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  • 16.12.2015 · 12:29

  • von Sven Haidinger & Dominik Sharaf

"Frenemy": Wieso Mercedes Ferrari braucht

Keine Spur von bitterer Rivalität: Warum Mercedes Herausforderer Ferrari braucht, wie weit die Freundschaft geht und wie Ferrari die Silberpfeile 2016 übertrumpfen will

(Motorsport-Total.com) - "Ferrari? Die werden dieses Jahr total untergehen." Das hat ein Kollege dieses Jahr bei den Wintertests in Jerez geflüstert. Die Vorgabe von drei Saisonsiegen schien völlig illusorisch, das Team nach dem radikalen Umbau in Unruhe. Doch dann legten die Roten aus Maranello einen starken Test hin, bestätigten mit dem Sieg im zweiten Rennen die gute Form und erreichten am Ende mit drei Triumphen von Sebastian Vettel sogar das Saisonziel.

Nico Rosberg, Sebastian Vettel

Auf der Strecke Rivalen, politisch oft einer Meinung: Mercedes und Ferrari Zoom

Nächstes Saisonziel? Mercedes schlagen! Und erneut wird Ferrari dafür derzeit belächelt. "In der Zeitung wurden wir hinterfragt, was wir eigentlich wollen, denn wir werden sowieso Zweiter, weil Mercedes gewinnen wird", sieht sich auch Teamchef Maurizio Arrivabene mit enormem Gegenwind konfrontiert. "Aber was sollen wir in Hinblick auf unsere Ziele sagen? Dass ich nächstes Jahr gerne Zweiter werden würde?"

Dem Italiener, der vor einem Jahr das Zepter in Maranello in die Hand genommen hat, ist bewusst, dass er sich einer Herkulesaufgabe stellt: "Es ist unser Ziel, sie zu schlagen, aber das heißt nicht, dass wir es auch erreichen werden. Wir werden uns auf jeden Fall sehr bemühen." Oder anders formuliert: "Unser Ziel für 2016 ist es, dass meinem Freund Toto (Wolff, Mercedes-Motorsportchef; Anm. d. Red.) das Lächeln vergeht."

Wie Ferrari wieder auf Kurs kam

Ende 2014 stand Ferrari vor einem Scherbenhaufen. Fernando Alonsos zahlreiche gescheiterte Versuche, mit der Scuderia den Titel einzufahren, hatten nicht nur den Spanier frustriert, sondern auch das Team zerrüttet - von Harmonie war keine Spur mehr. Die Abteilungen arbeiteten gegeneinander, denn die Angst vor rollenden Köpfen war enorm.

Fernando Alonso

Bei der Heckpartie griff Ferrari 2014 komplett daneben Zoom

Bestes Beispiel war das 2014er-Auto: Weil die Chassis- und die Motorenabteilung nicht ausreichend miteinander kommuniziert hatten, fiel die Heckpartie für die kompakte Antriebseinheit viel zu klobig aus - einer der Gründe, warum man vor der Saison 2015 beim Antrieb so große Fortschritte machte: Aerodynamik und Antrieb waren aufeinander abgestimmt.

Auch die Fahrbarkeit des Antriebs hat sich massiv verbessert, wodurch auch der hohe Spritverbrauch deutlich gesenkt werden konnte. Arrivabene weiß genau, dass man nur als Einheit den nächsten Schritt machen kann.

"Dieses Jahr haben wir vor allem beim Motor große Fortschritte gemacht", sagt der ehemalige Philip-Morris-Manager. "Die Chassis- und Aerodynamik-Jungs haben aber nicht geschlafen. Damit alles passt, muss jedes Detail stimmen - denn der Teufel steckt im Detail. Am wichtigsten ist, dass alle Jungs zusammenarbeiten und einander helfen."

Hat Mercedes Ferrari geholfen?

Niki Lauda, Helmut Marko

Helmut Marko glaubt, dass Mercedes Ferrari technisch geholfen hat Zoom

Fakt ist aber auch, dass Mercedes Ferrari braucht, denn der sportliche Wert der silbernen Erfolge steigt, wenn man sie im Duell gegen das italienische Traditionsteam erringt. Daraus macht Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff kein Hehl: "Die Konkurrenz durch Ferrari ist gut, denn für die Formel 1 ist es sehr wichtig, dass vorne mehr los ist. Ferrari ist unser bester Frenemy." Also eine Mischung aus Freund und Feind.

Doch wie weit geht die Freundschaft? Schon im Frühjahr hatte Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko gegenüber 'Sport Bild' gemeint, dass die Ferrari-Fortschritte beim Motor nicht aus eigener Kragt gelungen sind: "Ich bin sicher, dass Mercedes Ferrari geholfen hat." Auf Empfehlung von Mercedes habe man den ehemaligen AMG-Cheftechniker Wolf Zimmermann - einen absoluten Hybridexperten - engagiert.

Interessant ist, dass Ferrari und Mercedes politisch meist einer Meinung sind und sich selbst bei strittigen Themen wie der Windkanalnutzung von Haas in Maranello, die dem Missbrauch Tür und Tor öffnet, mit Samtpfoten anfassen. Und auch in der Diskussion um einen Alternativmotor hält man zusammen.

Kann Ferrari Mercedes 2016 ernsthaft fordern?

Doch wie ernst nimmt Mercedes die Konkurrenz von Ferrari? "Es gibt viele Gründe, um für 2016 skeptisch zu sein", hat Wolff die Roten auf der Rechnung. "Und das sollten wir auch sein, damit wir im Winter gute Arbeit leisten. Was ich in den unterschiedlichen Abteilungen gesehen habe, stimmt mich sehr positiv, wir müssen es aber erst zusammenbringen."

Vor allem in Sachen Aerodynamik war das Team von Sebastian Vettel diese Saison durch das Grundkonzept des Autos in seinem Entwicklungspotenzial limitiert. Die lange Nase hat sich als Nachteil erwiesen, da aber Ferrari als einziges Team auf eine Zugstreben-Aufhängung, die dieses Konzept zu verlangen scheint. Man wird sehen, ob Technikchef James Allison nächstes Jahr auf eine neue Philosophie setzt.

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