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  • 12.08.2016 · 10:35

  • von Dominik Sharaf

Felipe Massa im Interview: "Hamilton mangelt es an Konstanz"

Felipe Massa im Interview: Wieso Williams zuletzt rückwärts fuhr, wo Lewis Hamiltons Schwächen liegen und wieso die weitere Karriereplanung so schwierig ist

(Motorsport-Total.com) - Felipe Massa bestreitet 2016 bei Williams seine 15. und möglicherweise letzte Formel-1-Saison. Grund genug, den gemeinsam mit Jenson Button erfahrensten Piloten im Starterfeld vor das Mikrofon zu bitten. Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' erklärt der 35-Jährige, wieso Williams zuletzt rückwärts fuhr, welche Rolle Michael Schumacher in seiner Karriere spielte und welche Defizite er bei seinem ehemaligen Titelrivalen Lewis Hamilton ortet.

Felipe Massa

Für Felipe Massa ist Lewis Hamilton keineswegs makellos Zoom

Frage: "Felipe, du bist in deiner Karriere gegen alle großen Rennfahrer dieser Generation von Michael Schumacher über Kimi Räikkönen zu Sebastian Vettel gefahren. Gegen wen war es am härtesten?"
Felipe Massa: "Wenn ich mich festlegen muss: Michael und Fernando. Die beiden waren die konkurrenzfähigsten Piloten in meinem Umfeld."

"Mit Fernando hatte ich größere Schwierigkeiten als mit Michael, aber Michael hat immer versucht, mir zu helfen, er war wie ein Lehrer. Beide waren als Teamkollegen sehr stark, sind aber komplett unterschiedlich, haben einen unterschiedlichen Stil. Was sie verbindet, ist ihr enormes Talent."

Frage: "2008 hast du gegen Lewis Hamilton um den Titel gekämpft. Ist er der Pilot, der am schwierigsten zu überholen ist?"
Massa: "Nein, ich finde, dass es viele Fahrer gibt, die schwer zu überholen sind. Lewis gehört dazu. Er ist aber auf jeden Fall ein fantastischer Fahrer. Ich würde sagen, dass er nicht 100-prozentig konstant ist, wenn es um den Umgang mit den Reifen geht, um das Verstehen des Autos. Da sind andere besser. Dafür hat er vielleicht am meisten Talent, wovon er sehr profitiert."

Felipe Massa, Dominik Sharaf

Motorsport-Total.com-Reporter Dominik Sharaf im Gespräch mit Felipe Massa Zoom

Frage: "Und er ist nicht so gut wie Michael?"
Massa: "Doch, sicher. Aber ich bin nie mit ihm in einem Team gefahren, also kann ich das nicht mit Sicherheit sagen."

Frage: "Du kannst mit den Ergebnissen der ersten Saisonhälfte nicht wirklich zufrieden sein. Glaubst du an eine Verbesserung?"
Massa: "Ja, wir müssen uns verbessern. Es gibt eine Chance, und wir müssen es umsetzen. Das Auto muss konkurrenzfähiger werden, mit den Reifen besser umgehen. Wir kämpfen immer noch um den vierten Platz. Dieses Ziel müssen wir erreichen."

Frage: "Im Vorjahr hättest du in Spielberg und in Silverstone beinahe gewonnen. Dieses Jahr seid ihr weit davon entfernt. Was ist schiefgelaufen?"
Massa: "Das Auto ist nicht mehr so konkurrenzfähig wie es war."

Frage: "Haben die anderen schneller entwickelt?"
Massa: "Ja klar, die anderen haben sich viel besser entwickelt als wir. 2014 waren wir von der Saisonmitte bis zum Jahresende das zweitbeste Team. 2015 waren wir zunächst das drittbeste Team, aber dann hatten wir mit Rennställen zu kämpfen, die etwas weiter zurückliegen. Dieses Jahr kämpfen wir immer gegen diese Teams. Mercedes und Ferrari liegen vor uns, Red Bull hat uns überholt und ist jetzt sogar das zweitbeste Team."

Frage: "Nächstes Jahr ist alles offen, weil ein neues Reglement kommt und über die Reifen mehr Abtrieb generiert wird. Viel Grip, ein bisschen wie 2008 - das klingt nach einem Fall für Felipe Massa. Das magst du doch, oder?"
Massa: "Ja, zuerst steht aber die Entscheidung über meine Zukunft an. Erst dann werde ich über die Regeln nachdenken. Ich muss analysieren und herausfinden, was das beste für mich ist."

Frage: "Es ist nicht sicher, ob du bei Williams bleiben wirst..."
Massa: "Ich weiß nicht."

Frage: "Du hast vor einiger Zeit noch gesagt, dass du deine Karriere bei Williams beenden willst. Hast du deine Meinung geändert?"
Massa: "Es ist wichtig, für jemanden zu fahren, wo ich glücklich bin. Ich will eine wichtige Rolle spielen, will konkurrenzfähig sein, will das Team beim Wachsen unterstützen. Ich arbeite gerne mit Williams - daran hat sich nichts geändert. Die Zukunft ist aber offen. Wenn dein Vertrag ausläuft, dann musst du die Zukunft neu überdenken. Das mache ich."

Felipe Massa

Massa schließt nicht aus, dass er Ende des Jahres seine Formel-1-Karriere beendet Zoom

Frage: "Du hast gesagt, dass du konkurrenzfähig sein willst. Meinst du damit Rennen gewinnen?"
Massa: "Ja. Ich will Rennen gewinnen. Ich will konkurrenzfähig sein, ich wünsche mir, dass es vorwärts geht, dass das Team in die Zukunft und in das Wachstum investiert. Es interessiert mich nicht, nur mitzufahren."

Frage: "Würden dich andere Serien interessieren?"
Massa: "Ja, es gibt viele gute Serien, die interessant sind, aber schauen wir mal, was jetzt in der Formel 1 passiert."

Frage: "Vor dem Wechsel zu Williams hat dich die DTM gereizt."
Massa: "Ja, ich mag die DTM. Ich mag auch die WEC, und sogar die Formel E könnte interessant sein."

Frage: "Ist die Formel E die Serie der Zukunft?"
Massa: "Das könnte sein. Die Serie wächst, obwohl sie noch deutlich wachsen muss, wenn sie die absolute Königsklasse werden will. Die Wochenenden sind gut, es macht Spaß zuzuschauen. Alles geht in die Elektro-Richtung, und dazu passt auch die Formel E. Ich bin aber nicht sicher, ob sie die Formel 1 je überholen wird."

Frage: "Du sprichst viel mit deinen Landsleuten in anderen Serien wie Lucas di Grassi oder Augusto Farfus..."
Massa: "Ja, mich interessieren ihre Meinungen über die anderen Serien, auch in Hinblick auf meine Zukunft."

Frage: "Redet ihr auch über dein Kartrennen?"
Massa: "Ich veranstalte es nicht mehr. Ich habe damit vor drei Jahren aufgehört, obwohl es wirklich fantastisch war. Vielleicht gibt es aber in Zukunft ein Comeback. Wer weiß?"

Frage: "Du lebst in Monaco wie viele andere Fahrer. Wie oft trefft ihr euch?
Massa: "Ja, wir fliegen manchmal gemeinsam zu den Rennen. Die Fahrer sind einander heute näher als in der Vergangenheit. Das ist gut. Auf der Strecke sind wir harte Konkurrenten, da spielt es keine Rolle, ob ein Fahrer dein Freund ist oder nicht, aber außerhalb des Autos wird unser Verhältnis besser."

Felipinho Massa

Der sechsjährige Felipinho Massa ist bereits mit dem Rennvirus infiziert Zoom

"Manchmal treffe ich andere Piloten in Monaco. Das passiert nicht dauernd, aber Daniel Ricciardo und ich sehen uns immer wieder. Er lebt im gleichen Haus wie ich. Wir sind auch gemeinsam nach Hockenheim gereist. Mit David Coulthard habe ich ein enges Verhältnis, auch Pastor Maldonado treffe ich dauernd in Monaco."

Frage: "Glaubst du, dass dieses gute Verhältnis zum Beispiel mit Daniel auch einen Titelkampf aushalten würde?"
Massa: "Ja sicher. Wenn Daniel und ich auf der Strecke aufeinander treffen, dann tue ich alles, um ihn zu überholen. Da spielt es keine Rolle, ob wir um eine gute Rennplatzierung, um den Sieg oder um die WM kämpfen. Da ist es wie mit jedem anderen. Das bedeutet aber nicht, dass wir nach dem Rennen kein gutes Gespräch oder keinen Spaß haben können."

Frage: "Dein Sohn hat Daniel bei einem Kartrennen auf deiner Terrasse herausgefordert und gewonnen. Gibt es Pläne, dass er selbst Rennfahrer wird?"
Massa: "Das hängt ganz von ihm ab. Er muss mir zeigen, dass er wirklich fahren will. Dann werde ich ihn als Vater unterstützen. Das kommt aber nicht von mir. Ich werde ihn sicher nicht irgendwo hindrängen, damit er etwas tut, was eigentlich ich von ihm will. Es liegt an ihm. Er weiß ja, was es bedeutet, ein Rennfahrer zu sein."

Frage: "Ich habe den Eindruck, dass Max Verstappens Vater unbedingt wollte, dass sein Sohn Rennfahrer wird. Er hat sein ganzes Leben geplant. Ist das deiner Meinung nach zu viel Druck für ein Kind?"
Massa: "Max ist der geborene Rennfahrer, er liebt das Rennfahren, die Geschwindigkeit, den Wettkampf. Vielleicht hat ihn sein Vater dorthin gepusht, aber er hat das Talent. Wenn das der Fall ist und man den Sport liebt, dann kann das funktionieren, sonst sicher nicht."

Frage: "Während in der Vergangenheit viele erfolgreiche brasilianische Piloten in die Formel 1 geströmt sind, ist diese Entwicklung ins Stocken geraten. Abgesehen von Felipe Nasr tut sich nicht viel. Macht dir das Sorgen?"
Massa: "Wir alle machen uns Sorgen um die brasilianischen Fahrer. Vielleicht sogar um das Rennen, denn wir könnten auch den Brasilien-Grand-Prix verlieren. Brasilien hat diesbezüglich schon bessere Zeiten erlebt. Ich hoffe wirklich, dass wir weiterhin einen brasilianischen Piloten haben werden, der unser Land repräsentiert, denn irgendwann wird auch meine Zeit in der Formel 1 abgelaufen sein."