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  • 19.04.2013 · 09:17

  • von Christian Nimmervoll & Dieter Rencken

Ecclestone ungeduldig: Steht Interlagos auf der Kippe?

Wenn die Stadt Sao Paolo die Strecke in Interlagos nicht umbaut, will Bernie Ecclestone den Grand Prix trotz Vertrag für 2014 vom Rennkalender streichen

(Motorsport-Total.com) - Bis Ende 2014 läuft der aktuelle Grand-Prix-Vertrag zwischen Bernie Ecclestone und der Stadt Sao Paulo, doch für den Formel-1-Promoter ist dennoch keineswegs in Stein gemeißelt, dass das Rennen auch nächstes Jahr stattfinden wird. Denn damit die Königsklasse auch nach 2013 weiterhin nach Brasilien kommt, fordert Ecclestone unmissverständlich eine Modernisierung der extrem in die Jahre gekommenen Anlagen.

Autodromo Jose Carlos Pace

Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone mit seiner brasilianischen Ehefrau Fabiana

Die Logistiker und Caterer der Teams klagen seit Jahren darüber, dass sie im Paddock viel zu wenig Platz haben, und auch die Teamchefs sind eingeschränkt, weil es keine Meetingräume gibt - Treffen müssen daher meistens improvisiert in den Boxen stattfinden. Vergleichbaren Platzmangel gibt es nicht einmal auf Stadtkursen wie in Monte Carlo, Melbourne oder Montreal, obwohl diese auch bei weitem nicht so modern sind wie etwa die noch relativ neue (temporäre) Anlage in Singapur.

Gilberto Kassab, Bürgermeister von Sao Paulo außer Dienst, hatte Ecclestone bereits vor einiger Zeit versprochen, Interlagos einer Verjüngungskur zu unterziehen, und dafür umgerechnet 90 Millionen Euro kalkuliert. Unter dem neuen Bürgermeister Fernando Haddad ist dieser Posten jedoch zumindest im Budget für 2013 nicht vorgesehen. Ecclestone wird jetzt aber ungeduldig und droht der Stadtverwaltung damit, ihr den Grand Prix nach der 2013er-Auflage wegzunehmen, sollte der Umbau nicht bis 2014 abgeschlossen sein.

Ecclestone: Nur aus Sentimentalität noch in Interlagos?

"Interlagos hat seine Versprechen nicht gehalten. Jetzt müssen sie aber handeln", kritisiert der 82-Jährige im Interview mit 'O Estado de S. Paulo'. "Wenn mich mit Brasilien nicht langjährige Gefühle verbinden würden, wäre die Formel 1 gar nicht mehr dort. Die Strecke selbst ist eine der besten der Welt, aber die Infrastruktur für die Fans und die Teams ist die schlechteste des gesamten Kalenders. Es muss ja nicht wie in Schanghai sein, aber zumindest müssen unsere wichtigsten Bedürfnisse abgedeckt werden."

Der Vertrag läuft eigentlich bis Ende 2014, aber Ecclestone lässt durchblicken: Wenn er bis Mitte dieses Jahres keine feste Zusage von der Stadtverwaltung Sao Paulos hat, dass sie den Umbau vorantreiben wird, könnte der Vertrag vorzeitig gekündigt werden. Das freilich schließt Bürgermeister Haddad aus: Man habe eine rechtsgültige Vereinbarung getroffen, die nicht an die Bedingung geknüpft sei, dass eine Modernisierung erfolgen muss.

Aber Ecclestone macht im Rahmen seiner Möglichkeiten Druck, denn: "Wir können von den anderen Rennstrecken auch nichts mehr verlangen, wenn Interlagos Jahr für Jahr so bleibt, wie es ist. Die anderen Veranstalter wissen ja, wie es in Interlagos aussieht, und das ist demoralisierend." Und er stellt klar: "Dieses Jahr erwarte ich keine Änderungen. Aber wenn die Strecke danach nicht in einem ordentlichen Zustand ist, dann wird die Formel 1 Sao Paulo 2014 nicht mehr brauchen."

"Wenn ich bis zur Erstellung des neuen Kalenders (im kommenden Juni oder Juli; Anm. d. Red.) keine Garantien habe, dass die Strecke unseren Anforderungen entsprechen wird", dann werde man Interlagos streichen, untermauert der Formel-1-Geschäftsführer. In diesem Fall sei es dann auch notwendig, kompromisslos zu sein und Interlagos nicht einmal unter Vorbehalt aufzunehmen, sondern sofort komplett vom Rennkalender zu streichen.

Boxengasse/Paddock könnte verlegt werden

Zumindest den Masterplan für den Umbau gibt es schon: Weil der Platz für eine Erweiterung des Paddock-Komplexes und der Boxengasse entlang der aktuellen Start- und Zielgerade fehlt, soll entlang der Gegengerade nach dem Senna-S ein komplett neuer Komplex gebaut werden. Das würde auch die Problematik der gefährlichen Einfahrt in die Boxengasse entschärfen, denn bisher biegen Sebastian Vettel und Co. bei knapp 300 km/h und voller Fahrt ab.

Bernie und Fabiana Ecclestone

Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone mit seiner brasilianischen Ehefrau Fabiana Zoom

Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen ist, dass die Formel 1 Brasilien-intern von Sao Paulo in den südlich gelegenen Bundesstaat Santa Catarina verlegt wird, bisher nur bekannt durch ein prominent besetztes Kartrennen in Florianopolis. "Ich war vor Weihnachten dort", verrät Ecclestone gegenüber 'O Estado de S. Paulo' und betont, dass er "beeindruckt" vom Tatendrang der dortigen Projektleiter sei. Eine Gruppe aus Rio de Janeiro habe ihn ebenfalls kontaktiert, diese Variante gilt jedoch in Insiderkreisen als fast ausgeschlossen.

"Ich habe die Versprechen satt", stellt Ecclestone Interlagos die Rute ins Fenster. "Ich habe gehört, dass die Stadt auch nicht Teil des Confederations-Cups ist, weil das Stadion nicht fertig ist. In der Formel 1 kann es genauso kommen." Bürgermeister Haddad beruhigt aber: "Ich habe der FIA schon vor einem Monat einen Brief geschickt und zugesagt, dass wir uns um die Rennstrecke kümmern werden."