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Haas-Einstieg: Viel Bewunderung und noch mehr Warnungen

Das erste neue Team in der Formel 1 seit sechs Jahren ist für viele willkommen - Colin Kolles warnt Gene Haas vor enormen Investitionen, David Richards hat Zweifel

(Motorsport-Total.com) - Es ist das richtige Signal zur richtigen Zeit für die Formel 1: Ein neues Team gesellt sich in der Saison 2016 hinzu. Nach den Pleiten und - zum Teil gerade noch abgewendeten - Insolvenzen von Teams in den vergangenen Jahren scheint es das Schicksal nun gut zu meinen: Renault hat Lotus gerettet, Red Bull einen Motor gefunden, es werden sogar künftig zwei Fahrzeuge mehr in der Startaufstellung stehen. Doch Gene Haas wird ein rauer Wind entgegenwehen, warnen Colin Kolles und David Richards.

Haas-Logo

Wird sich das Haas-Team in der Formel 1 etablieren können? Zoom

Kolles, Norbert Haug und Hans-Joachim Stuck diskutieren bei 'Servus TV' den Einstieg des amerikanischen Teams in die Formel 1. "Ich beglückwünsche jemanden, der es wagt, in die Formel 1 reinzugehen", sagt der frühere Mercedes-Motorsportchef. Stuck ist der Meinung, dass ein neues Team für den Fortbestand der Formel 1 sehr wichtig sei. Von den 2010 eingestiegenen Teams ist nur Manor durch eine Last-Minute-Rettung übriggeblieben. Das letzte Team, das sich in der Formel 1 wirklich etablieren konnte, ist der heutige Red-Bull-Rennstall, der 1997 als Stewart GP debütierte.

Während sich die Formel 1 nach allen Negativschlagzeilen endlich wieder über Zuwachs freuen kann, bleibt die Stimmung dennoch skeptisch. "Ich glaube, es wird sehr schwierig sein", sagt Kolles. Nur wenn das Team einen langen Atem habe, könne es funktionieren. Ob dieser vorhanden ist, bezweifelt er aber: "Ich habe in meinem Leben sehr viele Milliardäre kennengelernt, die viel Interesse am Formel-1-Business hatten. Dann erzählen sie, wie viele tolle Geschäfte sie haben und dass sie 60 oder 100 Firmen haben und wie viele Milliarden sie verdienen."

Milliardäre auf falschem Fuß erwischt

Das aber sei ein anderes Business, führt Kolles aus und legt nach: "Ich sage jedem Investor: 'Nehmen Sie eine Million Pfund und schmeißen Sie die ins Feuer - die werden langsamer verbrennen als in der Formel 1, wenn Sie nicht wissen, was Sie tun.'" Dass Haas-Teamchef Günther Steiner bereits davon redete, Geld in der Formel 1 verdienen zu wollen, wertet er nicht als positives Zeichen: "Ich könnte ihm erzählen, wie ich Geld verdient habe in der Formel 1. Es ist schon möglich. Aber ich glaube, er meint einen anderen Weg als den, den ich meine."


Fahrerbekanntgabe von Haas

Der rumänische Zahnarzt hat viele Milliardäre kommen und gehen sehen: Alex Shnaider, der das Jordan-Team gekauft und in Midland umgetauft hat, ist ein Beispiel: "Nach eineinhalb Jahren hat er gemerkt, dass er sehr viel nachschießen muss. Dann hat er verstanden, was ich ihm eineinhalb Jahre vorher erzählt hatte, und dann hat er sich entschieden zu verkaufen." Kolles firmierte das Team in Spyker um und verkaufte anschließend an Vijay Mallya. Seitdem heißt der Rennstall Force India.

"Eines Tages, und das ist nur ein Geduldsspiel, wird sich auch Herr Haas fragen, was da passiert", so der 47-Jährige weiter. "Genauso, wie sich ein Herr Tscheglakow gefragt hat, was da passiert, genauso wie sich ein Herr Carabante gefragt hat, was in den ersten sechs Monaten mit seinem Geld passiert ist, nämlich gar nichts. Das ist das Problem." Die Besitzer der Teams von Marussia und HRT mussten schnell einsehen, dass die Formel 1 finanziell ein Fass ohne Boden sein kann. Die Hoffnung ist allerdings, dass Haas ein echter Racer ist, wie Haug einwirft.

Infrastruktur als großes Fragezeichen

Gene Haas

Meint es Gene Haas ernst? David Richards hat Zweifel Zoom

Ein Engagement in der Formel 1 mache nur Sinn, wenn man Erfolg hat, sagt Kolles, der momentan in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) ein eigenes Team an den Start bringt. "Die Herrschaften von Mercedes haben wenigstens die Weltmeisterschaft gewonnen. Wenn du aber 300 Millionen durch den Schornstein fegst und du bist Letzter, dann schaut's nochmal schwieriger aus." Und solche Summen können schnell nötig werden, um in der Formel 1 Fuß zu fassen und zwei bis drei Jahre zu fahren.

Ob Haas die nötige Infrastruktur besitzt, daran zweifeln auch Stuck und Haug. "Die Grundvoraussetzungen sind nicht unbedingt gut", zweifelt der DMSB-Präsident. Das Programm erstreckt sich über drei Standorte auf zwei Kontinenten. "Ich denke, es wird sich über kurz oder lang darauf konzentrieren, dass man von England aus operiert", prognostiziert Haug. Den Schwachpunkt sieht er vor allem bei Dallara. Die Italiener hatten bereits für HRT Chassis gebaut, die aber sogar gegen Virgin/Marussia und Lotus/Caterham wenig konkurrenzfähig waren.

Start wird schwierig, Zeit danach noch schwieriger

Eine weitere mahnende Stimme kommt von Prodrive-Boss David Richards, der einst das BAR-Team geleitet hat. "Teams kommen mit Erwartungen in die Formel 1, aber wenn sie zum ersten Rennen kommen, sieht die Sache plötzlich anders aus. Es ist ein böses Erwachen." Da helfe auch alle Kooperation mit Ferrari nicht, warnt er.

Allerdings hat Richards Zweifel, dass es überhaupt so weit kommen wird: "Es ist jetzt Dezember und der erste Test ist Ende Februar, aber wir haben bislang noch überhaupt nichts gesehen, nicht einmal das kleinste Schnipsel eines Windkanalmodells. Auch habe ich noch nichts von einer Belegschaft gehört. Es ist sehr still geworden und es wird definitiv ein böses Erwachen."

Selbst wenn es das Haas-Team nach Australien schaffen sollte, gehen die Probleme erst richtig los, weiß Kolles: "Die werden zwei Jahre lang kein FOM-Geld bekommen. Dafür müssen sie erst zweimal Top 10 in der WM sein, also müssen sie erst malmindestens Manor schlagen. Das wird schon schwierig genug. Und die Sponsorensituation, vor allem für hintere Teams, aber auch für die, die vorne fahren, hat sich komplett geändert. Die Sponsorenlandschaft ist nicht mehr so, wie sie vor zehn, 15 oder 20 Jahren war."

Dennoch bleibt der Formel 1 nichts als Hoffen, damit es endlich wieder positive Schlagzeilen gibt. "Hoffentlich setzt das Haas-Team ein gutes Beispiel, das Nachahmer finden kann, denn das braucht die Formel 1 dringend", so Norbert Haug. "Hoffentlich funktioniert dieses Beispiel und hoffentlich geht es nicht so aus, wie wenn sich Hamburg um die Olympischen Spiele bewirbt." Zumindest wird Haas nicht die Bevölkerung fragen müssen...

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