von Ayrton Senna besuchen

Während seine WM-Rivalen Fernando Alonso und Kimi Räikkönen zwar die Fans um sich scharen, wäre ein Erfolg des englischen Rookies, den so viele Experten mit dem jungen Senna vergleichen, wahrlich eine Sensation. Die Überholmanöver Hamiltons erinnern stark an die Philosophie seines Vorbilds Senna: "Ich kenne keine andere Art zu fahren, eine mit weniger Risiko. Jeder muss sich ständig verbessern. Nur mein Limit ist eben etwas höher als das der anderen", sagte der Brasilianer immer. Hamilton war gerade einmal neun Jahre alt, als Senna 1994 in Imola starb, aber auch er wurde von der Legende erfasst.#w1#

Fußballer und Rennfahrer

Die Brasilianer machen einige Dinge besser als andere: Fußball spielen, Samba tanzen, Bikinis aus Zahnseide designen und Caipirinhas mit Cachaca. Aber laut Sozio-Anthropologe Joaquim Diegues ist die größte Errungenschaft des Landes die nationale Trauer. Das ist der Grund, warum jemand wie Ayrton Senna zur Legende wurde. Es stimmt, dass er für die weiße Mittelschicht ein großes Sportidol war, nicht so berühmt wie Pelé, aber genauso geliebt. Aber wenn man die Mittelschicht außer Acht lässt, die ohnehin nur rund zwei Prozent ausmacht, dann ist seine Bekanntheit heute umso beachtlicher."

Für Millionen junger Brasilianer war die Ayrton-Senna-Stiftung ein Rettungsanker, denn die Organisation hat über 40 Millionen Euro für sozial benachteiligte Kinder - vor allem durch den Verkauf von Helmen - gestiftet. "Die armen schwarzen Kinder in den Favelas träumen nicht davon, Ayrton Senna zu werden. Sie träumen davon der nächste Pelé, Zico oder Ronaldinho zu sein. Die meisten von ihnen werden niemals Autofahren. Senna hat sich zwar immer als großer Patriot präsentiert und sein Geburtstag, sein Todestag und jeder Grand Prix von Brasilien inspirieren die Nation wieder zur Trauer. Aber auch wenn drei Millionen Brasilianer bei seiner Bestattung die Straßen von São Paulo säumten, haben viele Millionen nie von Senna gehört, bis er mit 34 Jahren starb", so Diegues weiter.

Ungebrochene Popularität

Dennoch zieht Sennas letzte Ruhestätte mehr Besucher an als die Gräber von John F. Kennedy, Marilyn Monroe und Elvis Presley zusammen, und die Pilger fragen sich ständig: "Wieso?" Weder ein Gericht dieser Welt, noch alle Experten, Teamchefs oder Piloten konnten mit einer belegbaren Lösung kommen, wieso Senna mit seinem Williams-Renault mit knapp 300 km/h geradeaus in die Mauer fuhr. Technischer Defekt, Fahrfehler, Blackout? Sein damaliger Teamkollege bei Williams, Damon Hill, sagte, er glaube, Senna war für seinen Tod selbst verantwortlich: "Ich bin sicher, er hat einen Fehler gemacht. Wieso auch nicht? Er hat einige Fehler in seiner Karriere begangen. Niemand außer Ayrton und mir wusste, wie dieser Wagen in dieser Kurve an diesem Tag mit kalten Reifen zu fahren war. Er hätte vom Gas gehen können, aber Ayrton war kein Gott. Er war ein herausragender Fahrer und ein großartiger Mensch, auch wenn er lieber in seinen Gegner fuhr als ihn vorbeizulassen. Er war genauso verletzlich wie du und ich."

Senna war wahrhaft ein großartiger Mensch, denn im Wrack seines Williams fand man auch eine blutige Fahne von Österreich, die er auf der Ehrenrunde für den am Vortag tödlich verunglückten Roland Ratzenberger schwenken wollte. Aber Senna war auch ein Mann, der arrogant, egoistisch, launenhaft und scheinheilig sein konnte.

Bewundert, aber umstritten

Dreifachchampion und Playboy Nelson Piquet hatte keinerlei Ambitionen Sennas katholischem Fundamentalismus nachzueifern. Während Senna sich mit der Bibel in der Hand ins McLaren-Motorhome zurückzog und behauptete, 1988 in Monaco durch die Stimme Gottes zur Pole Position geführt worden zu sein, lästerte Piquet, er wäre "nichts anderes als ein Taxifahrer aus São Paulo." Langzeit-McLaren-Teamkollege Alain Prost lieferte sich zahllose, unschöne Duelle mit Senna und nannte ihn einfach nur "unsportlich. Es war ekelhaft. Für ihn war Rennfahren nie ein Sport, sondern ein Krieg. Ich schätze Ehrlichkeit, aber Senna war nie ehrlich." Später schlossen sie Frieden und Prost trug sogar den Sarg seines Rivalen mit.

Sollte Hamilton den Friedhof von Morumbi als Weltmeister besuchen, dann wird er das mit den Worten Sennas in Gedanken tun: "Der Zweite ist bereits der erste Verlierer."