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  • 02.04.2015 · 08:05

  • von Gary Anderson (Haymarket)

Gary Anderson: Wie Ferrari so stark wurde

Technikexperte Gary Anderson analysiert, warum sich Ferrari im Winter so beeindruckend steigerte, Mercedes schwächelt und Williams eine Enttäuschung ist

(Motorsport-Total.com) - Zumindest ist jetzt jemand schnell genug, damit Mercedes die Karten auf den Tisch legen muss. Nach diesem enttäuschenden Saisonstart sind das ja großartige Neuigkeiten für die Formel 1, dass Ferrari und Sebastian Vettel nun siegfähig sind, nachdem sich Mercedes einige Rennen lang nur selbst schlagen konnte.

Sebastian Vettel, Nico Rosberg

Ferrari hat Mercedes - zumindest in Sepang - den Rang abgelaufen Zoom

Von Beginn des Trainings an schien Ferrari das Tempo zu haben, um es mit Mercedes aufzunehmen, und im Renntrim bei den Longruns am Freitag sah Ferrari sogar stärker aus. Zeitweise machte Ferrari auch im Vorjahr an den Freitagen einen starken Eindruck, ließ aber im Verlauf des Wochenendes nach, aber diesmal gelang dem Team am Renntag genau das, was man sich als Ziel gesetzt hatte.

Wie Teamchef Maurizio Arrivabene am Sonntagabend erklärte, rechnete das Team nach der Analyse des Renntempos und der Strategiepläne mit einer sehr starken Form - und das setzte man am Sonntagnachmittag wie ein richtiges Top-Team um. Wenn man sich anschaut, wo Ferrari im Vorjahr war, als man nur zwei Podestplätze eingefahren hatte, ist dies eine tolle Leistung, denn es ist nie einfach, so schnell das Ruder rumzureißen.

Köpferollen war wichtiger Weckruf für Ferrari-Mannschaft

Zuletzt gab es bei Ferrari viele Änderungen in der Führungsebene: Luca di Montezemolo, Stefano Domenicali, Marco Mattiacci und Pat Fry mussten gehen. Arrivabene übernahm dann unter der Leitung von Ferrari-Boss Sergio Marchionne, zudem hatte Technikchef James Allison nun das erste Mal seit seiner Rückkehr von Lotus die alleinige Verantwortung.

Gary Anderson

Technikexperte Gary Anderson nahm die Formel 1 auch in Sepang unter die Lupe Zoom

Ich zweifle sehr daran, dass man die Trendwende alleine der neuen Führung zuschreiben kann, aber so wie Ferrari in der Firma keinen Stein auf dem anderen zu lassen, dient auf jeden Fall für alle als Weckruf. Ich finde, dass man das auch sieht: Alle sind ein bisschen besser vorbereitet, und das Team wirkt nicht mehr so träge wie zuvor.

Hoffen wir mal, dass das im Verlauf der Saison so bleibt. Es spricht nichts dagegen, da der Ferrari gut mit den Reifen umgeht und beide Fahrer damit sehr gut klarzukommen scheinen - die Schlacht ist also eröffnet. Dass Vettel bereits bei seinem zweiten Ferrari-Start gewinnt, ist eine außergewöhnliche Leistung. Das schien für niemanden denkbar, als sein Wechsel im Vorjahr bekanntgegeben wurde (schon gar nicht für Fernando Alonso!).

Genugtuung für Vettel

Bei Kimi Räikkönen besteht kein Zweifel, dass er ebenfalls vorne dabei gewesen wäre, hätte er nicht so ein schlechtes Qualifying gehabt, weshalb er im engen Mittelfeld starten musste, wo das Risiko für eine Berührung in der ersten Kurve immer hoch ist. Dieser Reifenschaden brachte ihn ganz klar um einen potenziellen Podestplatz, sogar in Anbetracht seines schlechten Startplatzes. Dass es Räikkönen trotzdem geschafft hat, durch das Feld zu pflügen und am Ende Vierter zu werden, bestätigt, dass Ferrari nach den diffusen Wintermonaten nun die größte Gefahr für die Mercedes-Dominanz darstellt.

Sebastian Vettel, Daniil Kwjat

Sebastian Vettel überrundete in Sepang beide Red-Bull-Piloten Zoom

Vettel konnte sich vermutlich ein Grinsen nicht verkneifen, als er in der Endphase des Rennens die beiden Red-Bull-Piloten überrrundete. Er hat eine mutige Entscheidung getroffen, als er den sicheren Hafen Red Bull verließ und zu Ferrari ging - und am Sonntag hat er bewiesen, dass er nicht nur bei einem Team funktioniert.

Das Ferrari-Tempo zwang Mercedes zu einer raschen Reaktion und daraufhin wurden die Risse sichtbar. Da beide Autos während der Safety-Car-Phase gleichzeitig an die Box kamen, verlor Nico Rosberg seine Siegchancen, weil er warten musste, ehe Lewis Hamilton abgefertigt war. Dann musste er auch noch warten, ehe die Boxenstraße wieder frei war, weil alle anderen hereinkamen.

Mercedes verpatzte bei Hamilton die Strategie

Dass man Hamilton mit dem harten Reifen ausstattete, den auch Vettel bei seinem letzten Stint verwendete, zeigt ebenfalls, dass Mercedes neben der Spur ist. Im Gegensatz zu Vettel hätte Mercedes die Wahl gehabt, und der Medium-Reifen war die schnellere Mischung. Hamilton wies sofort via Boxenfunk darauf hin, dass es sich um den falschen Reifen handle, nachdem er auf den harten Reifen losgeschickt worden war.

Die Medium-Reifen von Pirelli (die bereits am Samstag in Q1 benutzt wurden) hätten sicher etwas früher abgebaut, aber er wäre dann vielleicht schon vor Vettel gewesen, wodurch die Endphase unter anderen Vorzeichen über die Bühne gegangen wäre. Rosberg hatte ebenfalls die Wahl und entschied sich für die Medium-Reifen - er kam sowohl Hamilton als auch Vettel in seinem letzten Stint näher.


Nico Rosberg: Was in Sepang "in die Hose" ging

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Er kam in Runde 41 zu seinem letzten Boxenstopp herein und fuhr 27 Sekunden hinter Vettel und 13 Sekunden hinter Hamilton wieder zurück auf die Strecke. Der Mercedes-Pilot war am Ende 12,3 Sekunden hinter dem Ferrari-Piloten und weniger als fünf Sekunden hinter seinem Teamkollegen - das zeigt, was für Hamilton möglich gewesen wäre, hätte er dazu die Chance bekommen.

Mercedes an der Hinterachse zu aggressiv?

Lewis Hamilton, Mercedes, Heck, 2015

Ist die neue Mercedes-Heckpartie für die Reifenprobleme mitverantwortlich? Zoom

Bei den Wintertests hatte ich den Eindruck, als würde der Mercedes ein bisschen aggressiver mit den Hinterreifen umgehen. Der zentrale Bereich des Diffusors wurde bei Mercedes sehr aggressiv designt. Das kann dir helfen, noch mehr Abtrieb zu finden, aber das Auto kann auch sehr empfindlich auf eine Veränderung des Bodenabstands an der Hinterachse reagieren.

Das kann zu einer Teilung des Luftstroms führen, vor allem beim Kurveneingang, was in der Folge die Hinterreifen überlastet. Die sehr hohen Asphalttemperaturen haben das noch verschärft, was eine Erklärung für die Reifenprobleme von Mercedes ist.

Die Williams-Enttäuschung

Es war enttäuschend, dass Williams ebenfalls zu kämpfen hatte, nachdem man beim vorangegangenen Grand Prix Ferrari ebenbürtig schien. Das Problem von Williams: Während viel über die Neuordnung des Einsatzteams gesprochen wurde, wurde scheinbar nichts getan. Es hieß, dass der Reifendruck im nassen Qualifying zu hoch war, aber im Vergleich zu dem, was ich im Rennen gesehen habe, ist das eine Kleinigkeit.

Felipe Massa, Valtteri Bottas

Wieso setzte Williams in der letzten Runde zwei Punkteplatzierungen aufs Spiel? Zoom

Nicht nur die Boxenstopps waren teilweise langsam, sondern das Team erlaubte es Valtteri Bottas auch noch, Felipe Massa in der letzten Runde herauszufordern und zu überholen. Das ist kriminell, denn sie konnten dabei nur verlieren, da die Plätze fünf und sechs abgesichert waren. Ich bin ein Bottas-Fan, aber es ist ausschließlich Massas Erfahrung zuzuschreiben, dass nicht beide im Kiesbett landeten.

Bei Red Bull war es nicht nur die intensive Hitze, die dem Team einen Sonnenbrand verpasste. Es muss für sie eine bittere Pille sein, vom Juniorteam geschlagen (und Vettel überrundet) zu werden. Toro Rosso macht einfach seine Hausaufgaben. Sie haben den gleichen Renault-Motor, aber während sich die Red-Bull-Fühungsetage darüber den Mund zerreißt, holen sie das beste heraus.

Nico Hülkenberg: Wann wachen die Top-Teams auf?

Gratulation sowohl an Max Verstappen als auch an Carlos Sainz jr. dafür, dass sie ihr Rennen durchgezogen haben und Punkte holten, nachdem es nach einem sehr schwierigen Wochenende ausgesehen hatte. Ich war schon immer dafür, talentierte und motivierte Youngsters einzusetzen. Die Punktebilanz von Toro Rosso zeigt, was man mit Speed, aber mangelnder Erfahrung erreichen kann.

Nico Hülkenberg

Der talentierte Hülkenberg leidet besonders unter Force Indias Problemen Zoom

Force India leidet unter der verkürzten Wintertests. Das Auto ist einfach nicht schnell genug, und erst nach dem Test, der auf den Grand Prix in Barcelona folgt, werden wir sein Potenzial sehen. Sowohl Toro Rosso als auch Sauber haben im Winter gute Arbeit geleistet, also muss ich leider sagen, dass bei Force India wegen der Probleme vor der Saison Stillstand vorherrschte.

Hoffentlich haben sie das Budget, um mit dem Einsatz der neuen Teile entscheidende Fortschritte zu machen. Für Nico Hülkenberg muss es frustrierend sein. Er ist ein außergewöhnliches Talent, das versauert. Als er auf Platz zwei lag, da fuhr er wie der Teufel. Wann wird eines der großen Teams endlich aufwachen und ihm eine Chance geben?

Keine Gnade mit McLaren

Sauber wurde nach dem fantastischen Wochenende in Melbourne wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. Das Auto ist schnell genug, um es mit Toro Rosso aufzunehmen, aber ein enttäuschendes Rennen und keine Punkte sollten als Weckruf dienen, zumal beide Fahrer Fehler gemacht haben.

Bei McLaren und Honda würde es im Schulzeugnis heißen: "Beim nächsten Mal besser vorbereiten." Ich bin sicher, dass sie es schaffen werden, ein weiteres düsteres Wochenende positiv darzustellen und ich zweifle nicht daran, dass sie erneut eine Trillion Gigabytes an Daten gesammelt haben, die sie nun analysieren werden, aber in Wahrheit war McLaren nie konkurrenzfähig und sah auch nie so aus.

Was auch immer sie zurückhält - sie müssen endlich aufdrehen, auch wenn sie nur eine begrenzte Anzahl an Runden durchhalten. McLaren-Honda muss zeigen, wieviel Potenzial das Auto wirklich hat, und beweisen, dass es Licht am Ende des Tunnels gibt, sonst wird die Motivation darunter leiden. In der Eigenwahrnehmung ist man langfristig der größte Herausforderer für Mercedes. Der Grand Prix von Malaysia beweist, dass derzeit nur Ferrari diese Bezeichnung verdient.