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Für Klima & Geldbeutel: Windkanal könnte bis 2030 verboten werden

Die Formel 1 diskutiert über ein Verbot von Windkanälen ab 2030 - Zwei Argumente sprechen für eine Abschaffung: Nachhaltigkeit und Kostenreduktion

(Motorsport-Total.com) - Der Windkanal könnte in der Formel 1 schon bald ausgedient haben. Formel-1-Technikchef Pat Symonds hat verraten, dass acht der zehn Rennställe für ein Verbot votieren, nur zwei Teams möchten daran festhalten.

Windkanal

Wird der Windkanal schon 2030 verboten? Zoom

"Der Windkanal ist seit mehr als 50 Jahren ein essenzielles Element für die Entwicklung in der Formel 1. Brabham hat 1964 erstmals einen eingesetzt", erinnert sich Symonds im Interview mit unserem Schwestermagazin 'GP Racing'.

"Aber erst seit den 1980er-Jahren ist der Einsatz [eines Windkanals] entscheidend, und seitdem hat sich die Technik enorm weiterentwickelt." Deshalb mag es durchaus überraschen, dass sich acht der zehn Rennställe dafür ausgesprochen haben, Windkanäle innerhalb der nächsten zehn Jahre zu eliminieren.

Stromrechnung der Teams in Millionenhöhe!

Ein Grund: Die Kosten für den Betrieb eines Windkanals und den Bau der dafür eigens angefertigten Modelle. "Ein Modell von Grund auf neu zu bauen, kostet fast 600.000 Euro", erklärt Symonds und ergänzt: "Die Ausstattung ist so umfangreich."

Die Reifen verhalten sich etwa genau wie auf der Rennstrecke und die Lasten werden von Geräten gesteuert. Dadurch können die Ingenieure die Lasten, die auf die Radaufhängung wirken, simulieren.

Ein weiterer Grund, so Symonds: Die Windkanäle sind in ihrer Größe immer weiter gewachsen, was einen erhöhten Energieverbrauch zur Folge hatte. "Das ist natürlich nicht sehr wirtschaftlich. Die Stromrechnung für einen Tunnel kann mehr als eine Million Euro pro Jahr betragen", betont der Ex-Renault und -Williams-Ingenieur.


F1-Technik: Der Windkanal erklärt!

Laut Informationen von 'RaceFans.net' verbraucht ein durchschnittlicher Formel-1-Windkanal pro Tag 10.000 Kilowattstunden. Zum Vergleich: Ein Zwei-Personen-Haushalt in Deutschland verbraucht 3.000 kWh - pro Jahr!

In Zeiten einer Budgetobergrenze und eines Aero-Handicap-Systems sei der Betrieb eines Windkanals nicht mehr zeitgemäß, so der Tenor. Außerdem habe nicht jede Mannschaft einen eigenen Tunnel in der Fabrik zur Verfügung - McLaren etwa baut deshalb derzeit gerade einen neuen in Woking auf.

"Ein Team, das nicht in der Lage ist, einen Tunnel zu bauen, kann ihn mieten", weiß Symonds, "aber das kostet über 100.000 Euro pro Tag", gibt er zu bedenken. Außerdem fürchtet er einen "ungesunden Wettlauf" in der Update-Entwicklung.

"Dinosaurier" müssen der Vergangenheit angehören

"Das ist ein Thema, das ich vor ein paar Monaten angesprochen habe", schildert Red-Bull-Teamchef Christian Horner auf ein potenzielles Windkanal-Verbot angesprochen. Tatsächlich hat die Formel-1-Kommission bei einem Treffen Anfang November des Vorjahres darüber diskutiert.

Der Brite spricht sich dafür aus, längerfristige Überlegungen anzustellen, da ein Windkanal "nicht besonders effizient und nicht sehr umweltfreundlich" sei. Gleichzeitig sei die Entwicklung der Simulationen weit fortgeschritten. Das Zauberwort heißt "CFD".

Mit "Computational Fluid Dynamics" wird das Strömungsverhalten der Luft mithilfe von Computerprogrammen berechnet. Schon seit vielen Jahren ergänzt CFD die Windkanal-Arbeit, in Zukunft soll diese Arbeitsweise den physischen Windtunnel ganz ablösen.


Fotostrecke: Formel-1-Technik: Detailfotos beim Monaco-Grand-Prix 2021

Schon der Aston Martin Valkyrie, der von Red-Bull-Designguru Adrian Newey designt wurde, sei rein im Computer simuliert worden und nie in einem Windkanal gestanden, gibt Horner ein Beispiel aus der Praxis. In zehn Jahren sollen diese "Dinosaurier" endgültig der Vergangenheit angehören, so der Brite.

Außerdem habe die Formel 1 immer den Anspruch, neueste Technologie einzusetzen. Daher sollte die Königsklasse als "Schaufenster" dienen.

Das Verbot soll frühestens 2030 eingeführt werden, weiß auch Ferrari-Teamchef Mattia Binotto - "nicht früher. Das war der Vorschlag. Es ist also eine lange Zeit von jetzt bis dahin." Daher sei grundsätzlich jedes Team offen für Diskussionen, da man sich langfristig darauf einstellen könnte.

Alpine-Boss Rossi: Wie zuverlässig ist CFD?

"Sind wir heute bereit, den Windkanal zu verbieten? Ganz und gar nicht", merkt der Italiener aber auch an. "Die Stunden im Windkanal wurden im Hinblick auf die Kostenreduktion bereits jetzt beschränkt. Würde man heute ein komplettes Verbot einführen, würden die Tests auf der Strecke durchgeführt werden."

Nachsatz: "Das wäre noch teurer." Binotto sieht die Zeit noch nicht gekommen, um eine endgültige Entscheidung über ein Verbot zu treffen. Es sei aber richtig, darüber zu diskutieren. "Das Testen unserer Bauteile ist ein normaler Entwicklungsprozess, daher ist es aktuell wichtig, den Windkanal zu haben."

Der Ferrari-Teamchef möchte abwarten, wie sich die Simulationstechnologie in Zukunft weiterentwickelt. Konkurrent Mercedes hat schon im November Sicherheitsbedenken angemeldet. Toto Wolff stimmt nun am Rande des Monaco-Wochenendes der Meinung von Alpine-Geschäftsführer Laurent Rossi zu.


F1-Technik: So funktioniert der Windkanal!

Dieser meint: "Wenn es dabei hilft, die Kosten einzudämmen, dann ist es eine gute Maßnahme." Allerdings bringt auch er seine Bedenken ein: "Es bleibt abzuwarten, wie es um die Zuverlässigkeit von CFD bestellt ist, und ich denke, wir sind noch nicht so weit, dass wir den Windkanal einfach ganz abschaffen können."

Dieses Argument hat auch Wolff bereits vorgebracht. "Wir wollen nicht mit den Fahrern in Autos experimentieren, die auf CFD basieren", meinte er im November. Denn die Korrelation zwischen Simulationen und Rennstrecke könnte zu Problemen führen.

"CFD hat bestimmte Grenzen. Es liefert nicht so akkurate Ergebnisse wie der Windkanal", erklärte Jarrod Murphy, Mercedes-Aerodynamikchef, bereits vor zehn Jahren (damals noch in der Funktion als CFD-Verantwortlicher bei Renault).

Williams-CEO Capito: "Auch Computer verbrauchen Energie"

Deshalb sprechen die meisten Teamchefs von langfristigen Plänen, in der Zwischenzeit wird weiterhin auf Windkanal und CFD gesetzt. "Es ist wichtig einen mittel- bis langfristigen Plan zu haben, mit einer Übergangsphase in der Einführung", ergänzt McLaren-Teamchef Andreas Seidl.

Obwohl sein Windkanal-Projekt in Woking weiter vorangetrieben wird, stimmt das Team einem Verbot ab frühestens 2030 grundsätzlich zu. Laut Informationen von 'RaceFans.net' soll das Unterfangen stolze 20 Millionen US-Dollar verschlingen.

"Das ist eine sehr komplizierte und schwierige Diskussion", findet auch Williams-Geschäftsführer Jost Capito. "Vor zehn Jahren hätte man sich nie vorstellen können, wo wir jetzt sind, und diese Technologie entwickelt sich noch schneller."

Der Deutsche zweifelt noch daran, ob 2030 der richtige Zeitpunkt für ein Verbot der Windkanäle ist. "Nachhaltigkeit ist sicherlich sehr wichtig für uns alle, aber es sind nicht nur Windkanäle, auch die Computer verbrauchen eine Menge Energie, also müssen wir uns alle Details anschauen."


Fotos: F1: Grand Prix von Monaco (Monte Carlo) 2021


Dann müsse die Formel-1-Kommission eine "durchdachte und einvernehmliche Entscheidung" treffen. Durch die Reduktion der Windkanal-Zeit arbeite zumindest sein Williams-Team bereits "sehr effizient", betont er außerdem.

Haas-Teamchef Günther Steiner stimmt zu: "Diese Diskussion benötigt noch viel Überlegungsarbeit. Wir müssen sehen, was CFD kann. Ist das der richtige Weg?", fragt er sich. "Noch wurde diese Entscheidung nicht getroffen, aber es gibt den Plan, [Windkanäle] zu verbieten."

Der Südtiroler weiß, dass diese Entscheidung wohlüberlegt sein muss. "Wir geben uns viel Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Dann wird auch das Richtige für die Zukunft der Formel 1 herauskommen."

Prognosen gehen davon aus, dass im nächsten Technischen und Sportlichen Reglement (2026 bis 2030) eine Skala für Windkanal-Zeiten festgeschrieben wird, um die Verwendung sukzessive ausschleifen zu lassen und einen harten Übergang zu vermeiden.

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